S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Olympia-Boykott? Viel zu anstrengend!

Wehe, ein politisches System versündigt sich gegen Tierbabys oder Regenwälder: Da werden wir im Westen richtig fuchsig! Aber das bisschen Homosexuellen-Unterdrückung in Russland - dafür lassen wir uns die Olympischen Winterspiele doch nicht entgehen.

Russland - das ist dieses Land, in dem man die Demokratie mit der Lupe suchen muss - hat die Verfolgung und Diskriminierung von Lesben und Schwulen gesetzlich verankert. Das heißt, es wurde unter Strafe gestellt, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen und sich für das Menschenrecht auf freie Selbstbestimmung einzusetzen. So weit, so schlecht.

Im kommenden Februar finden in Sotschi die Olympischen Winterspiele statt, und der russische Sportminister hat klargestellt, dass diese Gesetze auch für die Athleten gelten.

Entsetzen in der westlichen Welt bei Sportlern, Funktionären und der Presse: "Wie? Wir haben keine Sonderbehandlung? Mit uns geht man genauso beschissen und menschenverachtend um, wie mit dem Volk, zu dem wir reisen?" Ja, man möchte fragen, wie es sein kann, dass ein Staat es wagt, die konsequente Haltung seines Unrechtssystems auch auf andere auszuweiten. Müsste man da nicht augenblicklich zum Boykott aufrufen? Nicht, weil die Russen Menschenrechte mit Füßen treten, sondern weil sie es wagen, auch die Rechte derer aus dem Westen zu missachten?

Von Diktaturen lernen

Wären die Russen doch nicht immer so bockig! Wären sie doch mal ein bisschen diplomatischer! "Von Diktaturen lernen" könnte eine Möglichkeit für sie sein, Sportsgeist zu zeigen und den Völkerfrieden zu wahren. Die Nazis haben es 1936 bei der Olympiade in Berlin vorgemacht, wie man in solcher Situation agiert: Für ein paar Wochen Großmut walten lassen und ausländische, jüdische Athleten ins Land lassen und weil's nicht anders geht, selbst eine "Halbjüdin" ins Rennen schicken. Image ist schließlich alles. In diesem Fall würde es bedeuten, die Menschen sein zu lassen, jeden lieben zu lassen, den er oder sie lieben will.

Aber nein, die Russen sind konsequent. Die Sünde eines schwulen Kusses wird in ihren Augen nicht geringer, wenn ein Australier sie begeht.

Also, was tun?

Ein Boykott wäre eine feine Sache. Klarmachen, dass diese Gesellschaftsordnung von der Weltgemeinschaft nicht mitgetragen wird. Dass man Repressionen nicht unterstützt. Auf der anderen Seite: Ein Boykott ist so anstrengend! Nicht nur der ganze Ärger, den die Merkel dann hat und der zukünftige Außenminister… Auch die vielen Flüge nach Sotschi, die abgesagt werden müssten. Und so ein Boykott bedeutet ja auch Konsequenzen für die Athleten. Und weil Engagement heutzutage da endet, wo es Einschränkungen für das eigene Wohl mit sich bringt, ist ein Verzicht auf die Teilnahme wirklich etwas viel verlangt.

Also, bei aller Liebe zu den Schwulen und Lesben - es gibt Grenzen. Jahrelang hat so ein Sportler auf den Wettkampf hin gearbeitet, und nun soll er oder sie nicht mitmachen, nur weil das Land, in das er fährt, einfach keine Demokratie sein und Homos diskriminieren will? Och, nö.

Ja, wenn es um was Richtiges ginge. Tierbabys zum Beispiel. Oder Regenwälder. Aber Homosexuelle? Diese ehemals aufregende Randgruppe, die mit jedem Tag bürgerlicher und bürgerlicher wird und deren erklärtes Ziel es ist, spießig als Heteros zu leben? Deren Recht und Unversehrtheit ist es selbst vielen schwulen Athleten nicht wert, auf die Teilnahme zu verzichten. Um sich nicht völlig als Verräter zu fühlen, wedeln die dann in Regenbogenunterwäsche unterm Skianzug den Berg hinab. Und außerdem - was hat der letzte Russen-Olympia-Boykott 1980 wegen des Einmarschs in Afghanistan gelehrt? Bringt nix, in Afghanistan wird noch immer geballert. Zwar nicht mehr von den Russen, aber schwul sein kann man da auch nicht.

Also, liebe Leute, die ihr nach Sotschi fahren wollt, denkt euch was aus! Es ist ja nicht so, dass die Olympiade immer schon so körperfeindlich war wie heute, wo es Überlegungen gibt, das schöne, alte Ringen abzuschaffen. Zu Beginn der Spiele traten die Kämpfer nackt gegeneinander an, später wurde die Vorgabe der Entkleidung auf die Trainer erweitert.

Logisch, bei den Winterspielen ist eine solche Idee etwas absurd, aber wenn es darum geht, den Russen zu zeigen, wo der internationale Hammer des Widerstands hängt, dann reicht es nicht aus, ein Jackie-Collins-Fotoalbum im Gepäck zu haben. Dann muss man sich schon etwas einfallen lassen. Ein Emblem, eine Farbe, irgendetwas. Sich etwas Kluges auszudenken, dafür gibt es Agenturen. Ich bin mir sicher, der IOC, dieser am Wohl der Welt orientierte, grenzüberschreitende Verein guter Geister, wird das Geld dafür gern geben. Das wäre sogar gewinnbringender, als ein diskriminierendes Gesetz für die Dauer von zwei Wochen für eine privilegierte Gruppe von Menschen außer Kraft zu setzen.

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