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25. Mai 2019, 17:34 Uhr

Lächerliche Machtstrukturen

Zur Erheiterung denkender Menschen

Eine Kolumne von

Wer nicht begreift, dass sich unsere Welt verändert und wir uns mit ihr ändern müssen, ist ängstlich oder dumm - oder beides. Zum Glück können wir heute über solche Leute lachen.

Eine spannende Zeit, um auf der Welt zu sein, die sich wie seit dem Urknall verändert. Jetzt einfach in schnell. Jetzt einfach in erheiternd. Denn alles, woran die Menschen lange geglaubt hatten (Herrenmenschen, die Überlegenheit des Mannes, des Weißen, die Märkte, die eingeborene Zuteilung eines Platzes in der Hierarchie) scheint außer Kraft gesetzt.

Die herrschende Klasse, ein wunderbarer Begriff, der aus der Mode gekommen schien, sorgt sich um den Erhalt des Staats, den sie zuvor mit wieselflinker Energie und Beharrlichkeit abschaffen wollte. Wozu für einen Staat zahlen, wenn man alles privatisieren kann, hat sie sich gefragt. Gehabt. Bis auch dem letzten Ayn-Rand-Fan klar zu werden schien: Fetzt das wirklich, wenn wir da draußen vor unserem Wassergraben aus finanziellen Gründen keinen mehr haben, der den Scheiß, den wir herstellen, kaufen kann? Ist das toll, wenn hinter dem Wassergraben, der kein Wasser mehr führt, weil wir es privatisiert haben und mit dem uns eignen Geiz keinen Bock haben, dafür zu zahlen, Kriege herrschen? Bürgerkriege, Revolution und apropos:

Beim Schreiben dieses Textes ist Muttertag. Hoch leben die Mütter! Zum Beispiel die des neuen ADAC-Präsidiums, das aussieht wie das alte Präsidium, nur mit anderen Krawatten. Hurra dieser Zeit, in der Herren ratlos auf die komplette Machtübernahme durch Frauen starren.

Und das Großartige in unserer Zeit ist, dass dieses Bild , das noch vor einigen Jahren komplett normal schien, heute zu großer Erheiterung vieler denkender Menschen beiträgt. Trotz aller Versuche, eine Veränderung der Erde hin zu mehr Gerechtigkeit zu verhindern - es gelingt nicht richtig.

Das Abgleiten Europas in die globale Bedeutungslosigkeit lässt sich nicht aufhalten. Zu lange haben Herren mit dummen Krawatten das getan, was sie Kraft ihrer Überzeugung, im Besitz der Wahrheit zu sein, eben tun: Alles wie immer. Angst vor Veränderung. Angst vor Machtverlust, Angst vor Krawatten, die sich nachts zu Oktopussen zusammensetzen, Angst eben. Die Beeindruckung des Nebenmannes immer auf dem Plan. Die Abwertung alles Weiblichen, die Abwertung von allem, was vom Normzustand - also männlich und straight - abweicht. Dito.

Die Bedeutungslosigkeit, apropos. Wenn es eine Kraft gibt, die Europa auch in den Zeiten der globalen Unwichtigkeit am Leben halten wird, dann sind es Frauen. Die sind die Bedeutungslosigkeit gewohnt, sie kennen sich aus mit Gewalt und Beherrschtwerden, sie leben immer noch, trotz aller Anstrengungen der Männer, sie auszurotten. Aber nun bin ich schon wieder bei Männern und Frauen gelandet. Ein komplett überholtes Pseudokampfthema.

Die Zeit, in der wir leben, unterscheidet nicht anhand von ein paar Zentimetern Fleisch mehr oder weniger, sondern sie trennt lächerlich und die anderen. Die nicht verstanden haben, dass sich alles verändert. Ohne Wertung. Und dass sich an Vergangenes zu klammern immer ein Zeichen von Krankheit ist, oder Angst, oder Dummheit, oder alles zusammen. Darwin sagte, es sind nicht die stärksten Menschen, die überleben, sondern jene, die bereit sind, sich zu verändern. Das nur am Rande. Ein erfreuliches Wochenende!

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