Siebziger Jahre Die sexuelle Revolution der Schulmädchen

Der "Schulmädchen-Report" war in den siebziger Jahren einer der größten Kinohits in Deutschland. Mittlerweile wirken die Filme in ihrer Pril-Blumen-Optik unfreiwillig komisch - und sagen doch eine Menge über Moral und Gesellschaft ihrer Zeit.

Berlin - Diesem Stück bundesdeutscher Popkultur widmet der Berliner Bertz Verlag jetzt ein ganzes Buch. Autorin Annette Miersch (Jahrgang 1968) wuchs in der DDR auf und war verblüfft, als sie Anfang der neunziger Jahre die Sexfilmchen im Privatfernsehen entdeckte. "Hier fegten offenbar gehirnamputierte, einzig triebgesteuerte Frauen und Männer halb oder ganz nackt über den Bildschirm, immer auf der Suche nach der nächsten sexuellen Vollzugsmöglichkeit", schreibt sie in der Einleitung. Dann folgt ihre wissenschaftliche Studie, samt theoretischer Abhandlung über Michel Focault bis hin zu detaillierten Tabellen - wie und wer mit wem im "Schulmädchen-Report" zur Sache kommt.

Die Filmreihe basiert auf einem Buch mit Schülerinnen-Interviews von Günther Hunold, dessen Rechte sich der Produzent Wolf C. Hartwig sicherte. Dieser besteht heute noch darauf, dass seine Sexstreifen durchaus authentische Elemente haben. "Ich behaupte, dass alles, was ich gezeigt habe, im täglichen Leben vorgekommen ist, alles. Jede Situation." So verführt "Renate W., 18 Jahre" auf einem Klassenausflug den Busfahrer oder "Barbara H., 15 Jahre" lässt sich angeblich bereitwillig auf den Stiefvater ein.

Miersch belegt indes, dass die jungen Mädchen - in ultrakurzen Röckchen und mit Lolita-Zöpfen - in den Filmen vorzugsweise deutlich älteren Männern an die Wäsche gehen. Dies lasse eher Rückschlüsse auf die Phantasien der Macher oder ihrer Vorstellung von den Wünschen ihrer Zielgruppe als auf die damalige Realität zu.

Auch waren die Schulmädchen meist gar keine, da das Gesetz keine Beschäftigung von unter 16-Jährigen erlaubte. Für seine 13 Filme brauchte Hartwig rund 800 Mädchen dieses Alters, die möglichst noch jünger aussehen sollten. "Und Sie werden lachen, wo ich die meisten hergeholt habe: aus dem Kaufhof. Die Verkäuferinnen." Auch mittlerweile bekannte deutsche Schauspieler wie Heiner Lauterbach, Ingrid Steeger und Friedrich von Thun wirkten bei den Filmen mit.

Als pornografisch gelten sie nicht, denn die einschlägigen Details werden nicht gezeigt. Doch die Reizschwelle lag damals erheblich niedriger: 100 Millionen Besucher weltweit sollen sich die 13 "Schulmädchen-Reports" angesehen haben, heißt es. Die Reihe war Teil einer Sexfilm-Welle der siebziger, die drei Subgenres hatte: den Sex-Report, den ambitionierten Aufklärungsfilm (Oswalt Kolle) und den klamaukigen Lederhosen-Film ("Pudelnackt in Oberbayern"). Das alles war keine sexuelle Revolution, meint Miersch. Aber: "Zumindest die Sprachlosigkeit in Sachen Sexualität schien überwunden."

Die Erfolgswelle näherte sich dem Ende, als Pornografie Mitte der siebziger Jahre teilweise legalisiert wurde. Wer Sex sehen wollte, ging ins Porno-Kino, später kamen die Videos hinzu. Mehr als 30 Jahre später gilt der "Schulmädchen-Report" wohl weder als erotisch noch als schmuddelig, aber einige sprechen ihm bereits Kultstatus zu. Zur Buchvorstellung standen jedenfalls "Sexy Music der siebziger und achtziger Jahre" und eine Prämie für das schönste Siebziger-Jahre-Outfit auf dem Programm.