Sieg der US-Demokraten Laut war gestern, cool ist jetzt

Globaler Jubel nach dem Wahlsieg des ersten schwarzen Präsidenten, Tänze in Kogelo, und eine CNN-Reporterin als Hologramm. Hat das alles wirklich stattgefunden? Matthias Matussek über einen neuen US-Präsidenten, der fast zu cool ist, um wahr zu sein.

Als Barack Obama die Bühne auf dem Chicagoer Grant Field betritt, sieht er aus wie einer, der sich an diesen Sieg längst gewöhnt hat. Ach was, wie einer dieser Notare, die diesen Triumph nun noch beglaubigen müssen, unparteiische Formsache. Der Vollzugsbeamte des Zeitgeistes. Cool ist gar kein Ausdruck.

Neuer US-Präsident Barack Obama: Coole Besorgnis

Neuer US-Präsident Barack Obama: Coole Besorgnis

Foto: REUTERS

Um ihn herum das aufgepeitschte Meer der Emotion. Die CNN-Kameras zeigen feuchte Teenager-Augen, zeigen mütterliche Tränen, zeigen strahlende Daddy-Gesichter, all die Einstellungen, die historischen Momenten gelten: die multikulturelle Gesellschaft ist aus dem Häuschen, die Völkerfamilie tanzt, die Welt ist zu Gast auf den Partys in den Straßen von San Francisco und New York und natürlich in Kogelo, Kenia.

Und Obama winkt, als ob er abwinkt. Cool wäre eine hitzige Übertreibung.

Kein Handstand, noch nicht mal einen Luftsprung, keine Beckerfaust, kein "Yesssss!". Der Triumphalismus ist abgemeldet, der neue Stil ist: Lass uns reden, okay, lass uns nach vorne schauen, vielleicht ist da irgendwo Licht. Laut ist gestern. Cool ist jetzt. Es ist die Sorte von Realismus, die unwirklich aussieht.

Sein "Yes we can"-Mantra spricht er in seiner rhythmisch starken ersten Rede zur Seite, als ob er sich selber die Pointe nehmen will. Aber erst so wird eine daraus: Er muss es nur antippen, wie ein Rockstar seinen bekanntesten Refrain, den Rest besorgt die Menge, yes we can.

Da oben steht einer, der sich immerhin gegen die Clintons und die Machtelite der Partei durchgesetzt hat, und der seinen Konkurrenten, einen Vietnam-Veteranen, blass aussehen ließ. Er kann kämpfen.

Sicher, das erschöpfte Land war bereit überzulaufen, raus aus diesem Muskelwahnsinn, aus diesem neokonservativen Drill-Hof. Doch es musste einer da sein, der steht. Der aushält. Der Stamina zeigt, und so etwas wie eine Vision bieten kann, die sich nicht damit begnügt, der Welt den Scheitel zu ziehen.

Barack Obama wusste von sich, dass er dieser Mann sein würde, er musste nur die anderen noch daran gewöhnen. Deshalb hat er sich sehr früh vor griechischen Säulen gezeigt, vor weißen Häusern, neben Sternenbannern, präsidential, er hat die Leute an das Bild gewöhnt, dass sie einen schwarzen Präsidenten wählen werden, gesammelt, ruhig, cool.

Es ist eine Coolness, die die einzig mögliche Antwort auf die Unfassbarkeit dieses Vorgangs ist. Denn dass er es jetzt tatsächlich geworden ist, hat ja keinen mehr überrascht. Und genau das ist die größte Überraschung – die Selbstverständlichkeit dieses Sieges. Wer hätte das vor zwei Jahren prophezeien können?

Cool ist der neue Stil

Als Bill Clinton 1992 über Bush Senior triumphierte und damit über 12 Jahre Reagan-Revolution, da tanzte die Baby-Boomer-Generation, und in Arkansas spielte Fleetwood Mac. Der endliche Machtwechsel, der in den sechziger Jahre vorbereitet wurde, hatte alle auf die Beine gebracht, und die Clintons tanzten. Es war "wow, "far out", "crazy". Aber nicht cool.

Cool ist der neue Stil. Wir hatten die Kennedys und ihre jugendliche Camelot-Eleganz. Wir hatten Reagans Cowboy-Barock. Wir hatten die Sixties-Party der Clintons. Jetzt ist cool angesagt. Mit Obama kommt die skeptische, die pragmatische, die abgebrühte Weltrettergeneration zum Zuge, denn das ist das Mindeste, was von ihm, was von ihr erwartet wird: die Welt zu retten.

An diesem Abend spricht er, als habe er sich schon längst an die Hausaufgaben gemacht: zwei Kriege, Wirtschaftskrise, Überschuldung, was noch, ach ja: Die Arktis schmilzt. "Wir werden nicht alle Probleme sofort lösen", ruft er ernst aus, als habe er die Liste gerade noch mal überflogen, "vielleicht noch nicht mal in dieser einen Amtszeit". Wenn er eine Brille hätte, würde er sie nun aufsetzen und sich wieder über die Papiere beugen.

All das klingt vernünftig, klingt nach Arbeit, klingt cool.

Womöglich ist dieser coole Besorgnisauftritt auch ein Beschwichtigungsauftritt, der denen gilt, die sich erst an das Bild eines schwarzen Präsidenten gewöhnen müssen. Die Produzenten der Nachrichtenshows haben damit längst keine Probleme mehr: In dieser Nacht besonders wimmelt es bei CNN vor unglaublich gut aussehenden dunklen Halle-Berry-Moderatorinnen und dazwischen sitzen Analysten mit Bariton, die klingen wie Barry White.

Nein, der Triumph Obamas war eingepreist. Insofern war es eine völlig überraschungsfreie Nacht, wäre da nicht Jessica Yellin gewesen, die aussieht wie Sarah Jessica Parker und die für CNN in dieser Nacht aus Chicago berichtete.

Was sie im einzelnen sagte? Niemand wird sich daran erinnern. Es war das begeisterte, affirmative Reporter-Blabla, das bei solchen Ereignissen immer den psychologisch wichtigen Soundtrack aus Verstärkung und Interpretation liefert: Ja, die Stimmung ist gut, die Menschen lieben Obama, es ist alles historisch und magisch, aber wie!

Doch dann, im Morgengrauen, steht sie plötzlich auf einem roten Kreis im CNN-Studio vor Top-Moderator Wolf Blitzer, sie ist da reingebeamt worden als Hologramm wie in einer "Star Trek"-Folge, die Kamera zeigt sie von hinten, von der Seite, von vorne, verdammt: Haben wir wirklich erst 2008 und nicht schon 2048?

Im Studio sagt Jessica Yellin dann das gleiche, was sie zuvor schon in der Chicagoer Nacht gesagt hat, aber es klingt ... merkwürdig.

Ein schwarzer Präsident? Eine Reporterin als Hologramm? Seid Ihr sicher? Wie heißt der Film?