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03. November 2013, 09:28 Uhr

S.P.O.N. - Helden der Gegenwart

Dieses weiche, widerliche Wort

Eine Kolumne von Silke Burmester

Ja, ja, ist ja alles richtig: Wir müssen unsere Umwelt bewusst wahrnehmen, die Sinne aktivieren und uns als Teil des großen Ganzen begreifen. Warum bloß lässt schon allein das Wort "Achtsamkeit" Übelkeit in mir aufsteigen?

Die neue Sau, die von den Medien durchs Dorf getrieben wird, heißt "Achtsamkeit". Nein, einen sicheren Ort gibt es nicht. Trotzdem: Ich will eine Decke, in der Hoffnung, dass sie mich nicht findet. Dass sie über mich hinweggeht, ohne anzuhalten und ihren Schleim mit Lotus-Odeur abzuleimen. Die Medien schwingen den Stock und treiben das Vieh weiter und weiter. Die Achtsamkeit quillt aus Zeitungen und Zeitschriften, sie springt einen von Buchtiteln und Titelblättern aus an. Beseelte Menschen, gestresste Menschen, erleuchtete Manager in Buddhismuskostümen führen sie unablässig in ihrem Mund und die Presse sorgt dafür, dass sie auch im hintersten Winkel Verbreitung findet.

Was gestern die Nachhaltigkeit war, ist heute die Achtsamkeit. Ein neues Heilsversprechen in der Welt der Inhaltsschwurbler. Sie ist der Spiritus derer, die die Dinge "proaktiv" angehen und meinen, eine PR-Agentur sei ein Vermittler zwischen Konzernen und Konsumenten. Menschen, die Worte wie "Quality Time" aussprechen, ohne sich anschließend vor Scham zu entleiben. Leute, die ihr Leben eingepfercht haben zwischen einem keine Freizeit kennenden Arbeitgeber und ihrem Smartphone und die die zehn Minuten, die sie am Tag Zeit finden, mit ihrem Kind ein Pixie-Buch anzugucken, "Quality Time" nennen. Diese Menschen entdecken nun die Achtsamkeit und anstatt, dass sie diese Entdeckung für sich behalten, sorgen sie dafür, dass sie sich wie die Chinesische Wollhandkrabbe ungehindert ausbreiten kann.

"Hallo, ich bin der Jens"

Wie etwa das Fernsehen ist auch die Achtsamkeit im Kern ein gutes Ding. Es geht darum, sich und seine Umwelt bewusst wahrzunehmen, die Sinne zu aktivieren und sich als Teil des Ganzen zu begreifen. Tut man dies, so die wunderbare Formel, geht man bewusster und am Ende besser mit sich und der Umwelt um. Aus der Wahrnehmung entsteht die Achtung. Der Respekt. Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken. Und wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, wird einen Teufel tun und nur weil er ein bequemer Mensch ist, von Hamburg nach Frankfurt das Flugzeug nehmen, auf dass die Wolken nicht mehr essbar sind.

Gegen die Achtsamkeit an sich ist also wenig zu sagen - und wie so viele gute Dinge ist sie auch nicht neu. Ihre letzte große Zeit hatte sie in den achtziger Jahren, als sie im "Hallo, ich bin der Jens"-Gewand daherkam. Auch damals hat man sehr viel in sich hineingehorcht und das, was man dort hörte, war Teil des großen Miteinanders. "Du, ich finde das ganz schön gemein, dass du deinen Frust so an der Jenny auslässt. Das macht mich echt total traurig!" Ja, so hat man damals gesprochen und es hat einen auch ganz schön weitergebracht. Endlich konnten sich auch mal Männer in Gesprächsgruppen zusammenfinden, etwa weil sie ihre Frauen vermöbeln und sich darüber austauschen, was das mit ihnen macht. Oder Frauen darüber sprechen, wie es sich anfühlt, dass der Jens immer mit seiner WG-Bewohnerin pennt, wenn man beim Selbstverteidigungskurs ist.

Wunderbares Vehikel für die Medien

Und jetzt soll man wieder hören. In sich rein und woanders zu. Zum Beispiel soll man Dr. Frank Berzbach zuhören, der ein Buch mit dem Titel "Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen - Anregung zur Achtsamkeit" geschrieben hat und darüber an verschiedenen Orten spricht. Oder den zahlreichen Hörbüchern, die man auf Knopfdruck zum Tönen bringen kann, um mittels der "Rosinenmethode" oder mit Unterstützung von Robert Atzorn Stress zu bewältigen, gesund zu werden oder "Die Versöhnung mit dem inneren Kind" voranzutreiben. Wobei ich es am überzeugendsten finde, dass das Buch von Dr. Berzbach laut Verleger ohne jede Deadline oder Terminvorgabe entstanden ist. Da konnte der Autor jeden Tag aufs Neue die Lauscher an sein kreatives Ich legen und horchen, ob es schon was zu sagen hat oder ob es noch dauert, bis die "stillen Gedanken" das Bedürfnis haben, laut zu werden.

Und weil in die Achtsamkeit alles reinpasst, was irgendwie mit Wahrnehmung zu tun hat, mit Sehen, Riechen, Fühlen, Hören und Schmecken, ist sie ein wunderbares Vehikel für die Medien, um alles zu verkaufen, was eine neue Verpackung braucht. Artikel über "Achtsamkeitsmeditationen" fluten ebenso die Seiten wie über Achtsamkeitsyoga und Achtsamkeitsatmung. Ich bin mir sicher, es wird nur noch wenige Wochen dauern, dann wird die "Brigitte" das Achtsamkeitskochen propagieren, die Zeitschrift "Emotion" das Achtsamkeitsshopping und "Vital" wird Achtsamkeitsautofahren seinen Leserinnen vorstellen. Einzig Magazine wie "Beef" und "Playboy" werden die Fahne des rudimentären, triebgesteuerten Lebens hochhalten, alle anderen werden in der Achtsamkeitsfalle kleben bleiben und die Menschen mit dem sämigen Sud der Heuchelei überziehen. In der Folge schreit man seinen Kindern nicht ein hysterisches "Pass auf!" entgegen, wenn sie ohne zu gucken über die Straße rennen, sondern hält sie an, wahrzunehmen, wie es sich anfühlt, eine Straße überqueren zu wollen, ohne sich ein Bild über die Verkehrslage gemacht zu haben.

Weich wie Hundescheiße

"Achtsamkeit" schon das Wort lässt Übelkeit in mir aufsteigen, denn es ist weich wie Hundescheiße. "Acht-sam-keit" - jede Silbe klingt nach dem Schwachsinn, den die Agenturheinis und Medien aus jeder ernst zu nehmenden Bewegung machen. Sei es die Umweltschutzbewegung, die auf den Begriff "Nachhaltigkeit" zurechtgestutzt wurde, oder die Punk-Attitüde, hinter deren Scheißegalität sich heute lustig-verantwortungslose Businessheinis zu verschanzen suchen. Auf diese Weise wird nun auch das Bestreben, unserem technologiehörigen Irrsinn die menschliche Normalität von Ruhe und Gelassenheit entgegenzusetzen, in das Konsumgut "Achtsamkeit" verwandelt.

Bei so viel Achtsamkeit möchte ich mal ganz gepflegt den Achtsamkeitsverbreitern vor die Füße göbeln. Und gepflegt heißt: achtsam. Was bedeutet, den Vorgang des sich Übergebens zu einem bewussten Prozess werden zu lassen. Und so stelle ich mir die Füße vor, die die A-Verbreiter in nach Kriterien der Coolness ausgewählte Schuhe gebettet haben. Sie stehen in einem Halbkreis, in dessen Mitte es sich so kräftig und ausgiebig ergießt, dass es heftigst spritzt und pladdert und alles einsaut. Und nachdem das ganze Übel raus ist, richte ich mich auf und horche in mich hinein. Und stelle fest, wie leicht ich mich fühle, wie befreit der Magen ist, wie entschwunden alle Krämpfe sind und wie sich nun die weichen Wellen der Befreiung in meinem Inneren ausbreiten. Dann schließe ich die Augen und fühle, wie warm und wohlig diese Wellen überall hin ausstrahlen und eine große Zufriedenheit mich erfüllt. Und über mir höre ich die Schmetterlinge lachen.

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