Simmel-Revival beim ZDF Opa stoßseufzt wieder

Lauwarmer Aufguss: Das ZDF gräbt mit "Und Jimmy ging zum Regenbogen" den Thriller-Schmonzetten-König Johannes Mario Simmel wieder aus. Doch dessen simple Story-Strickmuster wirken heute so bieder wie Großväterchens Trachtenweste.


Ja, Johannes Mario Simmel war in den sechziger und siebziger Jahren neben Heinz G. Konsalik der populärste deutschsprachige Romanautor. Seine Bücher erreichten eine Gesamtauflage von über 70 Millionen Exemplaren und wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Und ja, auch die Verfilmungen der Werke des österreichischen Vielschreibers hatten Erfolg: "Es muss nicht immer Kaviar sein" (1961) mit O.W. Fischer etwa oder "Doch mit den Clowns kamen die Tränen", Reinhard Hauffs TV-Dreiteiler von 1989.

Es muss wohl an dieser verbürgten Massentauglichkeit des heute 84-jährigen ehemaligen Illustriertenautors Simmel liegen, dass ihn nun das ZDF, bekanntlich ohnehin den Senioren zugetan, im großen Stil aus der Versenkung holt. Die Neuauflage des 38 Jahre alten Spionage-Biowaffen-Thrillers "Und Jimmy ging zum Regenbogen", der 1970 schon einmal verfilmt worden ist, soll jedenfalls nach dem Willen der Programmverantwortlichen gleich den Auftakt zu einer ganzen Reihe von Simmel-Adaptionen bilden.

Produzent Oliver Berben, Sohn der Schauspielerin Iris Berben, hat sich gemeinsam mit der Produktionsfirma Eos Entertainment umfassende Rechte am Simmelschen Œuvre gesichert. Schon im Dezember kommt mit "Gott schützt die Liebenden" von 1957 der zweite Aufguss zur Ausstrahlung; drei weitere Stoffe ("Liebe ist nur ein Wort", "Niemand ist eine Insel" und "Alle Menschen werden Brüder") sind bereits entwickelt.

Schwülstig-sinnfreie Titel

Leider lassen sich außer quotentaktischen Motiven kaum Gründe finden für die Reanimation des einstigen Bestseller-Mechanikers mit der Vorliebe für schwülstig-sinnfreie Titel. Das von ZDF-Hausregisseur Carlo Rola ("Rosa Roth") inszenierte Stück "Und Jimmy ging zum Regenbogen" mit Heino Ferch und Rolas Lebensgefährtin Dennenesch Zoudé in den Hauptrollen verströmt allenfalls das Aroma von Clanwirtschaft – aber nicht den Hauch von Inspiration. In "Gott schützt die Liebenden" spielt dann übrigens Iris Berben den zentralen Part.

Zwar hat Drehbuchautor Jürgen Büscher im Falle von "Und Jimmy ging zum Regenbogen" allerlei Versuche unternommen, um die Story der Buchvorlage etwas heutiger erscheinen zu lassen: So muss der Protagonist, der Argentinier Manuel Aranda (Ferch), die Leiche seines auf mysteriöse Weise ermordeten Vaters nicht mehr im Wien der ausgehenden Sechziger identifizieren, sondern im Berlin des Jahres 1996. Und dementsprechend gerät er auch nicht mehr zwischen die Spionage-Fronten des Kalten Krieges, sondern schlicht zwischen konkurrierende (und fast slapstickhaft überzeichnete) Agenten verschiedener Nationalitäten.

Der kolportagehafte Kern des Simmel-Stoffs aber musste natürlich bewahrt werden: Dass Arandas Vater, der von einer greisen Bibliothekarin mit Zyankali vergiftet wurde, bevor diese sich selbst tötete, die Formel für eine Massenvernichtungswaffe gefunden hatte, blieb genauso erhalten wie die moralisierenden Bezüge zur Nazi-Zeit.

Bordellbetreiberin als Doppelagentin

Seine Nachforschungen über den toten Senior und dessen Beziehung zu seiner Mörderin stellt Aranda junior mit einer attraktiven Partnerin an: Im Film ist es die Polizistin Irene (Zoudé), die Enkelin der Giftmischerin, die er zufällig auf dem Friedhof trifft.

Sachdienliche Hinweise zu den Verstrickungen des alten Aranda und zu dem Dechiffriercode der Waffenformel, der sich aus der titelgebenden Gedichtzeile ableiten lässt, finden sich im Etablissement der Bordellbetreiberin und Doppelagentin Nora Hill – gespielt von Judy Winter, die bereits in Alfred Vohrers Erstverfilmung mit von der Partie war. Zugegeben ein kleiner Besetzungscoup.

Doch so wie schon die Simmel-Filme von einst als letzte Stoßseufzer von Opas Kino galten, so kalkuliert wirkt auch die erste Neuadaption: Die ewige Simmel-Masche "Lovestory vor zeitgeschichtlichem Hintergrund mit pseudowissenschaftlichen Anreicherungen" bleibt als Webmuster klar erkennbar, die Nazi-Connection ist aber nichts als Folie.

Weder inhaltlich noch schauspielerisch überzeugend

Vor allem aber vermögen Ferch und Zoudé als Liebespaar weder inhaltlich noch schauspielerisch zu überzeugen. Wenn die beiden Tango tanzen und danach hübsch drapiert im Bett abgefilmt werden, ahnt man höchstens, dass Liebesszenen für Schauspieler harte Arbeit sein können – kann daraus aber keinesfalls eine überbordende Leidenschaft ableiten, die unter Tränen gestammelte Liebesschwüre wie "bis dass der Tod uns scheidet" rechtfertigen würde. Da hilft auch der permanent wabernde suggestive Klangteppich nicht weiter.

Das melodramatische Ende lässt einen genauso ratlos zurück wie die ganze Idee des Simmel-Revivals. Ob die Familienbande um Oliver Berben, Carlo Rola und Iris Berben das Gesamtwerk des Autors wirklich "Bis zur bitteren Neige" (Simmel, 1962) neuverfilmen wird, muss die Publikumsresonanz erweisen.

Einstweilen kann man über die derzeitigen Retro-Bemühungen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nur kopfschüttelnd staunen: Die ARD versucht ja demnächst mit dem "Musikhotel am Wolfgangsee" das zurecht vergessene Genre des Operettenfilms wiederzubeleben.


"Und Jimmy ging zum Regenbogen", Mittwoch, 20.15 Uhr, ZDF



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 24.09.2008
1. Gez
Da weiß ich doch wieder wofür ich keine GEZ zahle.
der Könich, 24.09.2008
2. gruselig
Ist doch immer wieder schön zu sehen wie die "Anstalten" unsere Gebühren für Neuaufgüsse von schwülstigen Romanvorlagen verbraten und gleichzeitig für ABM-Maßnahmen von ganzen Schauspieler-Sippschaften sorgen. Während Qualitätsformate entweder ganz verschwinden oder auf Sendeplätzen jenseits von 23 Uhr geparkt werden ist das ZDF Stammpublikum bestens versorgt. Aus meiner Sicht wird es endlich Zeit für pay-per-view bei den ÖR damit die Gebüren gesenkt und so ein Schrott Verbrauchergerecht finanziert werden kann. Das gleiche gilt auch für die Hofberichterstattung von Sportgroßveranstaltungen.
RainerHeinrich, 24.09.2008
3. Was sind Kriterien von Qualitätsformaten?
Zitat von der KönichIst doch immer wieder schön zu sehen wie die "Anstalten" unsere Gebühren für Neuaufgüsse von schwülstigen Romanvorlagen verbraten und gleichzeitig für ABM-Maßnahmen von ganzen Schauspieler-Sippschaften sorgen. Während Qualitätsformate entweder ganz verschwinden oder auf Sendeplätzen jenseits von 23 Uhr geparkt werden ist das ZDF Stammpublikum bestens versorgt. Aus meiner Sicht wird es endlich Zeit für pay-per-view bei den ÖR damit die Gebüren gesenkt und so ein Schrott Verbrauchergerecht finanziert werden kann. Das gleiche gilt auch für die Hofberichterstattung von Sportgroßveranstaltungen.
Interessant, dass Sie den Film schon gesehen haben . Das Buch haben Sie offensichtlich gelesen. Wenn JA, warum? Wenn NEIN, sollten Sie schweigen. Um mir ein Bild zu machen eine letzte Frage: Welche Qualitätsformate sind verschwunden oder werden nach 23:00 Uhr gesendet. RainerHeinrich PS. Beinahe vergessen zu fragen. Sind Formate, die Sie nicht mögen grundsätzlich von schlechter Qualität?
IsArenas, 24.09.2008
4. ...
Zitat von sysopLauwarmer Aufguss: Das ZDF gräbt mit "Und Jimmy ging zum Regenbogen" den Thriller-Schmonzetten-König Johannes Mario Simmel wieder aus. Doch dessen simple Story-Strickmuster wirken heute so bieder wie Großväterchens Trachtenweste. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,580134,00.html
Welcher Opa trägt denn bitte heutzutage noch eine Trachtenweste? Der hört Led Zeppelin, wie unsere Heldin am Ende des Films auch. Und wenn Opa Liebesgeschichten mag, so hält ihn das doch in Form. Keine Ahnung, wie sich die Zuschauer dieses Films altersmäßig und sonst zusammensetzen. Ich fand ihn nicht schlecht und teile zum Beispiel die Kritik an Heino Ferch und Dennenesch Zoudé überhaupt nicht. Vielleicht schade, dass man den Roman in 90 Minuten komprimiert hat, das wäre auch Stoff für einen klassischen Vierteiler gewesen. Aber die Idee, gleich das komplette Simmel-Werk zu verfilmen und in den nächsten Monateh auszustrahlen, hat auch etwas für sich.
little_buddha 25.09.2008
5. Simmel-Revival beim ZDF_ Opa stoßseufzt wieder
Der Verfasser des Ausgangstextes scheint ein junger Mensch zu sein. Augenmerk auf jung. Die Zielgruppe für RTL,Sat1 und andere an der Oberfläche der Fakten kratzende Sender. Für mich Jahrgang 1964 kommen jedenfalls nur die 3. Programme sowie ARD und ZDF mit Ihren Spartensendern in Frage. Der 90 minütige Film jedenfalls hat mir gut gefallen. Auch und gerade weil ich das Buch gelesen habe. Wie übrigens alle Bücher von Johannes Mario Simmel. Wenn ich an die ZDF Serie des Buches "Es muss nicht immer Kaviar sein" denke, dann verfalle ich noch heute in Verzückung angesichts der schauspielerischen Leistung der Herren Siegfried Rauch und Heinz Reincke. Wenn ich das Buch wieder einmal lese, dann höre ich die Stimme von Heinz Reinke, so gut ist der Charakter getroffen. Das nicht nur mir die Serie gut gefällt zeigt die Auflegung der Serie auf DVD, welche Anfang 2009 erscheinen wird. Ich freue mich schon heute auf die nächste Verfilmung eines der Bücher von Johannes Mario Simmel. Grüße J.Oettel
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