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17. November 2013, 08:53 Uhr

S.P.O.N. - Helden der Gegenwart

Gefährliche Störung der Persönlichkeit

Eine Kolumne von Silke Burmester

Deutschland, deine Vorschriften. Wer kifft und trinkt, dem darf der Lappen weggenommen werden. Da frage ich mich: Warum dürfen Alk-Kiffer Versicherungen abschließen? Weshalb dürfen Porno-Gucker heiraten - und wieso darf man eigentlich nicht mal die Polizei rufen, wenn der Nachbar Klavier spielt?

Manche Dinge lassen sich sehr einfach lösen: "Ohne Wodka geh ich nicht auf die Bühne!", vermeldet der Scooter-Sänger H.P. Baxxter mittels des Abstinenzler-Fachblatts "Bild"-Zeitung. Und es ist gut, dass man nun weiß, dass es Wodka ist, von dem man ihn fernhalten muss.

Auch das deutsche Recht möchte Schlimmes verhindern und verbietet, unter Drogeneinfluss Auto zu fahren. Da Alkohol in diesem Land eine sozial akzeptierte Droge ist, kann man sich in Maßen einen anschickern und dann ein Automobil lenken. Wahrscheinlich, damit die Straßen, die man so schön breit angelegt hat, auch in ihrer Gänze genutzt werden.

Klar ist, trinkt man zu viel oder sitzt unter Drogeneinfluss am Steuer und bekommen die Ordnungshüter das mit, droht Strafe. Unter Umständen der Entzug des Führerscheins, schließlich ist man bedröhnt und Auto gefahren.

Tatsächlich sieht die Fahrerlaubnisverordnung noch ganz anderes vor, nämlich den Entzug des Führerscheins bei Dröhnung, ganz ohne Autofahren. Der Tatbestand, dass man zeitgleich kifft und Alkohol trinkt, kann in besonderen Fällen ausreichen, um die Fahrerlaubnis abgenommen zu bekommen, selbst wenn kein Pkw weit und breit zu sehen ist. Die Gesetzesmacher zweifeln nämlich an der Kontrollfähigkeit von Personen, die vor Tagen ihren Marihuana-Rausch mit Alkohol abgerundet haben. Außerdem halten sie eine Störung der Persönlichkeit für denkbar.

Ich möchte jetzt unbedingt betonen, dass Kiffen nicht immer lustig ist und es sehr traurig ist, mit anzusehen, wie Leute vor lauter Kiff ihr Leben nicht gebacken kriegen. Und auch, dass bekifft Auto fahren inakzeptabel ist. Aber ich möchte doch auch mal fragen, was diese Merkwürdigkeit, "Mischkonsum von Cannabis und Alkohol rechtfertigt selbst dann die Annahme mangelnder Fahreignung", wenn der Konsum "nicht im Zusammenhang mit der Teilnahme am Straßenverkehr steht", wie SPIEGEL ONLINE das Bundesverwaltungsgericht zitiert, soll?

Beziehungsweise wie es ein paar Juristen möglich war, ihre Angst Dingen gegenüber, vor denen ihre Eltern immer gewarnt haben, in der Dämonisierung von Kiffern gesetzlich zu manifestieren?

Mir machen andere Autofahrer mehr Angst als Alk-Kiffer

Ehrlich gesagt, mir machen die Alten, die vollgedröhnt mit diversen Medikamenten mit tollen Nebenwirkungen hinterm Steuer sitzen, mit Beinen, die zum Gehen nur noch eingeschränkt zu gebrauchen sind, und Augen, für die man gerade mal wieder die Brille vergessen hat, mehr Angst als Alk-Haschkonsumenten. Nicht zuletzt weil ich die Wahrscheinlichkeit, von ihnen niedergemäht zu werden, im Angesicht der demografischen Entwicklung für größer halte.

Oder die Koksnasen, die als "High-Performer" in ihrem Audi A8 von Termin zu Termin über die Autobahn donnern, um Firmen zu "beraten" und wohlmöglich ein paar Jahre später ausgebrannt und abgefüllt mit Antidepressiva als Geisterfahrer zur letzten Performance aufbrechen.

Oder die Hausfrauen, die nach dem Tennis um 11 Uhr morgens das erste Glas Sekt trinken, bevor sie sich in ihren SUV setzen, um mit der Flasche Cremant im Einkaufskorb bei der Freundin vorbeizuschauen. Oder die Tausende von Autofahrern und Autofahrerinnen, die während der Fahrt telefonieren und deren Reaktionsfähigkeit auch bei der Nutzung einer Freisprechanlage mindestens so eingeschränkt ist wie die von Personen mit 0,8 Promille, wie Forscher der Universität von Utah, USA, herausfanden.

Stattdessen ist es möglich, Leuten, die Gras und Alk mischen, die Fähigkeit zu etwas abzusprechen, das sie gar nicht tun. Warum aber beschränkt sich die Frage nach der Störung der Persönlichkeit und dem Kontrollverlust aufs Autofahren? Warum stellt man Alk-Kiffern nicht auch die Fähigkeit in Abrede, am Donnerstag einen Vertrag über eine Lebensversicherung abzuschließen, wenn sie am Montag von Gras und Bier so beduselt waren, dass sie den Namen der Versicherung für den einer Blume gehalten hätten?

Unter diesen Umständen hätte ich gern, dass die Gerichte auch mal klären, ob man bei Personen, die Klavier spielen, nicht auch die Polizei rufen kann, selbst wenn sie es nicht außerhalb der Ruhezeiten tun. Oder ob man Männern, die Pornos gucken, in denen Frauen erniedrigt werden, nicht das Heiraten verbieten kann. Man kann schließlich nicht bei jedem davon ausgehen, dass sie wie H.P. Baxxter in vorauseilendem Gehorsam freudig kundtun, wodurch sich das Übel verhindern lässt.

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