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14. April 2015, 10:07 Uhr

Feinstaub-Fotos aus China

Ist da noch Licht am Ende des Smogs?

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Nebel des Grauens: Der Berliner Künstler Benedikt Partenheimer hat die chinesische "Airpocalypse" in Bilder gefasst. Seine gespenstischen Feinstaub-Fotos berichten vom Albtraum der Umweltverschmutzung.

Die Bewohner Pekings haben sich daran gewöhnt, dass sie die Sonne nicht mehr sehen. Fast jeden Tag liegt über der chinesischen Hauptstadt eine undurchdringliche Dunstwolke. Ärzte empfehlen ihnen an manchen Tagen, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Für Asthmatiker und alte Menschen kann die Luft dann tödlich sein, immer präsent, aber kaum greifbar.

Der Berliner Fotograf Benedikt Partenheimer, 37, hat diese unwirkliche Bedrohung festgehalten. "Particulate Matter", also "Feinstaub", nennt er seine Serie über Chinas Großstädte. Sie zeigt die chinesische "Airpocalypse" in unwirklichen Nebelbildern, in ästhetischen Traumlandschaften.

Dabei ist das Motiv eigentlich ein Albtraum: Stickoxide, Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid, Rauch und Ruß belasten die Luft, eine eklige Mischung, die sich in der Lunge ablagert. Sie verursacht Kopfschmerzen und Übelkeit, langfristig auch Herzinfarkte und Krebs. Die Chinesen geben Hunderte Millionen Euro pro Jahr für Anti-Smog-Produkte aus. Es geht ums Überleben.

Der Staat beschwor Industrie-Romantik

Partenheimer wohnte auf Einladung eines Schweizer Konzerns in einer Künstlerresidenz in Shanghai, als er begann, sich mit dem Phänomen zu beschäftigen. Seine Bilder spielen mit der Wirklichkeit. Ist auf ihnen überhaupt etwas zu sehen? Zur Orientierung gibt er dem Betrachter die Luftwerte mittels Air Quality Index (AQI) an. Ein AQI zwischen 200 und 300 gilt als sehr ungesund, über 300 als absolut gefährlich, dies entspricht etwa dem Zwölffachen des von der WHO empfohlenen Wertes.

Auf dem Bild "Sonne" (AQI 350) lässt sich die Lichtquelle nur erahnen. Sie auszumachen strapaziert das Auge. Die Verbotene Stadt verschwindet bei AQI 330 im Nebel, die Schiffe auf dem Fluss Huangpu driften mit AQI 440 ins Ungewisse. Schwerelos erscheinen einzelne Objekte im Raum.

Chinas Problem mit Luftverschmutzung ist massiv, und die Lage verschlimmert sich zusehends. 2014 hatte Ministerpräsident Li Keqiang vor dem Volkskongress zwar noch verkündet, China befinde sich "im Krieg gegen die Luftverschmutzung". Doch als die Journalistin Chai Jing im Februar ihre Smogdokumentation "Unter der Glocke" veröffentlichte, diese persönliche Klage über Chinas Luftverpestung, vorgetragen von einer jungen Frau, die in Peking lebt und sich Sorgen um ihr Baby macht - da würgte das Propaganda-Ministerium jede Diskussion ab und zog den Film aus dem Verkehr.

Partenheimers Bruch zwischen Darstellung und Wirklichkeit steht für die Kommunikation des Politbüros. "Die chinesische Regierung hat viele Jahre die Luftverschmutzung über den Megacitys als Nebel oder Dunst bezeichnet und damit versucht, das Problem zu verharmlosen und zu romantisieren", sagt Partenheimer. Seine Fotos greifen diese Strategie auf: Ästhetische Bilder führen den Betrachter zu einer brutalen Wirklichkeit hin, hinter der sanften Kommunikation stecken harte Fakten.

Partenheimer war bei Feinstaubwerten zwischen 300 und 400 unterwegs. Die Sonne war oft nicht mehr als eine schmutzige rote Scheibe, wie viele Chinesen auch trug er eine Stoffmaske. "Eigentlich müsste man eine richtige Gasmaske tragen", sagt Partenheimer, der trotz körperlicher Fitness selbst im Smog Mühe hatte zu arbeiten. "24 Stunden in Peking sind wie drei Schachteln Zigaretten."

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