S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Kohle-Feuer-Fleisch-Grill-Kerle!

Wenn es Sommer wird, beginnt auch die beste Zeit für echte Männer: Denn dann dürfen sie sich am Grill austoben. Doch muss daraus gleich eine Wissenschaft gemacht werden? Reichen nicht Kohle, Feuer und Fleisch?
Rohes Grillgut: Das Geheimnis der Marinade

Rohes Grillgut: Das Geheimnis der Marinade

Foto: Corbis

Wo seid Ihr? Gibt es Euch noch? Männer, die Feuer machen, Fleisch auf den Rost schmeißen, es ab und zu mal umdrehen, und wenn es fertig ist, essen? Ganz einfach so. Ohne vorher ein Buch zu lesen. Ohne Mitglied in einem Club zu werden, auf Facebook einer Grillgruppe beizutreten oder sich eine Schürze umzubinden? Männer, die es heiß und verbrannt mögen und wissen, dass ein Würstchen erst dann gut schmeckt, wenn es beim Drauflegen auf den Boden gefallen ist, mit Bier abgespült wurde und mit leckerem Restdreck gart?

Ich weiß, Ihr seid da irgendwo und Euch widme ich diese Zeilen, denn mir gehen diese Weichgriller so was von auf den Keks! Seit Johann Lafer auf dem Bildschirm aufgetaucht ist und angefangen hat, öffentlich in Kochtöpfen zu rühren, ist Kochen zu einer Art Naturwissenschaft für Gymnasiasten geworden. Typen, deren Lieblingsbeschäftigung es bei der Kinderpost war, die Formulare auszufüllen, stehen nun in der Küche und werkeln mit ihrem Mörser wie ein Apotheker. Präzise, ängstlich und mit sekundengenauem Timer.

Und wenn der Sommer kommt, kaufen sie einen Grill. Obwohl der ganz schön heiß werden kann. Sehr gern kaufen diese Männer einen Gasgrill. Nicht nur, weil er so praktisch auf dem Balkon ist, sondern vor allem, weil er so wenig Dreck macht und so die Auslegware unbeschädigt bleibt. Man muss ja doch damit rechnen, dass die Freunde, die man auf den Balkon einlädt, ab und zu mal zur Toilette wollen und dann durch die Wohnung tapern.

Es soll bitte alles perfekt sein

Zusammen mit dem Gerät erwerben diese Männer auch Bücher. Übers Grillen. Am liebsten vom Hersteller des Grills. Darin steht, welche Steaksorten es gibt, auf was man achten muss, wenn man Fisch grillt und "das Geheimnis der Marinade". Überhaupt: Marinade. Marinaden sind der neue Riesling. So vielfältig. So abwechslungsreich. So überraschend. Und so, wie es vor ein paar Jahren für jeden Audi-Verkäufer ein Muss war, einen Wein durch schnuppern am Korken erkennen zu können, ist es nun ein Muss, Marinaden selbst zu machen. Anschließend bestreichen diese Herren stundenlang mit ihrem Echthaarpinsel das Filet, damit es schön zart wird und das Aroma von Whisky, Cheddar und Veilchen annimmt. Ja, vor allem zart muss es sein. Denn diese Männer wollen beim Grillen nichts erleben. Es soll bitte alles von jener Perfektion sein, die sie von ihrer Volltechnoküche gewohnt sind, in der der Ofen einen Beatles-Song zu spielen beginnt, wenn die Mitte des Bratens 97,4 Grad erreicht hat. Weswegen diese Herren für ihren Grillausflug auch eine Grill-Thermometer-App fürs iPhone runterladen. Good Day Sunshine.

Es sind die Männer, die aus Grillen eine Wissenschaft machen. Die sich auf Foren über die Vorzüge eines gusseisernen Geräts austauschen, über die richtige Grillzange und die bei "Wetten, dass..?" auftreten könnten, weil sie die unterschiedlichen Sorten glühender Kohle am Knistern erkennen. Männer, die das Magazin der Stiftung Warentest kaufen, um den richtigen Heißluft-Grillföhn zu erwerben. Und die ihr Steak an die "Grillstation" anschließen, ein Gerät, das mittels Edelstahlsonden ermittelt, wann das Fleisch "rare", "medium" oder "well done" ist. Typen, die, wenn sie tatsächlich mal irgendwo grillen, wo keine Küche in Reichweite ist, ihre Dips in einem ausgepolsterten Köfferchen herbeitragen.

Ein bisschen Steinzeit kann nicht schaden

Ihr aber, Ihr Primitiv-Griller, Ihr macht nicht so ein Gewese um die wohl ursprünglichste Art der Fleischgarung. Ihr seht zu, dass die Kohle irgendwie in die Gänge kommt und wenn sie ordentlich glüht, packt Ihr das Tier aufs Rost, das Ihr an der Tanke gekauft habt. Dazu gibt's ne Packung Kartoffelsalat und ein paar Bier, und fertig ist die Laube. Das ist mehr so das Familie-Feuerstein-Modell, aber ich muss Euch sagen, bis auf das Billigfleisch, das Ihr ohne Problembewusstsein kauft, ist mir das echt lieber. Warum so frage ich mich, muss man aus so etwas schön einfachem, wie Nahrung überm Feuer garen, so eine Operette machen? Grillen ist so ein wunderbar archaischer Akt! Einer der letzten, der Euch Männern aus unseren Anfangstagen geblieben ist. Warum kann das nicht so bleiben? Warum müssen sich auch das wieder die Erbsenverzierer unter den Nagel reißen?

Natürlich wird das ganze Gewese wieder als "männlich" verkauft. Grillhefte und Grillwebsites preisen die neue Männlichkeit am Rost. Damit Ihr das glaubt, hat jedes Heft eine rohe-Fleisch-Strecke und eine, in der ein Schlachter mit blutiger Schürze und blutigen Händen das Stück Tier vor ihm zerlegt. Spannend wird es, wenn man sich die Magazine genauer anschaut und feststellt, dass sie oftmals nichts anderes sind als ein einziger Warenkatalog, dazu da Männern einzureden, was zum Grillen alles nötig ist. Jack Daniels Fassholz-Schnipsel zum Verbrennen zum Beispiel, der Kilobeutel für 11,95 Euro, eine Hamburgerpresse, weil man Buletten ja nicht mit den Händen formen kann oder eine elektrische Grillreinigungsbürste mit Licht für 30 Tacken. Und natürlich die Grillstationen, für 1500 Euro, die es dem Grillmaster erlaubt, an seiner Garstelle zu stehen und so zu tun, als befehlige er eine Armada kampfbereiter Raumschiffe, die auf sein Kommando zum Ausschwirren warten.

Man braucht nur drei Dinge

Und dann verfestigt sich der Eindruck, dieser ganze Grillwahn ist ein geschickt von der Industrie gesteuertes Unterfangen. Weil sie gemerkt haben, dass man den Männerdeppen grad mal so alles verkaufen kann, wenn man ihnen nur das Gefühl gibt, Chef von etwas zu sein. Und sei es von einem Gasgrill.

Auch darum mag ich Euch so sehr, Ihr, das Fred Feuerstein-Modell der Outdoor-Küche. Dieser ganze Quatsch geht Euch am haarigen Hintern vorbei. Die Industrie beißt sich an Euch die Zähne aus. Ihr wisst, was man fürs Grillen braucht: Kohle, Feuer, Fleisch. Alles Andere kann Euch gestohlen bleiben.

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