S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Der gefühlte Geldsegen

So eine Freude! Die Gesellschaft für Konsumforschung sagt vorher, dass wir im Jahr 2013 alle rund 50 Euro mehr im Monat in der Tasche haben. Das Dumme ist nur: Die Statistiker sprechen dabei vom Durchschnittsdeutschen - also leider nicht von mir. Sind damit etwa Sie gemeint?

Liebe Gesellschaft für Konsumforschung, lieber unerwarteter Geldsegen!

So muss das Jahr anfangen! Kaum ist es in der Tür und schon kann man sich über mehr Geld freuen!

2,9 Prozent, 554 Euro, so hast Du, liebe Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) errechnet, hat jeder Bundesbürger in diesem Jahr durchschnittlich mehr zur Verfügung. Also auch ich!

Was ganz großartig ist, denn die Honorare im Journalismus sinken quasi täglich. Und 554 Euro sind eine Menge Geld, dafür muss so eine Schreiberin wie ich ganz schön viele Tasten drücken.

554 Euro, das sind 46,16 Euro im Monat, die man so richtig dolle verjuxen kann. Oder auch nicht. Schließlich ist der zu erwartende Strompreisanstieg in der Rechnung von Dir, GfK, ebenso wenig berücksichtigt wie der Anstieg der Kosten einer KFZ-Haftpflichtversicherung. Davon seien rund 55 Prozent aller Autofahrer betroffen, prognostiziert der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft. Und auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat in seine Kristallkugel geguckt und gesehen, dass die Mieten weiter ansteigen. Besonders in Hamburg. Das ist da, wo ich wohne. Also doch keine 554 Euro mehr im Portemonnaie?

Mickrige 15.687 Euro pro Person in Görlitz

Auf der anderen Seite ist die prognostizierte Summe ein Durchschnittswert und aus irgendeinem Grund - wahrscheinlich, weil die Stadt so toll ist - werden die Hamburger über ein höheres Nettoeinkommen verfügen (22.769 Euro) als beispielsweise die Rheinland-Pfälzer (20.600 Euro) oder die Menschen in Görlitz, denen nur mickrige 15.687 Euro pro Person zur Verfügung stehen.

So gesehen, könnten es doch 554 Euro für mich werden, weil ich als Hamburgerin mehr Geld haben werde. Das wäre super, ich brauch so dringend ein Fahrrad!

Voll schnell weg sind die 554 Tacken übrigens in Neuss. Dort nämlich werden nicht nur die Abfallgebühren, die Grundsteuer und die Kita-Gebühren steigen, sondern auch die Eintrittspreise. So wird etwa das Abo für die "Internationalen Tanzwochen" bis zu 76,20 Euro teurer und, ganz dufte, auch die Ticktpreise für die Kindertheaterreihe "Wundertüte" werden steigen. Was ja für Leute mit Kindern voll der Bringer ist. Erst müssen sie mehr für die Betreuung rausrücken und dann noch mal 1,60 Euro Eintrittspreiserhöhung hinnehmen, wenn sie in der Freizeit was mit ihrer Brut unternehmen wollen.

Aber ich wohne ja nicht in Neuss und könnte 46,16 Euro im Monat für Jubel, Trubel und Heiterkeit ausgeben - wenn die GfK auch die vorhergesagte Inflationsrate von 1,5 Prozent rausgerechnet hätte. Da sie das nicht getan hat, muss ich es tun: 2,9 Prozent durchschnittliche Steigerung abzüglich 1,5 Prozent Inflationsrate sind 1,4 Prozent durchschnittliche Steigerung. Das sind real doch nur 267,45 Euro mehr im Jahr, also 22,28 Euro im Monat, die mir bleiben. Also grad mal die Hälfte von der offiziellen GfK-Zahl. Womit aus dem Fahrrad eines ohne Räder wird und die Neusser noch weniger Spaß haben.

Hinzu kommt, dass Du, GfK, ja nun wirklich jeden der am 1.1.2012 lebenden 81.843.743 Menschen in der Bundesrepublik in Deine Rechnung mit einbezogen hast. Jedes Baby, jede nicht arbeitende Person hast Du berücksichtigt, um sagen zu können, jeder Bürger habe in diesem Jahr 554 Euro mehr Nettoeinkommen. Würde Deine Rechnung sich auf nur auf diejenigen beziehen, die arbeiten, würde sie mehr Sinn ergeben. So aber habe ich das Gefühl, sie ist Quatsch ohne Aussagekraft. Ganz so, als ginge es nur darum, eine Zahl rauszuhauen, auf dass die Medien sie aufgreifen und Dich als Quelle nennen, ganz egal, ob die Zahl irgendetwas mit der realen Situation zu tun hat oder nicht.

Wo kommt das Geld eigentlich her?

Obendrein taucht bei all dem Hin- und Hergerechne unweigerlich die Frage auf, wo das Geld eigentlich herkommt? Wo doch alle Branchen so jammern. Und immer neue Begründungen finden, um eine Erhöhung der Gehälter zu verhindern. Und stattdessen immer mehr Niedriglöhner einstellen, die selbst bei Vollzeitbeschäftigung mit Hartz IV aufstocken müssen.

Welches also sind die Branchen, die unbemerkt von mir das Geld verdienen, so dass auf wundersamem Wege am Ende jeder 554 Euro mehr hat? Bzw. 267,45. Wahrscheinlich ist es die Mafia mit ihren Einkünften aus Frauenhandel, Waffen- und Drogenschmuggel, die sie in Pizzabuden und Koi-Zuchtanlagen wäscht.

Meine Branche kann es jedenfalls nicht sein. Im Gegenteil, ich kenne keine andere Berufsgruppe außer eben der der freien Journalisten und der Fotografen, die seit Jahren sinkende Honorare hinnehmen muss. Selbst Taxifahrer setzten ab und an mal eine Erhöhung durch.

So gesehen, kann ich mit 554 Euro mehr zum Ausgeben nicht gemeint sein und Du, liebe GfK, kannst meine 554 Euro getrost auf den Haufen der Gesamtsumme von 1687,7 Milliarden Euro packen und Deine Berechnung neu starten. Mit einer Person weniger, durch die Du teilen musst. Ich gehe dann zu Fuß.

Ehrlich gesagt, je mehr man über Deine Rechnung nachdenkt, desto mehr Fragen tauchen auf, desto kruder wirken die Ergebnisse. Für eines bin ich Dir dann aber doch dankbar, liebe Gesellschaft für Konsumforschung. Dass ich mich, gleich zu Beginn 2013 freuen konnte, so viel mehr Geld in diesem neuen Jahr zu haben. Das hat mir auf jeden Fall ein paar schöne Minuten beschert.

Dass ich das tolle Gefühl gleich selbst wieder kaputt gemacht habe, ist ja mein Problem.