Skandalöse Buchenwald-Rede Regierung soll ihr Geschichtsbild darlegen

Die KZ-Opfer kamen in der Festrede des stellvertretenden Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Hermann Schäfer, anlässlich eines Gedenk-Konzerts in Buchenwald nicht zur Sprache. Volkhard Knigge, der Direktor der Gedenkstätte, fragt nun an höchster Stelle nach: Ist Verdrängung konsensfähig?


Weimar - Der Streit um die Eröffnungsrede zum Weimarer Kunstfest verschärft sich. Der Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, Volkhard Knigge, forderte heute die Bundesregierung zu einer Klarstellung ihres Geschichtsbildes auf. Die Intendantin des Kunstfestes, Nike Wagner, erklärte, der Redner habe den Auftrag für seinen Vortrag umdefiniert. Dagegen wies der stellvertretende Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Hermann Schäfer, die Verantwortung erneut zurück. Schäfer hatte unter dem Thema "Gedächtnis Buchenwald" ausschließlich über die Flucht und Vertreibung der Deutschen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gesprochen und damit einen Eklat ausgelöst.

Ministerialdirigent Schäfer: Weist die Verantwortung von sich
DDP

Ministerialdirigent Schäfer: Weist die Verantwortung von sich

Knigge sagte, die Klarstellung müsse von sehr hoher Stelle kommen. Sonst müsse man die Festrede als neues Geschichtsbild der Bundesregierung verstehen, in dessen Mittelpunkt nicht der Holocaust und seine Opfer, sondern Flucht und Vertreibung stünden. Er forderte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) auf, zu sagen, ob "der Konsens über die Sicht auf das Dritte Reich aufgekündigt ist".

Auch die Vizepräsidentin des Bundestages, Katrin Göring-Eckardt (Grüne) und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) , äußerten sich entsprechend. Die Rede Schäfers sei zu Recht als Provokation empfunden worden, sagte Göring-Eckardt.

Die Grünen-Politikerin forderte die Bundesregierung auf, "zügig zur Position ihres Ministerialdirigenten Stellung zu nehmen, um so weiteren Schaden im In- und Ausland zu vermeiden". Das Kunstfest, Weimar und die Gedenkstätte Buchenwald dürften nicht als Experimentierfeld für Historikerdebatten missbraucht werden. Sie kündigte eine Anfrage ihrer Fraktion an, in der auch nach geplanten Konsequenzen gefragt werden solle.

Thierse sprach im Deutschlandradio Kultur von einer erstaunlichen Fehlleistung und verlangte eine eindeutige Positionierung von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). Wenn dessen Vertreter bei einer Gedenkveranstaltung ausschließlich über deutsche Opfer spreche, "dann ist das neben mangelnder Sensibilität für den Anlass und die Adressaten natürlich auch eine Akzentverschiebung in den Gewichten unserer Erinnerungskultur", sagte Thierse.

Schäfer erneuerte seine Erklärung vom Wochenende, er habe sich "thematisch genau an die Vorgaben der Leiterin der Festspiele, Nike Wagner, gehalten". Sollte dies "zu Missverständnissen oder Unzufriedenheit beim Publikum geführt haben", bedauere er dies, habe es allerdings nicht zu vertreten. Die Festspielleiterin habe ihn ausdrücklich um diesen inhaltlichen Beitrag gebeten.

Nike Wagner entgegnete, das Kunstfest sei nicht dafür verantwortlich, dass Schäfer "die Erwähnung seiner Verdienste für die Ausstellung 'Flucht - Vertreibung - Integration' zum Auftrag für einen Vortrag umdefiniert" habe. "Bisher wusste noch jeder Redner, der zu einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des KZ Buchenwald eingeladen wurde, dass die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen und die Würdigung der Opfer im Mittelpunkt steht", sagte die Intendantin.

Nach Angaben seines Sprechers will sich Weimars Oberbürgermeister Stephan Wolf (SPD) in aller Form bei der Organisation der ehemaligen KZ-Häftlinge für den Vorfall entschuldigen. Der Inhalt der Rede entspreche nicht Weimars Umgang mit seiner Vergangenheit.

hoc/ddp/dpa



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