Skandal-Biografie über Heinz Berggruen Perfides Spiel mit der "Judenkarte"

Mit einem wirren Buch über den Kunstsammler Heinz Berggruen hat die Autorin Vivien Stein eine erhitzte Debatte ausgelöst. Beim Versuch, den jüdischstämmigen Mäzen zu demontieren, schreckt sie nicht vor antisemitischen Klischees zurück: Er habe Deutschland moralisch erpresst - und so Millionen verdient.
Heinz Berggruen, hier 2006 in Berlin: Denkmal, das er gar nicht sein wollte

Heinz Berggruen, hier 2006 in Berlin: Denkmal, das er gar nicht sein wollte

Foto: JACQUES DEMARTHON/ AFP

Vielleicht hätten sich dieses Buch nur ein paar Eingeweihte aus der Kunstsammlerszene gekauft. Doch dann kam ein Lob eines Kulturkritikers aus der "Süddeutschen Zeitung". Seitdem gibt es keine Ruhe. Eine Deutungsschlacht hat begonnen um Heinz Berggruen (1914-2007), einem der wichtigsten Kunstsammler der Welt.

"Eine Kampagne versucht, sein bewegtes Leben zu skandalisieren", stellte die Kritikerin der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" fest. Der Autor des "Tagesspiegel" nannte das Werk "prall gefüllt mit Infamitäten, aber auch peinlichen Ausrutschern".

Es kam wie so oft in der Medienbranche: Wo viel Aufregung erzeugt wird, ist mit einmal auch viel Interesse. Den Schweizer Verlag Edition Alpenblick dürfte es freuen. Und die Autorin Vivien Stein erst recht. Bis dato kannte sie niemand. Mitte dieser Woche ist "Heinz Berggruen - Leben & Legende" bei den großen Buchhändlern in der Hauptstadt, bei Dussmann, bei Thalia und Hugendubel, nicht mehr zu bekommen. Ausverkauft, heißt es, man habe sogar Schwierigkeiten, vom Verlag neue Exemplare zu erhalten.

Der Coup ist also aufgegangen. Doch wem dient er? Hier wird nicht Berggruen beschädigt, hier beschädigt sich eine Autorin selbst.

Gaukler, Trickser, Spekulant

Berggruen war nicht irgendwer, er war nicht nur ein Mann, der Berlin eine grandiose Bildersammlung vermacht hat. Er stand auch symbolisch für die Rückkehr eines jüdischen Deutschen in seine alte Heimat. Berggruen, in Berlin geboren, ging während der Nazi-Zeit als junger Mann ins Exil, starb vor vier Jahren im Alter von 93 in Paris und ist auf dem Friedhof in Berlin-Dahlem beerdigt.

Gleich gegenüber dem Schloss Charlottenburg liegt das Museum, das seinen Namen trägt, ein Ort, der sich über mangelnde Resonanz des Publikums nicht beklagen kann. Hier hängen an die 100 Bilder von Picasso, rund 60 von Paul Klee, Bilder auch von Matisse und Giacometti. Werke, die Berggruen im Verlauf seines langen Lebens gesammelt und im Jahr 2000 gegen 253 Millionen Mark an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz verkauft hat. Es war nicht zuletzt der damalige Kanzler Gerhard Schröder, der sich, angeregt durch seinen Kulturstaatsminister Michael Naumann, für den Erwerb der Kollektion einsetzte.

Für Berlin war der Einsatz der beiden ein Glücksfall. Die Stadt war nicht nur um eine künstlerische, sondern auch um ein touristische Attraktion reicher. Und das, gemessen an den Preisen, die auf dem weltweiten Kunstmark gezahlt werden, zu einem vergleichsweise günstigen Preis. Der Wert der Sammlung wurde damals weit höher eingeschätzt, von über eine Milliarde Mark war zeitweise die Rede.

Doch darum geht es nicht bei Vivien Stein. Sie macht Berggruen zu jenem Denkmal, das er selbst gar nicht sein wollte, zu dem ihn der Dauerrummel der Medien einst machte, um nur ein Ziel zu verfolgen: es kurz und klein zu schlagen. So etwas passiert immer wieder mit Menschen, die in der Öffentlichkeit standen. Doch dieses Werk durchzieht der Ehrgeiz, den Kunstsammler nicht allein nur zu demontieren.

Sie porträtiert Berggruen als Gaukler, Trickser, als schnöden Spekulanten. Die Autorin, Jahrgang 1951, ist Tochter von in die USA eingewanderten europäischen Juden. Sie selbst hat einige Jahre in Berlin gelebt. Was sie antreibt, bleibt weitgehend unklar. "In unseren Kreisen", schreibt Stein in ihrem Buch, "ist es verpönt, die 'Judenkarte' zu spielen, erst recht in Deutschland." Genau das ist die schlichte Grundmelodie ihres Buches: Berggruen habe die nichtjüdischen Deutschen, das Land, in dem der Holocaust erdacht wurde, mit ihrem schlechten Gewissen moralisch erpresst. Dafür hätten sie ihm am Ende die Bilder abgekauft.

Kampagnenjournalismus der einfachsten Art

Stein wandert auf bekannten und gefährlichen Pfaden, die der Schriftsteller Martin Walser einst einschlug, als er im Zusammenhang mit Auschwitz von der "Moralkeule" sprach. Ihn zitiert sie natürlich auch. Wer Walsers Sicht teilt, der wird sich an diesem Buch geradezu delektieren. Und das tun nicht wenige in diesem Land, alle Gedenktage hin oder her. Der schreckliche Satz "Man wird ja wohl noch sagen dürfen", er könnte auch über diesem Buch stehen.

Steins Werk durchzieht eine Mischung aus Behauptungen und Fakten, es ist eine einzige Angriffsmaschinerie, mit vielen Fußnoten garniert, kommt es als wissenschaftliches Werk daher. Und doch ist ihre Methode unlauter, es ist Kampagnenjournalismus der einfachsten Art: So schneidet sie in einem Kapitel lauter kritische Aussagen Berggruens über Deutschland, die dieser in US-Medien machte, gegen positive, die er in deutschen Medien über seine Heimat äußerte. Das Ziel ist klar: Hier redet einer mit gespaltener Zunge, hier ist einer ein Opportunist. Dabei verschweigt sie, dass sich Berggruen auch hierzulande immer wieder in Medien den kritischen Blick auf seine Heimat bewahrt hatte.

An anderer Stelle hält sie Berggruen vor, in seinen Miniaturen, die er im "Dritten Reich" bis 1937 für das Feuilleton der "Frankfurter Zeitung" verfasste, nicht die drückende Alltagslast zu beschreiben. Solche nachträglichen Projektionen sind entlarvend für den unhistorischen Blick der Autorin. Berggruen hat sich nie als heimlicher Widerständler begriffen, er hat oft genug darüber gesprochen, wie wenig er sich um die politische Lage damals kümmerte. Stein zitiert solche Aussagen sogar, doch allein, um ihm nur wenig später Aussagen von Zeitgenossen vorzuhalten, die eben genauer hinsahen. Was soll damit gesagt sein? Als habe es nicht auch Juden gegeben, die kein Interesse an Politik hatten. Opfer waren sie trotzdem, weil sie dazu von den Tätern gemacht wurden. So einfach ist das.

Alle Grenzen werden überschritten

Steins Buch ist an vielen Stellen wirr, oft ein einziges anklagendes Sammelsurium von Zitaten. Da berichtet sie aus einer gemeinsamen Veranstaltung Berggruens mit Arno Lustiger, dem Auschwitz-Überlebenden. Dessen Schilderungen über das Grauen im KZ setzt sie gegen Berggruens Aussage, er habe Mitte der dreißiger Jahre Deutschland verlassen - "da sah es noch relativ zivilisiert aus in Deutschland, aber ich spürte, was da kommen würde". So versucht sie ihn zum Bruder Leichtfuß zu machen.

Stein wirft ihm sogar vor, erst 1944 im US-Exil von den Vernichtungslagern gehört zu haben. Wie viele waren es, die erst 1945 von dem ganzen Ausmaß des Grauens erfuhren? Wohl die meisten. Berggruen hat nie sein weitaus glücklicheres Schicksal im Exil bestritten, er hat sich gar nicht vordrängeln wollen als Opfer. Stein aber versucht ihn mit solchen Textmontagen zu einer Art Nazi-Opfer zweiter, dritter Klasse zu machen.

Die Autorin kennt kein Maß. Es ist eine ermüdende Attacke von vorne bis hinten. Selbst Berggruens Nachfahren werden nachträglich in Haftung für die angeblichen Beweggründe des Vaters genommen: "Heinz Berggruen hat seinen Erben mit seinem Vermögen auch seine Zauberformel weitergegeben: Ihr könnt von den Berlinern alles bekommen. Ihr müsst nur sagen: Wir lieben euch und möchten euch ein Geschenk machen!", schreibt sie.

Es ist der Satz, mit dem sie endgültig die Grenze überschreitet. Solche perfiden Methoden wandten einst die Nazis gegen ihre Feinde an. Sie nannten es "Sippenhaftung".

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