S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wir schweißnassen Selbstausbeuter

Wir wollen billig einkaufen, wir wollen geizig und geil sein. Wir wollen den Wettbewerb, hurra, überall Wettbewerb. Jetzt haben wir ihn - für jeden von uns. Und können eigentlich nur noch abwarten, wer zuerst unter dem Stress zusammenbricht: Sie oder ich?

Willkommen im Neoliberalismus. Den wollen wir heute feiern, denn endlich hat er alle Bereiche unseres Lebens erreicht. Alle Nischen für Menschen, die nicht wirken, als würden sie dauernd Halbmarathon laufen und sich als geölte Maschine verstehen, sind verschwunden.

Postbotinnen haben Angst, die Norm nicht zu erfüllen, schaffen sie auch nicht, und schon radelt ein neuer, unter Druck stehender Mensch bei Regen um die Häuser. Die Theater werden endlich wirklich geschlossen, es gibt keine Orte mehr für Freaks, für Menschen, die langsamer sind oder anders, kurz - nicht wettbewerbsfähig. Keine Ahnung, wohin die Sonderbaren verschwunden sind.

Wir, die wir noch funktionieren, sind nervös geworden und auch schlampig geworden, weil Sorgfalt und Wettbewerb sich nicht vertragen. Jeder steht im Wettbewerb mit jedem, in Branchen, wo man es nie vermutet hätte. Wir alle müssen mehr und schneller produzieren, egal was. Egal warum. Der Wettbewerb, die Konkurrenz schläft nicht. Die Gemütlichkeit ist verschwunden, der persönliche Kontakt folgt.

Man kennt seinen Hausarzt nicht mehr, den Bäcker, die Orthopädin, den Schalterangestellten. Da gäbe es auch nicht viel zu kennen. Keine Zeit, die Rotation, der Stress, auf Wiedersehen. Merken Sie es auch? Stehen Sie am Morgen schon unter Strom und reden sich ein, das sei Energie, die Sie durchströmt? Sorry, ist leider nur Angst. Davor, nicht zu genügen, aus dem Rennen zu fliegen, die Miete nicht mehr zahlen zu können, zehn Jobs machen zu müssen, die immer noch nicht langen.

Zurück in der Steinzeit

Die dauernde Anspannung lässt die Menschen gereizt werden. Wie eine Rotte Kokser sind viele ungeduldig, sie hassen Fehler, Verzögerung, Ineffizienz, kurz - sie hassen andere Menschen. Wir brauchen sie nicht mehr, sie sind zu Konkurrenten geworden, herzlichen Glückwunsch, zurück in der Steinzeit. Die anders aussieht und schmeckt, der Mensch hat heute keine Körperbehaarung mehr, sondern gleicht einer Plastikpuppe, um den Fortschritt klarzumachen. Wo der nur stecken mag.

Oh klar, vergessen, wir haben die Wahl, wir können zwischen Waren wählen, neue Länder ausprobieren. Allerdings liegt nicht mehr drin, in Australien wartet der Wettbewerb genauso wie in Asien, oder wo es sonst noch Raum für Aussteigerträume geben könnte. Empathie und Gelassenheit bleiben auf der Strecke. Sie rentieren sich nicht. Wir beuten uns selber aus, wenn nicht, wird der Job gerne von anderen erledigt.

Der Ton verschärft sich nicht mehr, er ist kaum noch vorhanden. In fast allen Bereichen ist der Arbeitnehmer ersetzbar geworden, es lungern zu viele willige, kostenlose Praktikanten herum. Die alles nicht besser machen können, aber billiger. Wettbewerbsfähiger, Sie wissen schon.

Wir wünschen uns gemütliche Läden an der Ecke zurück, träumen von Buchhändlern und Postboten, die wir mit Namen kennen, Nachbarn, mit denen wir auf der Straße reden, sehnen uns nach gemächlichem Fahren mit Rädern und Bummeln über Märkte, aber das wird leider nichts mehr. Fahrradfahren, bitte nur mit Helm, ist ein kleiner Überlebenskampf geworden, die Läden an der Ecke verschwinden, wer kann die Mieten noch zahlen, und es ist doch nett, dass es überall gleich aussieht, dass wir in einer verständlichen Zara-Google-Welt leben, ist doch toll.

Sagen Sie nicht, Sie haben nichts davon gewusst. So wollten wir alle leben, so haben wir gewählt, so wollen wir sein. Wir haben gelacht, als die ersten Zeitschriften eingingen. Und die Buchhändler - selber schuld, wir wollten raubkopieren, billiger einkaufen, geizig und geil sein.

Wir wollten den Wettbewerb, hurra, den Wettbewerb. Und jetzt warten wir mal ab, wer von uns überleben wird.