Skurrile Devotionalien Ein Hauch Obama für 39,99

Obama-Wein, Obama-Parfum, Obama-Chilisauce: Findige Unternehmer machen den Amtsantritt des Hoffnungsträgers zum Millionengeschäft. Die meisten der kuriosen Produkte sind Ramsch - trotzdem wird der neue US-Präsident erst durch sie endgültig zur Ikone der Popkultur.

Von , New York


Wie riecht Hoffnung? Der US-Parfumhersteller My DNA Fragrance weiß es: "Eine saubere, frische Mischung aus Zitrus, grünen Blättern und Marine-Noten."

Es sei ein "historischer" Duft, "der Frauen wie Männern Hoffnung vermittelt". Und den die Firma aus Beverly Hills zu Barack Obamas Amtseinführung exklusiv auf den Markt bringt: "POTUS 1600", benannt nach der offiziellen Abkürzung des Präsidenten ("President of the United States") und der Adresse des Weißen Hauses (1600 Pennsylvania Avenue). 39,99 Dollar kostet das 120-Milliliter-Fläschchen, es enthält keinen Alkohol und ist laut Werbung umweltfreundlich.

Willkommen im Kaufhaus Obama: Die Vereidigung des ersten schwarzen US-Präsidenten an diesem Dienstag ist nicht nur politisch und gesellschaftlich ein einschneidender Moment. Sie ist auch eine Riesennummer für findige Unternehmer, die mit seinem Namen und dem einmaligen Ereignis Kasse machen.

My DNA Fragrance mixt sonst mit Hilfe von DNA-Speichelproben personalisierte Parfums. Doch das Nebengeschäft mit Obama will sich das Unternehmen nicht entgehen lassen - und ist dabei keineswegs allein. Schon seit dem Wahlsieg im November sind zuhauf Produkte auf den Markt gekommen, mit denen Unternehmer aus dem historischen Augenblick Kapital schlagen wollen.

Die "New York Times" lästerte über den neuen Commander-in-Chief schon, er sei "der neue Konsument-in-Chief". Dabei verkannte die Zeitung allerdings die Tragweite dieses Phänomens. Denn Obama hat geschafft, was noch keinem US-Präsidenten gelungen ist: Er ist noch vor seinem Einzug ins Weiße Haus zum unverwechselbaren Markenzeichen geworden.

Das Sortiment beginnt bei den üblichen Memorabilia ("Obamabilia"), die einem dieser Tage im Internet und in Tausenden Andenkenläden in Washington nachgeworfen werden: T-Shirts, Münzen, Teller, Poster, Schmuck, Puppen, Karten, Bücher - Krimskrams, dessen Verkauf seit dem Wahltag Hunderte Millionen Dollar eingebracht hat.

Allein der populäre Online-Händler CafePress.com bietet 75.200 verschiedene Obama-T-Shirt-Designs an, plus 19.800 Poster und 71.700 Varianten von Aufklebern, Magneten und Ansteckern. Der Fernsehsender Fox News beziffert die Zahl der Obama-Produkte im Web auf rund drei Millionen. Eine Suche nach "Obama" auf der Shoppingsite von Google ergab 511.641 Treffer.

Besonders beliebt sind die wackelnden Obama-Wackeldackel fürs Heckfenster des spritsparenden Hybrids (ab 24,99 Dollar). Und die lebensechte Obama-Actionfigur aus PVC, 15 Zentimeter groß - denn der künftige Präsident ist nach Ansicht des Hersteller Jailbreak Toys von allem, "was wir hier haben, am nächsten an einem Superhelden" dran (ab 12,99 Dollar). Die limitierte, goldbemalte Vereidigungsausführung (20 Dollar) war innerhalb eines Tages ausverkauft.

Faustgruß mit dem Spinnenmann

Obama selbst facht diesen Konsumrausch mit an - auf seinem virtuellen "Obama-Memorabilia-Laden", in dem es allerlei Devotionalien gibt: von Polit-Mode über ausrangierte Wahlkampfplakate bis hin zu feinen Halsketten aus Sterling-Silber.

Seit Wochen werden die Amerikaner auch mit kitschigen TV-Spots überschüttet, die Obama-"Erinnerungsmünzen" anpreisen. Zum Beispiel der goldene Halbdollar aus dem Hause Franklin Mint, 24 Karat in "glorreicher, voller Farbe", samt "Authentizitätszertifikat" ("nur 4,95 Dollar, plus 6,95 Dollar Versandkosten").

Was viele nicht wissen: Der wahre Wert beträgt nur 50 Cent. Die Münzprägeanstalt der US-Regierung, die United States Mint, distanzierte sich denn auch eiligst: "Diese Produkte sind keine offiziellen Produkte." Experten betonen, dass derlei funkelnde Sondermünzen nichts weiter sind als Andenken - und allenfalls den aufgeprägten Betrag wert.

Echten Sammlerwert werden eines Tages aber sicher die druckfrischen Spider-Man-Bücher des Comic-Verlags Marvel haben: In Nummer 583 der legendären Serie trifft der Superheld auf den neuen Präsidenten, der sich ja als "Spidey"-Fan bekannt hat. Die Story: Bösewicht Chamäleon will Obamas Vereidigung sabotieren und die Macht an sich reißen. Gemeinsam vereiteln Spider-Man und Obama den Plan, und zum Schluss geben sie sich den berühmten Faustgruß: "Danke, Partner", sagt Obama.

Obama, ein Konjunkturpaket für den kriselnden US-Einzelhandel. Inzwischen gibt es kaum mehr etwas, auf das sich nicht der Stempel "Obama" drücken ließe: Obama-Lippenstift mit der Aufschrift "Ich küsse Barack", Obama-Schlüsselanhänger (solarzellenbetrieben), Obama-Ohrringe ("Wähle den Wandel"), Obama-Hundemarken, fluoreszente Obama-Kühlschrankmagneten, Obama als Mr. Spock - und das "Barack-Obama-Kindermalbuch", für die allerkleinsten Linksliberalen in spe.

"Billy"-Regale im Oval Office

Auch die Lebensmittelindustrie mischt mit. Da gibt es Obama-Chilisauce, Obama-Energiedrinks, Obama-Schokolade, Obama-Kekse, Obama-Tee (afrikanischer Bio-Tee "mit einem Hauch hawaiianischer Früchte"), Obama-Kaffee ("Barack O Blend"), Obama-Toast, Obama-Whiskey (Johnnie Walker Blue Label mit präsidialer Flaschengravur) - sowie Obama-"Vereidigungsweine" (Cabernet Sauvignon, Pinot Noir und Syrah, 66,37 Dollar im festlichen Dreierpack).

Auch der Hafermehl-Hersteller Quaker, Tochter des Pepsi-Konzerns, versucht, "die Aufregung des Moments einzufangen", mit landesweiten Hausfauenpartys am Dienstag, einer Fundraising-Kampagne im Internet, die hungernden Kindern zugutekommen soll - und natürlich dem ewigen Verweis darauf, so eine Sprecherin, dass "alle Quaker-Flocken lieben, ob Republikaner oder Demokraten". Pepsi selbst schlachtet Obama mit einer Online-Aktion aus, bei der Prominente und ganz normale Kunden ihre (meist banalen) Wünsche an den neuen Staatchef hinterlassen können. Außerdem sponsert der Konzern diverse Feiern im Rahmen der Vereidigung - allen voran den großen Ball der Creative Coalition am Dienstag, zu dem sich Dutzende Stars wie Spike Lee, Susan Sarandon, Ellen Burstyn, Marcia Cross und Maggie Gyllenhaal angesagt haben.

Selbst der Möbelfabrikant Ikea hofft auf einen "Obama-Bonus" - immerhin gibt es zwei Filialen im Umkreis der US-Hauptstadt. In Washingtons Bahnhof Union Station hat er einen Nachbau des Oval Office aufgestellt und ihn mit schlichtem Ikea-Inventar möbliert. Parallel dazu können Interessierte auf einer Website das Oval Office virtuell mit Ikea-Produkten ausstatten - "Billy"-Regale, "Alve"-Tische, "Lillesand"-Betten.

Jeder kann Obama werden!

Am meisten profitiert aber wohl Shepard Fairey von dem Obama-Rummel. Der Aktionskünstler aus der Skaterszene, der wegen seiner Graffiti und wilden Straßenplakate schon oft verhaftet wurde, hat mit seinem ikonischen, dreifarbigen Obama-Pop-Art-Porträt voll ins Schwarze getroffen. Als Poster kostet es heute 100 Dollar, signiert 500 Dollar, und die Originalversion hängt schon in der Kulturgut-Sammlung der Smithsonian-Stiftung.

Ein bezeichnender, wiewohl fragwürdiger Wandel: Die Werke des Protestkünstlers sind dank Obama zur Massenware geworden. So bietet die Website Obamicon - ein Ableger des alternativen Designmagazins "Paste" - ein schnelles Online-Verfahren im Photoshop-Stil, bei dem jeder Laie sein eigenes Konterfei in ein Obama-ähnliches Poster à la Fairey umwandeln kann. Samt eines fetten Wahlmottos darunter.

Obama als ultimatives Model der neuen Pop-Kultur-Generation: Auf der Networking-Site Facebook morphten in den vergangenen Tagen Tausende Mitglieder ihre Fotos zu mehr oder weniger originellen Obama-Referenzen.

Populärster Slogan unter den Bildern: Hoffnung.



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