S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Pack die Perücken ein, Opa!

Verkleidungskünstler und Volksaufklärer - Günter Wallraff ist beides. Doch auch der Hape Kerkeling der Investigativrecherche ist nicht gefeit vor den Tücken des Alters. 69 Jahre alt ist er inzwischen. Er darf mit bestem Gewissen im Altenheim weiterrecherchieren.

Lieber Günter Wallraff!

Wenn jemand den Heldenstatus in der Galerie der Gegenwart verdient, dann Sie! Kämpfer um die Befreiung der Arbeiterklasse aus dem Joch der Sklavenhaltung gibt es viele, zumeist tragische. Rosa Luxemburg, Oskar Lafontaine, Rio Reiser - sie alle sind angetreten, auf dass der brave Packer und Schufter sein Feierabendbier genießen könne. Und sie alle sind nicht weit gekommen. Sie sind gescheitert an den Verhältnissen oder an sich selbst, manche auch an den Verhältnissen, die sie sich selbst geschaffen haben.

Sie aber, mein verehrter Günter Wallraff, Sie haben sich durch nichts und niemanden schrecken lassen. Kein Springer-Konzern konnte Sie mundtot machen, keine Klage Sie einschüchtern, keine unberechtigten Stasi-Vorwürfe Ihnen den Elan nehmen, nicht einmal die verleumderischen Behauptungen, andere hätten große Teile Ihrer Bücher geschrieben, haben Ihr Ich ins Schneckenhaus treiben können. Im Gegenteil, es scheint als hätte jede Anschuldigung, jede Verleumdung und jeder vielleicht auch berechtigte Vorwurf Ihre Persönlichkeit, die in jungen Jahren angeblich als "abnorm" diagnostiziert wurde, in Ihrem Tun befeuert.

Egal, was die Triebfeder ist - Sie haben die Verhältnisse geändert und zwar nachhaltig. Dass die Sicherheitsvorschriften an Arbeitsplätzen verschärft wurden, die Christdemokraten (ausgerechnet!) Mindestlöhne einführen wollen, wir über die Ausbeutungspraxis von Lidl und Co. sprechen, selbst dass wir Kleidung "fair" kaufen wollen, das ist unter anderem Ihrem Einsatz zu verdanken. Ihrem Einsatz mit Perücke, Klebebart und Gesichtsfarbe. Dank derer Sie Mitarbeiter eines Callcenters waren und ein Obdachloser, der Türke Ali und Arbeiter in einer Backfabrik.

69 und kein bisschen müde - oder doch?

Zeitweise sollen Personalchefs Ihr Foto im Büro hängen gehabt haben, um ihnen nicht auf den Leim zu gehen. Sogar als Afrikaner sind Sie vor vier Jahren durch die deutschen Lande gezogen, haben sich den Körper dunkelbraun angemalt, um zu sehen, wie es einem Fremden in diesem Land geht. Nicht gut, das ist schon klar.

Und jetzt kommt der Punkt, an dem ich traurig werde. Traurig nicht, weil so viele Menschen in diesem Land schlimm sind, sondern traurig angesichts der Tatsache, dass Sie schon 69 Jahre alt sind und ich mich frage, wie es weitergehen soll. Der Paketdienst für die Enthüllungsstory, mit der Sie vor ein paar Tagen an die Öffentlichkeit gingen, hat Sie sehr geschlaucht, haben Sie gesagt. In Bezug auf die Anforderungen.

Doch kann es nicht sein, Herr Wallraff, dass der Job auch schlaucht, weil Sie keine 49 mehr sind? Abgesehen von der Frage, wie es Ihnen gelingt, mit 69 Jahren Jobs zu ergattern, für die ein 49-Jähriger schon als zu alt gilt. Egal. 69 ist einfach nicht mehr jung. Da können Sie sich anmalen, wie Sie wollen, Botox spritzen, sich eine junge Freundin zulegen - Ihr Körper ist ein alter Sack. 69 Jahre schlägt das Herz, 69 Jahre arbeiten die Muskeln, da muss einem irgendwann die Puste ausgehen.

Fotostrecke

Günter Wallraff: Mister Undercover

Foto: RTL

Und jetzt kommen ich und meine Sorgen. Wer wird in Ihre Fußstapfen treten? Wer wird da weitermachen, wo Sie aufhören werden? Haben Sie bereits die Günter- Wallraff-Journalistenschule gegründet? Ausbildungsfächer wie "Verkleiden", "Papiere fälschen" und "Polemik" eingeführt? Und "Ich-Ablegen leicht gemacht"?

Ich weiß, die Methoden Ihrer Recherchen, die der falschen Identität, sehen manche kritisch, und doch wäre es ein Verlust, wenn diese Enthüllungskultur verlorenginge. Es macht eben einen Unterschied, ob ein Journalist vom SPIEGEL oder der "Süddeutschen Zeitung" in seinem teuren Anzug neben der Person an der Backstraße einer Großbäckerei steht und aufschreibt, was er sieht - oder er die Person an der Backstraße ist.

Meine Bewunderung zielt nicht nur auf die Wirkung Ihrer Enthüllungen. Als Frau bin ich natürlich auch neidisch auf Ihre Wandlungsfähigkeit. Mal sind Sie "Ministerialrat Kröver", dann ein Türke. Alkoholiker, "Bild"-Journalist, Schwarzafrikaner. Und das alles, ohne erkannt zu werden! Wer, Herr Wallraff, kann mit dieser Fähigkeit aufwarten?

Hape Kerkeling, sicher. Aber wir wollen ja auch Inhalte. Und ich hatte so sehr gehofft, Sie würden noch die unmenschliche Behandlung der Kindermädchen enthüllen, als eine Art Tootsie die Beschäftigungsabgründe der Berliner Society offenlegen. Als Menschenaffe verkleidet die Gräueltaten in Zoos erleiden oder versuchen, als Frau eine journalistische Führungsposition zu ergattern. Am besten wäre allerdings, Sie würden sich unter die Nazis mischen. Dann wäre sicherlich sehr schnell klar, wieso ausgerechnet in diesem Spektrum die obersten Ermittlungsbehörden so überraschend dilettantisch arbeiten.

Nein, lieber Günter Wallraff, ich will Sie nicht älter reden, als Sie sind. Und 69 ist für einen Mann wie Sie auch kein Alter. Aber für mich. Und so muss ich mir etwas suchen, das mein besorgtes Gemüt beruhigt. Ein Aktionsradius, der es Ihnen auch noch in zehn Jahren möglich macht, prekäre Verhältnisse offenzulegen. Zu meiner Beruhigung habe ich ihn gefunden: die Alten- und Pflegeheime.

Ich wette, in den Personalbüros genauso wie an den Wänden derer, die die Gäste und Patienten aufnehmen, hängt bereits Ihr Foto. In allen möglichen Variationen: mit Schnauzer, mit Backenbart, mit Glatze, mit langem Haar, mit Heino-Brille. Und auch das ist ein beruhigender Gedanke: Nützen wird den Heimen das nicht. Sie, mein Held der Gegenwart, finden Ihren Weg!

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