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22. Dezember 2013, 09:54 Uhr

S.P.O.N. - Helden der Gegenwart

Hart wie Nuss-Nougat-Creme

Eine Kolumne von Silke Burmester

Darf ein NPD-Chef unter Burnout leiden? Es passt nicht zum Gebot der Härte, mit dem sich Männer am rechten Rand normalerweise in Szene setzen. Ein paar Tipps, wie Holger Apfel nach seinem Rücktritt zu alter Führungsstärke zurückkehren kann.

Ich sehe alle Programme von Guido Knopp, die irgendwas mit Nazis zu tun haben. Folglich sehe ich quasi alles von Guido Knopp, und ich sehe ununterbrochen fern. "Nazis in Uniform" war meine absolute Lieblingssendung. Gefolgt von "Nazis in Unterwäsche" und "Nazis am Herd". Was ich dort sehe und was anderswo über die aktuellen Aktivitäten der Rechtsextremisten in Deutschland berichtet wird, ergibt den folgenden Eindruck: Nationalsozialisten sind sehr, sehr harte Leute.

Nun musste ich lesen, der Chef der NPD und ihr Fraktionsvorsitzender in Sachsen, Holger Apfel, trete von seinen Ämtern zurück. Er habe "Burnout". Also diese Modekrankheit von Leuten mit Achtsamkeitsdefizit. Wobei die Verwunderung beginnt, wenn es aus der Partei heißt, Apfel habe "Burnout". Warum heißt es nicht schön deutsch: Er habe "Ausbrennungen"?

Dass ein Rechtsradikaler so eine Luschenkrankheit kriegen kann, hat zunächst mein Weltbild erschüttert. Dann aber ist mir klar geworden, dass es auch bei den Nationalsozialisten evolutionäre Anpassungserscheinungen an die Umwelt gibt, gegen die auch ein Führer machtlos ist. Haben Guido Knopps Kruppstahl-Nazis ja nur schlapp gemacht, weil sie vor Stalingrad nicht die richtige Unterwäsche anhatten, entstammen Apfel und Co. einer Nutella-Generation (Nutella = Nuss-Nougat-Creme), die sich eher durch Streichfähigkeit auszeichnet.

So ein Führerleben ist anstrengend

Nach ein paar Minuten weiteren Nachdenkens ist mir klar geworden, dass das Dasein als Nazi - und besonders als Nazi-Führer - nicht ohne ist. Man darf das nicht unterschätzen - so ein Führerleben ist echt anstrengend. Den ganzen Tag den Arm hochhalten und immer an die alten Ostgebiete denken. Und vor allem: Der Beste sein wollen! Muss man als Nazi böse gucken, muss man als Führer noch böser gucken. Kommt man als Führer mit zum "Kanaken-Klatschen", muss man mehr Türken schlagen als die anderen. Und auch mehr Bier saufen.

Und dann muss man auf den Versammlungen immer brüllen. So Nazis wollen ja angeschrien werden. Dass einer einfach zu ihnen spricht, reicht denen ja nicht. Die wollen es laut. Und es sind ja auch nicht die Klügsten, vor denen einer wie Apfel das Wort ergreift. Entsprechend muss er seine ganzen Phantasien von Überfremdung, Frauenklau und das Repertoire der Ressentiments obendrein in einfacher Sprache vorbereiten. Das kostet viel, viel Energie.

Und dann die Ernährung! Jeden Tag Erbsensuppe! Und wenn keine Erbsensuppe, dann gibt es Schweinebauch, Biergulasch oder Teichelmauke. Während andere Burnout-Kandidaten diesen Teil ihrer Problematik aktiv angehen können, muss so ein Nazi zur leichten, gesunden, mediterranen Küche immer "Nein!" sagen. Da gibt es keinen in Olivenöl gedünsteten Schwertfisch mit Fenchel-Orangen-Gemüse oder mal einen Salat Niçoise. Da gibt es Pfannkuchen und Milchreis. Maultaschen und Grützwurst.

Scheitern als Chance

Da ist es doch gar kein Wunder, dass einer wie Holger Apfel irgendwann nicht mehr kann. Dass der ausgelutscht ist. Dass er womöglich Stimmen hört. Dass er meinen könnte, Hitler erteile ihm täglich neue Aufgaben. Aufgaben, für die letzten Endes auch ein Holger Apfel nicht groß genug ist. Etwa die D-Mark zurückzuholen. Oder Polen.

Zum Glück ist Holger Apfel nicht allein. Andere vor ihm haben bereits den Weg aus der Brandfalle gefunden. Sie sind - meine Leserinnen und Leser ahnen es - den Weg der Achtsamkeit gegangen. Sie sind aus der Tretmühle herausgestiegen, haben in sich hineingehorcht und sind den Weg der kleinen Schritte zurück ins Leben gegangen.

Das wird auch der Pfad von Holger Apfel sein können. Er wird in sich hineinhorchen, und wenn die Marschmusik verstummt ist und Hitler für einen Moment eingeschlafen, dann wird er hören, wie sein Ich sagt: "Hol dir Hilfe." Und Holger Apfel wird sich das Buch "Burnout bei Nazis" kaufen und lesen, dass er nach der "Haselnussmethode" leben soll und es die kleinen Dinge sind, die das Leben lebenswert machen.

Er wird im Wald Eicheln sammeln und mit Hilfe von Harz und Streichhölzern lustige Tiere aus ihnen basteln. Er wird die Nadeln der Nordmanntanne zu geometrischen Schaubildern legen und aus Kartoffeln Marmelade kochen. Er wird im Morgennebel Turnvater Jahns Übungen zur Leibesertüchtigung vollziehen und im Sommer auf den Spuren von Leni Riefenstahl das Tauchen lernen.

Und all das wird ihm so guttun, dass er sich auf einmal frei und leicht fühlt und gar nicht verstehen kann, wie er Teil eines auf Angst und Unterdrückung basierenden Systems sein wollte. Und auch wenn die Version des "Burnouts" gar nicht stimmt und es seine Parteikonkurrenten waren, die ihn zur Aufgabe gedrängt haben, es gilt das alte Schlingensief-Motto: Scheitern als Chance.

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