S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Happy happy ding dong

Ich kaufe Ökostrom, ich bestelle nicht im Internet, jetzt will ich auch noch aufhören, bei Ikea einzukaufen, weil sich der Konzern Russland anbiedert. Ich will ein Gutmensch sein. Aber lohnt sich das heute überhaupt noch?
Karusselbesucher vor der Abendsonne: Lohnt sich Gutmenschentum noch?

Karusselbesucher vor der Abendsonne: Lohnt sich Gutmenschentum noch?

Foto: Martin Gerten/ dpa

Der Gutmensch ist eine Spezies, die es binnen kürzester Zeit geschafft hat, sich komplett unbeliebt zu machen. Und das trotz bester Absichten. Keiner mag den Gutmenschen. Alle hauen auf ihm rum. Komischerweise gerade jene, die gern das Wort "christlich" im Munde führen und vorgeben, an andere zu denken. Mich ficht das nicht an. Ich stehe zu meinem Anspruch, dass mein Dasein auf dieser Welt so wenig Schaden wie möglich anrichten soll und andere nicht für mich leiden sollen.

Deswegen verzichte ich seit Jahrzehnten auf so ein richtig leckeres, knusprig goldbraunes Hähnchen aus Mannis Grill-Imbiss, das zur Vollendung der Garung und des Aromas Hunderte Male in Mannis Glasgrill gekreist ist, das sich aber bis zu diesem Zeitpunkt in der Massentierhaltung sehr quälen musste. So ein goldglänzender Gockel, bei dem der bloße Gedanken an seinen Duft bewirkt, dass das Wasser in meinem Mund zu laufen beginnt.

Und natürlich verzichte ich aus Ökogründen darauf, morgens mit den Businessmännern am Flugschalter rumzustehen, um von Hamburg nach München zu fliegen, und sitze in der Bahn, in der oft die Polster so komisch riechen. Und natürlich kaufe ich als Gutmensch kein Produkt von der Firma Nestlé, weil sie Wasser nicht als Grundrecht sehen will, sondern als Ware. Und in der Folge versucht, sich weltweit die Wasserrechte zu sichern, was gerade in den armen Ländern die Bevölkerung in die Abhängigkeit von überteuertem Nestlé-Wasser treibt. Womit ich auch nein zu San Pellegrino, Perrier und Vittel sage, zu Buitoni, Maggi, Herta und Thomy, Schöller-Eis und Wagner-Pizza - und mich nicht einmal von George Clooney zum Nespresso verführen lasse. Die Aluminiumkapseln sind eh nicht gut für die Umwelt.

Auch ein Gutmensch braucht seinen Sündenfall

Und ich konnte bislang nichts online bestellen, weil ich den Einzelhandel vor Ort nicht ruinieren will und nicht vor Scham im Boden versinken will, wenn der DHL-Bote vor meiner Tür steht, der zum Weinen wenige Euro die Stunde bekommt. Ich habe auch teuren Greenpeace-Strom abonniert, damit ich nicht schuld am Atomdesaster bin und an der Klimaerwärmung.

Doch jetzt muss ich auch noch Ikea meiden. Ungefähr einmal in zwei Jahren hatte ich mich bislang über den Gedanken hinweggesetzt, dass die billigen Möbel von billigen Arbeitskräften gefertigt werden, für deren beschämende Lebenssituation ich mit meinem Ikea-Kauf die Verantwortung mittrage. Das war nicht schön, aber auch ein Gutmensch braucht seinen Sündenfall.

Nun aber muss ich als anständige Multisexuelle ab sofort meine Kaufgefolgschaft aus Gründen der sexuellen Diskriminierung verweigern. Ikea steht nicht zu dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Ikea entfernt ein lesbisches Paar aus der russischen Ausgabe seines Magazins. Weil der russische Staat Hetze gegen Homosexuelle betreibt, buckelt der größte Möbelkonzern der Welt in vorauseilendem Gehorsam und opfert eine der elementareren Stützen des Miteinanders dem wirtschaftlichen Profit. Die Toleranz.

Der Konzern kuscht

Russland ist für Ikea ein toller Markt. Die Russen freuen sich, ihre Sessel aus Birkenrinden und Kartoffelschalen ebenso wie die Tische aus alten Dostojewski-Ausgaben hinauszuwerfen und sich die lustigen Glö-Möbel in die Wohnung zu stellen. Sie wollen Ikea, sie lieben Ikea. Und anstatt dass der Konzern darin seine Macht erkennt und begreift, dass Putin seine in vielerlei Hinsicht demokratiefeindliche Politik nur so lange durchsetzen kann, solange sein Volk mit seinen Wunschgütern ruhiggestellt wird, kuscht der Konzern vor der Möglichkeit eines Umsatzrückgangs.

Ein Konzern, der einen Teil seines Erfolgs der Strategie zu verdanken hat, auf dufte zu tun. Seine Kundschaft zu duzen und so ein Happy-happy-ding-dong-Family-Gefühl zu erzeugen.

Diesem Kalkül gegenüber stehe ich, mit meinem mich erschöpfenden Anspruch, alles richtig zu machen und keine Schuld auf mich zu laden, weswegen ich den größten Teil des Geldes, den ich in meinem unterbezahlten Beruf zusammensammle, dafür ausgebe, Lebensmittel zu kaufen, die die Umwelt nicht versauen und trotzdem teurer sind. Oder ein Telefon zu erwerben, dessen chinesischer Zusammenstöpsler nicht aus Verzweiflung über seine Arbeitsbedingungen aus dem Fenster springt. Oder es mir mit Bekannten zu verderben, die genug verdienen und trotzdem bei Lidl kaufen.

Bald finden in Russland die Olympischen Winterspiele statt. Viele der großen Firmen wie McDonald's, Coca-Cola und VW sind da und präsentieren sich und ihre Waren. Von Boykott redet schon lange keiner mehr. Die Menschen haben sich mit der Diktatoren-Allianz aus Politik und Wirtschaft abgefunden. Das gleicht der Beckenbauer-Regel von Katar: So lange keine Menschen in Ketten zu sehen sind, so lange kann es auch keine Menschenrechtsverletzungen geben. Nerven tun am Ende die anderen. Die sogenannten Gutmenschen, die immer rumnölen und einem alles versauen. Erst die Freude auf Olympia, jetzt die auf Ikea.

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