S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Steuern? Upps, ganz vergessen!

Der hochdekorierte Ex-Herausgeber der "Zeit"? Ein Steuerbetrüger. Der Chefredakteur der Vereinszeitung des ADAC? Ein Schummler. Und die "Bunte" lädt zu einer fragwürdigen Promi-Homestory ein. Wundert sich noch jemand, dass im Medienwandel der Qualitätsjournalismus verschwindet?

Uns Journalisten wird beständig vorgeworfen, wir würden unsere Branche durch die Berichterstattung über den Medienwandel zu Boden schreiben. Diese Woche wäre ein solcher Artikel gar nicht nötig, diese Woche haben die Medienverantwortlichen einmal mehr bewiesen, dass sie selbst in der Lage sind, die Glaubwürdigkeit und die gesellschaftliche Stellung der Medien zu verspielen.

Beginnen wir mit der Habgier. Sie hat es geschafft, aus einem der angesehensten Publizisten, einem Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse, dem Ex-Chefredakteur und -Herausgeber von "Die Zeit", Dr. Theo Sommer, einen Steuerhinterzieher zu machen.

Vergangene Woche verurteilte das Amtsgericht Hamburg den 83-Jährigen wegen nicht gezahlter Steuern zu einem Jahr und sieben Monaten auf Bewährung . Knapp 650.000 Euro hat er in den Jahren 2007 bis 2011 nicht abgeführt, die er mit einer seiner zahlreichen freien Tätigkeiten verdient hat. Mit "Schusseligkeit" wollte er sich herausreden. Damit, ununterbrochen am Schreibtisch gesessen und gearbeitet zu haben, neue Projekte ausgetüftelt zu haben, so dass er die Abgaben schlicht vergessen habe. So weit, so naja. Doch wie wiegt das Tun vor dem Hintergrund, dass Dr. Theo Sommer als Publizist kluge Reden schwingt? Etwa im September 2006, als er auf der E.on Sales & Trading Management Conference in Düsseldorf über "Die Verantwortung von Großkonzernen in der globalisierten Welt"  sprach. Ein Vortrag, in dem es hauptsächlich um die Verantwortung ging, die der Wirtschaft gegenüber der Gesellschaft erwächst.

Unerschrocken appelliert der ehemalige Vorstand der Welthungerhilfe an das Gewissen der Manager und prangerte das "Gejammer über unsere angeblich hohen Steuern" an. Zudem war er Mahner genug, auszurufen: "Mit solcher Vaterlandslosigkeit sollte es bald ein Ende haben. Beim Steuerzahlen sollten unsere Wirtschaftskapitäne mindestens soviel Patriotismus aufbringen, wie sie an den Tag legen, wenn es darum geht, auf der Kanzlermaschine nach China oder Indien einen Platz zu ergattern."

Wasser gepredigt, Wein gesoffen

Das zweite Beispiel: Wundert sich irgendjemand, wenn sich herausstellt, dass DIE Vertrauensinstitution der Deutschen, der ADAC, ein Schmuladen ist? Dass der Chefredakteur der Mitgliederzeitung "Motorwelt" dort dreht und schraubt, damit die Zahlen passen? Ja, ich gehe davon aus, dass sich so mancher wundert. Und seinen Glauben an das Gute im Journalismus verliert. Zwar war die "ADAC Motorwelt" immer die Zeitschrift des Vereins ADAC und damit auf eine "Pro Auto"-Position abonniert, dennoch muss man den Zahlen Glauben schenken können, die ein solches Magazin verbreitet. Unter der Erkenntnis, dass der ADAC die Zahlen seiner Mitgliederumfragen schönt und bei der Pannenstatistik einen Teil seiner Panneneinsätze aus der Statistik heraushält, muss zwangsläufig der Eindruck entstehen, unter dem gelben Tarngewand der Autoengel sei ein Gebilde aus Lug und Trug erwachsen.

Und kaum jemanden würde es wundern, wenn bald noch ganz andere Manipulationen im Sinne der Autohersteller bekannt würden. Dass die Präsidiumsmitglieder dann auch noch den auch durch Krankenkassenbeiträge, öffentliche Gelder und Spenden finanzierten Rettungshubschrauber nutzen, um von A nach B zu kommen passt ins Bild. Schließlich haben sich die Herren für den Helikopter als Transportmittel entschieden, da die Straßen nicht zuletzt Dank ihrer autofreundlichen Lobbyarbeit so voll sind, dass sie mit dem Wagen ewig bräuchten.

"Hohe Qualität und beste Materialien kombiniert"

Zu guter Letzt kommt das Beispiel der "Bunten". Hier paart sich Dreistigkeit und Dummheit, oder anders gesagt: Werbung und redaktionelle Arbeit verschmelzen dergestalt, dass dies auch die Frage aufwirft, für wie dumm man seine Leserinnen eigentlich hält. Und ob es nicht gerade diese Form von "Journalismus" ist, bei der die Leserinnen sich fragen, warum sie für so etwas Geld ausgeben sollten.

Die Verfehlung geht so: Die "Bunte" tut so, als wolle sie, dass die Leserin sich wohl fühlt. Deshalb berichtet sie über die Schauspielerin Natalia Wörner, die sich in ihrem neuen Landhaus wohlfühlt. Damit die Leserin das auch bald kann, erzählt die "Bunte", wie Natalia Wörner ihr Haus so hübsch hinbekommen hat: "Eingerichtet hat Natalia Wörner ihren Landsitz eher puristisch und modern mit Designermöbeln von Walter Knoll." Und weil so eine Leserin mit dieser Information noch nicht viel anfangen kann, kommt auch noch der Anbieter in dem Artikel zu Wort, dessen Namen man obendrein gefettet druckt: "Markus Benz, Chef von Walter Knoll, hat sie bei der Einrichtung beraten: 'Es war schnell klar, dass hier hohe Qualität durch beste Materialien und feinste Verarbeitung kombiniert mit einer natürlichen, erdverbundenen Farbgebung gefragt waren.'"

Praktischerweise war der sympathische Herr Benz gerade vor Ort, als der "Bunte"-Fotograf kam, um die Fotos von Frau Wörner und ihrem Landsitz zu machen. Und obwohl die Bäume draußen schon keine Blätter mehr haben, sitzt man vor Benz barfuß herum und lässt sich beraten - so locker geht es zu, wenn man bei Knoll seine Möbel kauft. Und so schön ist das Leben, wenn man "Bunte" liest.

Ja, und da sage noch einmal einer, die über die Umbrüche in den Medien berichtenden Journalisten seien am Untergang des Journalismus schuld. Nee, keine Sorge. Das bekommen die Verantwortlichen schon ganz allein hin.

Korrekturhinweis: In einer ersten Version dieses Artikels fand sich eine Passage, die einen Zusammenhang zwischen der Berichterstattung der Zeitschrift "Bunte" und einer in dem Magazin geschalteten Anzeige des Möbelherstellers Rolf Benz herstellte. Die entsprechende Darstellung war falsch. Wir haben sie entfernt und bitten den Fehler zu entschuldigen.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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