S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Kriegskleidung für die Kleinen

Wenn Modemacher ihre Nase in den Wind von Krisen- und Kriegsländern halten, wird's problematisch. Jetzt bietet Benetton für die Kleinen Klamotten im Camouflage-Stil an - während Gleichaltrige in Syrien sterben.

Modemacher sind Seismografen. Sie erspüren, was kommt. Dafür müssen sie sich nicht mit dem Ohr auf den Boden legen oder einen Baum umarmen, sie können das so. Sie schlendern durch Großstädte, gehen dahin, wo die Jugend ist: in Parks, zu Konzerten, in Clubs. Sie schauen in die Wolken, besuchen Ausstellungen und wandeln über Friedhöfe. Und dann, wenn sie ganz viel geguckt und Eindrücke gesammelt haben, spüren sie es. Es ist wie ein Kribbeln im Körper oder auf der Haut - es ist das Wissen, was kommt. Rot. Blau. Grün. Weit. Eng. Schlabbrig. Floral. Streng. Puristisch. Urban. Futuristisch. Hose. Pulli. Toga.

Sie wandeln durch die Slums von Nairobi und fangen ein, was ihnen an Eindrücken zufliegt. Und wenn sie dann im Flugzeug sitzen oder in ihrem Atelier-Loft auf ihrem XXL-Tisch ausbreiten, was sie eingesammelt haben - Stofffetzen, leere, abgewetzte Tetrapacks, ein alter Ball mit einem großen Riss - und die Fotos auf ihren iPads angucken, auf denen diese Menschen zu sehen sind, die nix haben und sich in ausrangierten Shirts von Abercrombie & Fitch aus den Altkleidersäcken der Industrienationen durch den Tag sorgen und dabei in den Augen der Modemacher eine unglaubliche Würde haben, dann wissen die Modemacher auf einmal: "Shabby Chic".

Shabby Chic wird kommen - und sie nennen es die Antwort auf die Widersprüche unserer Zeit.

Vor diesem umfassenden Prozess die Welt zu begreifen und dieses Wissen, dieses Erfassen quasi als Extrakt in Form von Mode wieder auszuspucken, machen auch die Designer von Kinderklamotten nicht halt. Jedenfalls nicht beim italienischen Hersteller Benetton. Und während fast Tag für Tag vor der italienischen Küste die afrikanischen Flüchtlinge - oft schon tot - angespült werden, gucken sie wohl lieber dahin, wo es neue Inspiration geben könnte. Nach Syrien zum Beispiel?

Kriegstextilien für Kleinkinder

Dort herrscht seit zwei Jahren Bürgerkrieg und abgesehen davon, dass es natürlich traurig ist, dass dort so viele Menschen sterben, kann man nicht leugnen, dass so eine Situation eine irre Inspirationsquelle ist. Da kommen Gefühle in einer Intensität auf - Angst, Liebe, Hass, Wut, Trauer, Verzweiflung - wo findet ein Künstler, und ein Modemacher ist ein Künstler, so etwas schon?

Und während Kinder in Syrien nicht mehr atmen können, ohne befürchten zu müssen, an tödlichen Gasen zu verrecken, präsentiert Benetton in Deutschland fröhliche Kinder im "Military Chic".  Hose, Steppjacke und Minirock im Gefechtsdessin. Toll gestylt mit Stiefeln und rosafarbener Plüschjacke. Schon für Kleinkinder sind Kriegstextilien im Angebot.

Auf der Homepage wird diese "Mode" in der Sparte "Diese Woche" gefeatured und Benetton fragt: "Was sagt ihr, Mädchen, zu tarnfarbenem und romantischem Stil?" Und bevor die Kinder in Syrien, die ja aufgrund des mangelnden Stroms in ihrem Land etwas länger brauchen, um zu antworten, kundtun können, was sie dazu sagen, gibt Benetton Empfehlungen, wie das Leben mit "Hosen, Röcke oder Daunenjacken in Tarnfarben zum Kombinieren mit leuchtenden Strickwesten und bedruckten T-Shirts" schöner wird. Sie sind nämlich "das Richtige für die Nachmittage mit euren Freundinnen".

Ich stelle mir vor, wie die Leute, die Kinderkleidung entwerfen, durch Syrien streifen. Wie sie in die Gegenden kommen, in denen die Häuser zerstört sind, es keinen Strom mehr gibt und die Temperaturen über 40 Grad erreichen. Wo die Gaskartuschen nicht mehr 3 sondern 300 Euro kosten und die Menschen fürchten, dass als nächstes das Wasser vergiftet wird. Wo es keine Medikamente und kaum noch Lebensmittel gibt. Und Ärzte schon gar nicht.

Ich stelle mir vor, wie die Designer mit offenen Augen durch die Gegend gehen, ihre Nase in den Wind halten und sagen: "Geil, wir machen für die Kinder was mit Krieg!"

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