Skandalmaler Uwe Lausen Pop und Totschlag

Ringo Starr beim Onanieren, Erschießungen, sexuelle Gewalt: In den Gemälden von Uwe Lausen spiegelt sich die extreme Seite der Sechziger. Sein Leben war kaum weniger heftig: Seinen Selbstmord wollte der Künstler öffentlich inszenieren, 1970 starb er im LSD-Rausch. Jetzt wird er wiederentdeckt.


Schon mit 26 Jahren hatte Uwe Lausen seine ganz eigene Vorstellung vom Tod: "Frisch bezogenes Bett, 18 Grad Zimmertemperatur. Rolling Stones im Background. Falscher Wein nicht unter acht Mark. Dazu eine Henkersmahlzeit aus grünen Butterbohnen, Schlosskartoffeln, Fleisch."

Dieses Szenario eines bürgerlich eingebetteten Selbstmords stünde einem depressiven Steuerbeamten mit Rock-Affinität gut an. Bei einem exzentrischen Künstler der sechziger Jahre befremdet es. Lausen scherte sich sonst wenig um bürgerlichen Anstand und lebte sein kurzes, wildes Leben gegen die Konventionen und Erstarrungen der Nachkriegsgesellschaft.

Als Mensch war er sperrig, verweigerte sich, neigte zu Zynismus und Exzess, suchte den Rausch mit Haschisch, Meskalin und LSD. In seiner Malerei nahm er in wenigen Jahren Einflüsse unterschiedlichster Stilrichtungen auf: von Informel, Surrealismus, Pop Art, von Agitprop und psychedelischer Ästhetik. Die mixte und verdichtete er, um schließlich in einem Schaffensrausch etliche ziemlich gute Bilder zu schaffen.

Trotz seines Erfolgs zu Lebzeiten und einer ersten posthumen Retrospektive 1984 im Münchner Lenbachhaus ist Lausen heute vor allem Insidern bekannt. Spätestens aber seit Contemporary Fine Arts, eine der wichtigsten Berliner Galerien, 2006 seine Bilder zusammen mit Werken des Malerstars Daniel Richter zeigte, lag ein Revival in der Luft. Weil sich Schirn-Direktor Max Hollein schon vor Jahren auf einer Messe in ein Lausen-Gemälde verguckt und für den Künstler zu interessieren begonnen hatte, hat das Frankfurter Ausstellungshaus jetzt die Nase vorn.

Drei Wochen Jugendarrest

Auf den ersten Blick erinnert Lausens Werk an Hundertwasser, Francis Bacon und den Pop-Art-Erotiker Allen Jones gleichermaßen. Auf einem Bild sitzt Ringo Starr onanierend auf der Couch, auf einem anderen lümmelt Blaubart im Sessel, während uniformierte Schergen nackte Wesen in Schach halten - politischer Terror trifft auf sexuelle Gewalt. Bei "Ende schön alles schön" sackt ein Erschossener, dem das Blut aus dem Hals schießt, vom gestreiften Sofa.

Bürgerlich behütet wuchs Lausen in Stuttgart auf. Er studierte kurz Philosophie, dann Jura und begann mit 21 im Umkreis der Münchner Künstlergruppe Spur zu malen. Nur ein Jahr später hatte er bereits eine Einzelausstellung in einer renommierten Berliner Galerie. Bald wurde er als Jungstar gefeiert.

Unterdessen lebte er ein Leben voller Widersprüche. Einerseits rebellierte er gegen Spießertum und Wohlstandsgesellschaft, andererseits heiratete er, ließ sich von Eltern und Schwiegereltern ein Bauernhaus bei München und später eine Eigentumswohnung kaufen. 1962 zog er sich wegen pornografisch-blasphemischer Äußerungen drei Wochen Jugendarrest zu. Bei einer Ausstellung verteilte er Buttons mit der Aufschrift "Kill for Fun" oder "Töte mit U Lau", zu Hause trocknete er Blumen, mit denen er Briefe verzierte.

Vom Verfolgungswahn getrieben

Seine Bilder wirkten, als seien die sechziger Jahre in ihnen unter hohem Druck zusammengepresst und sedimentiert - Faktoren dafür dürften Lausens hohe intellektuelle wie künstlerische Begabung, seine labile psychische Konstitution und der Überdruck dieses Aufbruchsjahrzehnts gewesen sein.

Darüber hinaus waren die Sechziger die Zeit, in denen das Fernsehen erstmals eine Überfülle von Bildern politisch motivierter Gewalt in die Wohnzimmer brachte: vom Mord an Kennedy über den Vietnamkrieg bis zur Studentenrevolte. Lausen spiegelte diese medialen Spektakel und war entschlossen, sie zu überbieten. In seinen Gemälden, die häufig um den Einbruch von Grausamkeit in häusliche Interieurs kreisen, wie auch in seinem Leben. So soll er mit dem Gedanken gespielt haben, seinen Selbstmord öffentlich zu inszenieren und vorab an die Medien zu verkaufen.

Am Ende des Jahrzehnts war Lausen von seiner Frau getrennt, er hatte das Malen aufgegeben und einige Monate, von Verfolgungswahn getrieben, zwischen Zürich, St. Gallen, Frankfurt und Darmstadt verbracht. Es war das Jahr 1970, als auch Janis Joplin und Jimi Hendrix dem Sog von manischer Kreativität, Drogen und Selbstzerstörung erlagen. So viele aus der ersten Nachkriegsgeneration waren aus Verdrängungsmief und Lehnsessel aufgebrochen und hatten in Sitzsäcken und luftigen Utopien keinen Halt gefunden.

So stand die Implosion fast logisch am Ende von Lausens explosivem Leben. Drei Jahre nach seiner Vision vom anständigen Tod bei Butterbohnen und Schlosskartoffeln besuchte er seine Eltern im württembergischen Städtchen Beilstein und schnitt sich in ihrem Haus unter dem Einfluss von LSD die Pulsadern auf.


Uwe Lausen: Ende schön alles schön. Bis 13. Juni in der Schirn Kunsthalle, Frankfurrt.

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