S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Eine Mauer für Bayern

Bayern will sich vom Rest des Landes abspalten? Nur zu! Und am besten die Seppls errichten dann auch noch eine Mauer um ihren Freistaat, auf dass möglichst wenig Oktoberfeststimmung in den Rest des Landes schwappt.

Herr Scharnagl,

wo sind Sie? Wo sind Sie, wenn man Sie braucht?

Vor wenigen Wochen haben Sie Ihr Buch veröffentlicht, das da heißt "Bayern kann es auch allein" und in dem Sie, wie der Titel suggeriert, die Abspaltung Bayerns vom Rest Deutschlands herbeizuschreiben versuchen. Ich bin total mit Ihnen, Herr Scharnagl. Ich möchte auch, dass Bayern sich abspaltet, schnell!

Für mich als Hamburgerin ist Bayern nicht nur politisch, sondern auch ästhetisch betrachtet eine Zumutung. Und eine Dauerplage. Das Provinzielle, das Kleingeistige und Deutschtümelige, das in der Kleidung, den Riten und Gebräuchen und - zum Teufel noch mal! - im Katholizismus zum Ausdruck kommt, lässt mich jede Forderung nach einer Mauer um Ihr Land unterstützen. Oder zumindest nach einem Holzzaun.

Solange Bayern in seinem Bemühen um politische Bedeutung am südlichsten Rand der Republik, also quasi am Ausgang, vor sich hinschwadronierte und Franz Josef Strauß als durchgeknallter Großkotz Staunen weckende Vorführungen gab, konnte man es still belächeln, seitdem aber Horst Seehofer jeden Tag eine "Tagesschau"-Kamera findet, um öffentlich querzuschießen, kann man diesen Teil Deutschlands nicht mehr ignorieren. Bayern gehört zu Deutschland. Und ich stimme Ihnen, Herr Scharnagel, zu: Das muss nicht sein.

Das Bayerische darf sich nicht weiter ausbreiten

Und nun ist bei Ihnen wieder angezapft. Ein Bierfass haben Sie angestochen, und ja, Sie sollen von mir aus Ihren Spaß haben. Trinken Sie bis zum Anschlag, zwängen Sie Ihren Bauch in diese lächerlichen Hirschlederhosen, tragen Sie diese albernen Kniestrümpfe und Kasperlhemden, hören Sie von mir aus auch Blasmusik, wenn Humtata Ihrem geschmacklichen Horizont entspricht.

Und wenn Frauen denken, sie würden sexy, wenn sie sich die Brüste hochschnüren und sich in Omas alte Kleider hüllen, dann sollen sie das tun. Doch, ehrlich, essen Sie Hendl, stopfen Sie sich mit Kraut und Knödeln voll und spülen Sie Weißbier hinterher, bis die Blase platzt, aber bitte, bitte, Herr Scharnagl, machen Sie das hinter einem Vorhang. Hinter Trennwänden, hinter einer Mauer. Egal, wohinter, Hauptsache, die Bilder vom Saufen als kultureller Ausdruck eines Volkes bleiben, wo sie entstehen: in Bayern.

Und - das ist mir eigentlich viel wichtiger - Herr Scharnagl, Sie als Bayer von Geburt und Gemüt, als Wahrer des Bayerischen in seinen Landesgrenzen, verhindern Sie, dass sich das Bayerische weiter ausbreiten kann! Man ist ja nirgends mehr davor sicher. Gerade jetzt meint jedes Kaff, jedes Kaufhaus, ein Oktoberfest veranstalten zu müssen. Blau-weiße Fähnchen am Gebälk, Brezen und Weißwurst im Angebot - selbst hier in Hamburg werden einem die bajuwarischen Sitten zugemutet. Und obendrein Leute, die sich in Sepplkleidung hinter so einen Stand stellen - und das originell finden.

Aber das ist es nicht. Das ist nicht originell. Das ist grotesk. Das ist albern. Das ist schlimm. Ich weiß, man kann die Zeit nicht zurückdrehen und darauf hoffen, dass die Reise mit der Postkutsche veranschaulicht, wie weit München und Hamburg von einander entfernt sind und dass dazwischen mehr als eine Welt liegt. Aber man kann trotzdem versuchen, dem Ganzen Einhalt zu gebieten. Denn eines muss man ja auch mal sehen: Den Händlern, die hier oben im Norden zwei Wochen lang auf Münchner Halligalli machen, geht Ihr Oktoberfest am Mors vorbei. Die wollen einfach nur Geld verdienen. Und diejenigen, Zugereiste zumeist, die sich verkleiden und als Bayer gehen, als wäre schon wieder Fasching, um in Orten wie Hamburg, Lübeck oder Emden "Oktoberfest" zu feiern, mit Weißbier und Blasmusik, haben das Prinzip "Norden" nicht verstanden.

Ich gebe zu, meine Multikulti-Toleranz stößt an ihre Grenzen, wenn es um Bayern und seine Sympathisanten geht. Ich bitte Sie also, Träger des Bayerischen Verdienstordens, als Kämpfer für das Bajuwarische, zum Helden zu werden. Zu meinem Helden. Bauen Sie eine Mauer um Bayern. Oder um Hamburg. Hauptsache der Bayern-Spuk hat ein Ende.

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