Skandal um Klatschkolumne Erpressung per Notizblock?

Es ist New Yorks größter Society-Skandal seit Woody Allens Trennung von Mia Farrow. Doch im Zentrum steht diesmal kein Star, sondern ein Klatschreporter. Jared Paul Stern soll versucht haben, einen Milliardär zu erpressen. Der Journalist streitet alles ab.

New York - Das Video ist grobkörnig und unscharf. Trotzdem kann man alles Nötige sehen - und vor allem hören. Zwei Männer sitzen an einem runden Glastisch. Der eine, Gesicht zur Kamera, trägt ein Sakko, sein fahles Haar wirkt fast auftoupiert. Der andere, Rücken zur Kamera, trägt Schwarz.

"Wie viel?", fragt der Mann in Schwarz. "Wie viel willst du?" Stockend antwortet der Auftoupierte: "Zuerst 100.000, und dann können wir von Monat zu Monat, sagen wir, 10.000 machen." Erläuternd fügt er hinzu: "Es funktioniert ein bisschen so wie die Mafia."

Doch es ist nicht Don Corleone, der sich hier auf einem Überwachungsvideo verplappert. Der Mann in Schwarz ist der Supermarkt-Milliardär Ronald Burkle, der weiß, dass die Kamera mitläuft. Der Mann mit dem fahlen Haar dagegen ahnt nichts, er heißt Jared Paul Stern und ist ein Reporter für das New Yorker Boulevardblatt "New York Post", namentlich für dessen berüchtigte Klatschspalte "Page Six".

Und so detonierte er, der jüngste Skandal der New Yorker Society - mit einem Video, das an eine Gangster-Klamotte erinnert. Stern, 35, soll Burkle erpresst haben: Nur gegen Zahlung von insgesamt 220.000 Dollar könne er ihm garantieren, dass die Schnüffler der "Page Six" über Burkles turbulentes Privatleben - darunter auch die pikanten Details seiner anhängigen Scheidung - fortan Stillschweigen bewahrten.

Die Justiz ermittelt, die "Post" hat Stern suspendiert: "Wir nehmen das sehr ernst." Stern dementierte böses Ansinnen: Die Szenen seien "aus dem Zusammenhang gerissene Fetzen (...) einer über dreistündigen Unterhaltung". Burkle habe ihn in eine "Falle" gelockt: Er habe sich mit dem Unternehmer eigentlich nur getroffen, weil der ihm offeriert habe, in Sterns Bekleidungsfirma Skull & Bones ("Gut angezogen, doch nie langweilig") zu investieren, die er als Nebenverdienst betreibt.

Sein Starverteidiger Joseph Tacopina ("der Donald Trump der Strafjustiz", so die "New York Times") erklärte, Stern sei Opfer, nicht Täter - Opfer "eines paranoiden Milliardärs, der Rechnungen zu begleichen hat und verzweifelt seine Geheimnisse beschützt". Er wolle Stern und die "Page Six" "zerstören".

Totale Säuberung der schwarzen Schafe

Die Szene steht Kopf. Seit Woody Allens Affäre mit der Adoptivtochter seiner Lebensgefährtin Mia Farrow hat man derlei Aufwallungen nicht mehr erlebt. Der Fall "Page Six" - oder, so taufte sie der Klatsch-Blog "Jossip" um, "Page $ix" - gießt nicht nur den Hämekübel über die aus, die sich sonst über andere hermachen. Er reißt auch, ein für allemal, dem Geschäft mit dem "Gossip" die Maske runter: Jeder steigt mit jedem ins sprichwörtliche Bett.

Stern nannte nämlich, wie es sich für seine Zunft gehört, in dem Video Namen. So hätten Film- und Verlagsboss Harvey Weinstein und Revlon-Chairman Ron Perelman ähnliche Arrangements. Beide streiten das ab. Allseits bekannt ist freilich, dass Weinstein und "Page"-Chef Richard Johnson einmal geschäftliche Kontakte hatten und Johnsons Gattin früher für Perelmans Holdingfirma gearbeitet hat.

Wobei es eine Sache ist, sich seinen Platz in den Klatschspalten mit Präsenten, Vitamin B oder Drohungen zu erkaufen. Es ist aber eine ganz andere, umgekehrt zur Barzahlung genötigt zu werden ("Stipendium" nennt Stern das), um in Ruhe gelassen zu werden. "Dies", orakelt Michael Musto, der Gesellschaftskolumnist der "Village Voice", "wird zu einer totalen Säuberung der schwarzen Schafe in meiner Branche führen."

Mustos Metapher mag eine Hoffnung bleiben. Zumindest aber unterzieht sich die "Page Six", Amerikas "Bibel des Klatsches" (Musto), einer peinlichen Nabelschau. Die vom erzkonservativen Medienpaten Rupert Murdoch finanzierte "Post", im Dauerkrieg mit der liberalen Konkurrenz "Daily News", bangt derweil um ihre Auflage: Die, so Harvard-Journalistikprofessor Alex Jones, würde ohne die "Page Six" um 40 Prozent schrumpfen.

Sex mit dem Fitness-Trainer

Ein Jammer. Die tägliche Doppelseite, längst über Seite 6 hinausgewachsen, versorgt New York seit fast 30 Jahren mit Stadtgespräch - und das meiste stimmte (bisher). So enthüllte die "Page" nicht nur Woody Allens Gelüste, sondern auch die Trumpsche Triangel (Donald-Ivana-Marla), Britney Spears' Verlobung und Donatella Versaces Entziehungskur. Eine unwiderstehliche Melange: "Macht, Privileg und das Ding, das damit einhergeht - Korruption", sagt der frühere Redakteur Frank DiGiacomo.

Burkle ist für dieses Dreigestirn ein prima Beispiel. Der Multimilliardär, den Bill Clinton "einen meiner besten Freunde" nennt, steckt in einer hässlichen Scheidung. Noch-Gattin Janet will, nebst drei Millionen Dollar Abfindung, 232.800 Dollar Monatsunterhalt. Burkle soll sich Gerichtsakten zufolge unter anderem dadurch gewehrt haben, dass er sie heimlich beim Sex mit ihrem Fitness-Trainer filmte.

Burkles Faible für versteckte Kameras wurde nun auch Stern zum Verhängnis. Der Milliardär ließ seine Sicherheitsfirma mitfilmen, als sich Stern mit ihm in seinem Loft in Tribeca traf. Zuvor hatte sich Burkle beschwert, "Page Six" drucke lauter Lügen über ihn. Stern antwortete ihm in E-Mails, die prompt an die "Post"-Rivalin "Daily News" lanciert wurden: Burkle habe "die Mittel", die Berichterstattung zu "regulieren". Später habe er die Warnung hinzu gefügt: "Wir wissen, wie man Leute zerstört."

Jetzt wird Stern wohl eher sich selbst zerstören. Der Möchtegern-Dandy, der gerne mit Bogart-Hut durch die Szenebars geistert, eiferte nach Worten eines Freundes immer schon Isaac Davis nach, dem fiktiven Nachtschwärmer, den Woody Allen in "Manhattan" spielte. Jetzt hat er eine andere, wiewohl traurige Berühmtheit erreicht. Das zeigt sich auch an den Aufklebern, die seit dem Wochenende hier auf vielen Zeitungsständern pappen: "Free Jared Paul Stern"

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