Fotostrecke

Mode-Tattoos: Gestochen hässlich

Foto: Boris Roessler/ dpa

S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Leute, Ihr habt doch einen Stich!

Kindergesichter, chinesische Glückssymbole, Keltenkram: Tattoos erfreuen sich ungebrochen großer Beliebtheit. Warum eigentlich? Die Leute laufen herum wie ein Bilderbuch, aber wenn man genauer gucken will, kassiert man gleich einen blöden Spruch.

Ihr tapferen Gegen-das-Tattoo-Entscheider!

Ich glaube, niemanden bewundere ich dieser sonnigen Tage so wie Euch, die Ihr Euch in letzter Minute entscheidet, Euch doch nicht tätowieren zu lassen. Denn das ist schwer. Das ist hart. Das ist eine einsame Entscheidung. Oder zumindest eine, die einsam machen kann.

Bestimmt geht Ihr schon seit Monaten, wenn nicht seit Jahren mit dem Gedanken schwanger, Euch was stechen zu lassen. Immer schwankt Ihr zwischen einem klaren Ja und dem "Lieber doch nicht". Auch unsicher, welches Motiv Ihr wählen würdet, immerhin aber ganz froh, sich nicht schon vor Jahren für ein Tribal entschieden zu haben, denn das wäre ja jetzt oberpeinlich. So 'ne flächige Bordüre um den Oberarm zu haben oder so 'nen Keltenquatsch.

Überhaupt ist so ein kleines Bildchen auf dem Arm ja ziemlich lächerlich und trennt die Discogänger von den harten Burschen. Und den harten Mädels.

Aktuell ist ja Tapete angesagt. Arm voll, Brust auch, alles durcheinander, Hauptsache bunt. Zumindest bei den Frauen, die Jungs mögen es ganz gern monochrom, in Indigo.

Vorteil der aktuellen Tapetenmode

Für mich als Gegenüber birgt diese Mode ein Problem: Die Leute sitzen in der U-Bahn oder im Café und tragen Bilder zur Schau, die man - anders als den Anker oder das Kreuz auf dem Hügel mit Sonnenuntergang dahinter, wie es früher üblich war - nicht so schnell erfassen kann. Ich schaue also hin. Beziehungsweise stiere hin, denn anders lässt sich die Wunderwelt Tapete nicht enträtseln.

Und was passiert? Ich fang mir den Spruch "Is was?" ein. Das ist total beknackt. Die Leute laufen rum wie ein Bilderbuch, und wenn man gucken will, ist man die Doofe. Und weil man nie weiß, wo bei den Leuten der Hammer hängt, sagt man lieber: "Nö." Gerade hier in Hamburg sagt man besser nö. Eventuell hat man jetzt jemanden beleidigt, der sich den ganzen Körper hat malträtieren lassen, und keinen scheint das zu interessieren. Viel freundlicher wäre es zu sagen: "Du bist so schön bunt", aber heute, wo die geklebten Fingernägel nicht mehr den Huren vorbehalten sind, ist die Möglichkeit der Zuordnung doch sehr eingeschränkt, wer für ein direktes Gespräch geeignet ist.

Der Vorteil der aktuellen Tapetenmode ist, dass man sich nicht für ein Motiv entscheiden muss. Florales, Fußballer, Glücksbringer oder Waschmaschine - alles findet seinen Platz und kann ineinander gewurschtelt werden. Und jetzt erkämpft sich wieder meine Bewunderung Raum: dieser Verlockung zu widerstehen, hier - wo es den Entscheidungsschwachen so leicht gemacht wird - nicht zu sagen: "Geil, pack rauf den Scheiß!", das finde ich wirklich toll. Da hart zu bleiben, das nenne ich eine Leistung.

Zwischen Knie und Knöchel entsteht Kunst

Zumal das alles Kunst ist, was seinen Verbleib auf der Haut findet. Das muss man ja mal sagen. Echte Kunst. Abgesehen von den kleinen, ganz persönlichen, individuellen Motiven, die vor allem Frauen wählen, Delfine, Sonnen, das chinesische Schriftzeichen für Glück. Bei denen geht es ja eher um das Besondere der Persönlichkeit.

Stichwort Persönlichkeit. Wie viele Männer fragen sich täglich, wozu sie eigentlich Beine haben? Wahrscheinlich halb so viele Männer, wie es Beine gibt. Und immer mehr von ihnen, also den Männern, finden die Antwort: um sie tätowieren zu lassen! Um die langweilige Fläche zwischen Knie und Knöchel für Statements zu nutzen und die Welt durch Bilder schöner zu machen.

Vor allem Gesichter lassen sie sich auf die strammen Waden stechen. Nicht immer das der Freundin, gern genommen sind auch Wolfsvisagen oder dicke Hunde. Viele Wadennutzer und Wadennutzerinnen tendieren zu familiärer Folklore und zeigen gern ihr Kind. Erstaunlich wird diese Entscheidung allerdings, wenn man - wie neulich die Dame am Dithmarscher Deich - den wohl hässlichsten Zweijährigen oberhalb der Elbe sein Eigen nennt. Um Verwechslungen zu vermeiden, hat Mutti den Namen dazu stechen lassen: Pascal.

Und Ihr? Ihr Gegenentscheider? Ihr schafft es, die Frage, was sich so mit so 'nem Bein anfangen lässt, beantwortet zu wissen und dennoch nicht zu handeln. Ihr schafft es, dem Impuls, die Symmetrie zweier weißer Schenkel durch die Verzierung eines einzelnen zu durchbrechen, zu widerstehen. Denn das ist ja das Nächste, das auffällt: Tätowiert wird meist nur ein Bein. Was vielleicht auch daran liegt, dass ein Motiv mühevoll gewählt sein will, man will nichts übereilen, so ein Bild, etwa - nach Fotovorlage - ein Junge mit seinem Opa oder eine bluttriefende Teufelsfratze, soll ja ein Leben lang Ausdruck des Ichs sein.

Und bei diesen Herausforderungen nein zu sagen und auf den Spaß, den es macht, das Foto vom Opa auszusuchen, zu verzichten und nicht Teil einer hippen Gemeinde zu sein, deren Mitglieder total individuell sind und die durch ihre Tätowierung zeigen, wie weit sie vom Mainstream entfernt leben - das finde ich ganz toll. Also mehr als das. Da schaue ich bewundernd auf.

Das Einzige, was mir Sorge macht, ist, dass Ihr, die Ihr empfänglich seid für die Verführungskräfte der Körperbemalung, ständig die Entscheidung neu treffen müsst. Jeder Tag mit Eurem unbemalten Körper birgt die Möglichkeit, ihn verzieren zu lassen. Wie ein Alkoholiker, der vor dem Glas steht und eine Entscheidung treffen muss, müsst Ihr täglich neu festlegen, welchen Weg Ihr gehen wollt. Darum beneide ich Euch nicht. Zumal dieser neue Trend, die Familie vom Foto abgemalt aufzubringen, echt der Knaller ist. Gegen das, was da an Kunst entsteht, sieht die Carmen aus der Karstadt-Möbelabteilung einfach nur alt aus.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.