S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Schnauzbart hilft gegen Männerkrebs

Überraschung! Männerkörper bestehen aus mehr als dem Teil da unten! Damit sich die Erkenntnis noch weiter herumspricht, setzt die Initiative "Movember" auf eine Schnauzbart-Kampagne, die das Bewusstsein für die Prostatakrebsvorsorge schärfen soll. Absurd. Könnte aber Schule machen.

Werte Herren mit Gesichtsbehaarung! Liebe Mo-Bros!

Ihren Mut lob ich mir! Sind Männer allerorten bemüht, möglichst alles, was mit Verletzlichkeit zu tun haben könnte, zu verdecken, tragen Sie das Symbol Ihrer Schwachstelle im Gesicht: den Prostata-Schnäuzer.

Den November haben Sie zum Missions-Monat erkoren, in dem sie Geld sammeln wollen und auch Aufmerksamkeit für das Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken. Folglich lassen Sie sich einen Oberlippenbart, einen Moustache, wachsen und nennen Ihre Initiative "Movember",  ein Zusammenspiel aus den Wörtern "Moustache" und "November".

Der aktuelle Trend spielt Ihnen bei diesem Unterfangen zu. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund sind Oberlippenbärte wieder angesagt. Männer wie Johnny Depp, Daniel Craig und Matt Damon meinen, damit besser auszusehen, die Jungs auf der Straße machen es nach. Geblendet von der Illusion, mit der Oberlippenbürste Charme, Eleganz und Nonchalance eines George Valentin, der Hauptfigur in "The Artist" zu gewinnen, laufen sie am Ende mit der White-Trash-Ästhetik eines Tom Selleck durch die Gegend.

Immerhin: Was ihnen an weiblichem Zuspruch in den wahrscheinlich wenigen Lebenswochen dieses Trends verloren geht, mögen sie an männlichem gewinnen. Schließlich gibt es innerhalb der Schwulenszene noch immer Anhänger der Tom-of-Finland-Ästhetik, bei der die Bürste im Gesicht für das Versprechen von gutem, harten Sex steht.

Große Hafenrundfahrt

Aber zurück zu Ihrem Mut. Weil Ihnen Ihr Arsch quasi am Herzen liegt, geben Sie ihm ein Gesicht. Ob buschig oder fein, nach unten gekämmt oder zur Seite gestrichen - zahlreiche Erscheinungsformen der Oberlippenbehaarung stehen in diesen Wochen für das Thema "Männergesundheit" und Ihr Anliegen, Öffentlichkeit für die Popo-Problematik zu gewinnen. Wobei die Prostata nicht im Hintern sitzt, schon klar, die Untersuchung aber nun mal via Anus vonstatten geht. In Fachkreisen "Kleine Hafenrundfahrt" genannt.

Und wer, ausgerechnet, mosert nun an Ihrem Unterfangen herum? Eine Frau! Als wären Frauen nicht seit den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts im Einsatz, Bewusstsein für die für ihr Geschlecht relevanten Gesundheitsthemen zu gewinnen - Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Wechseljahrsbeschwerden - muss ausgerechnet eine Frau "solche Aktionen" einer "aufgeklärten Gesellschaft" für "unwürdig", erklären, wie ich in dem neuen Magazin "New Scientist" erfuhr. Die zitierte Gesundheitsexpertin der Universität Hamburg, Ingrid Mühlhauser, hat scheinbar ihre Haare auf den Zähnen.

Was mir als Frau hingegen sehr gut gefällt, ist, dass Sie endlich überhaupt mal so eine Art Körperbewusstsein entwickeln, jenseits der Frage, ob der Penis dufte ist. Dass das ein steiniger Weg ist, wissen auch die Redakteure der "Apotheken Umschau". Sie schreiben: "Nicht wenige Männer schämen sich, ihrem Arzt - in dem Fall ein Urologe - über derartige Probleme (Anzeichen auf Vergrößerung der Prostata, Anm. d. Red.) zu berichten. Aber in den letzten Jahren hat das starke Geschlecht Mut gefasst."

Und als wenn das nicht schon eine Freude bringende Aussage wäre, nähren sie die Hoffnung, dass beim "starken Geschlecht" noch mehr zu holen ist: "Immer mehr deutsche Männer sind sich bewusst, dass sie eine Prostata besitzen."

Besitzerstolz im Gesicht

Ja, und Sie, Sie tragen diesen Besitzerstolz im Gesicht! Ein Vorbild, ein Anreiz für alle Männer, die sich auch etwas bewusst werden wollen, das mit ihrem Körper zu tun hat. Eines Beins zum Beispiel. Oder ihrer Milz. So könnten die 30 Tage M-Day, die wir diesen Monat mit Ihnen erleben dürfen, der Auftakt zu einer ganzen Reihe neuer Bewusstseinsausdrücke sein.

So ist es durchaus vorstellbar, dass bald wieder das buschig getragene Brusthaar in Mode kommt. Etwa um auf die Gefahr durch Amalgamplomben aufmerksam zu machen. Die stehen schließlich genau wie Fahrradsattel in Verdacht, sich negativ auf die Fruchtbarkeit auszuwirken. Auch das Tragen von Patchouli-Duft ist geeignet, ein Revival zu erleben, was dazu dienen würde, Aufmerksamkeit für die unter Männern verbreitete Rot-Grün-Blindheit zu generieren.

Für die gute Laune hat Ihre Mutterorganisation eine Play-List ins Netz gestellt, auf dass Ihr Statement vom passenden Hüftschwung beflügelt wird. Das zeigt zwar, dass es immer noch der ein oder anderen Motivationsmaßnahme bedarf, aber eben auch, wie vielfältig sich das Thema "Prostata" angehen lässt.

Dass es neuesten Untersuchungen zufolge  gar nicht von Vorteil sein muss, sich bei einer Prostata-Diagnose operieren zu lassen, und viele Wissenschaftler mittlerweile das vorsorgliche Screening ablehnen, weil die Großzahl der entdeckten Tumore ungefährlich ist, darf Ihnen bei so viel Männer-Bewusstseins-Fun gepflegt am Hintern vorbeigehen.

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