Türkischer "Sözcü"-Herausgeber "Pressefreiheit? Welche Pressefreiheit?"

Der kemalistisch-nationalistischen Zeitung "Sözcü" wird vorgeworfen, "Terroristen" der Gülen-Bewegung zu unterstützen. Das weist Herausgeber Burak Akbay zurück. Gegen ihn und vier Mitarbeiter wurde Haftbefehl erlassen

Die leeren Seiten von "Sözcü"
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Die leeren Seiten von "Sözcü"

Ein Interview von


"Sözcü" ("Sprecher") ist mit einer Auflage von etwa einer Viertelmillion Exemplaren eine der größten Tageszeitungen in der Türkei - und eine der letzten verbliebenen regierungskritischen. In den vergangenen Tagen ist der Druck auf die Macher des kemalistisch-nationalistischen Blattes gewachsen. Gegen vier Mitarbeiter wurde am vergangenen Freitag Haftbefehl erlassen. Der Vorwurf: Nähe zur Gülen-Bewegung, die für den blutigen Putschversuch am 15. Juli 2016 verantwortlich gemacht wird.

Zur Person
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    Burak Akbay, 46, ist Herausgeber der Zeitung "Sözcu". Die Istanbuler Staatsanwaltschaft hat gegen ihn sowie weitere Mitarbeiter der Zeitung Haftbefehl ausgestellt. Akbay hält sich derzeit in London auf.

SPIEGEL ONLINE: Herr Akbay, was genau wirft man Ihnen vor?

Akbay: Es heißt, "Sözcü" würde von "Fetö", der "Fethullahistischen Terrororganisation", unterstützt. Ich sei in einer Gülen-Schule ausgebildet und anschließend von Gülen finanziert worden, um "Sözcü" zu gründen. Das ist alles Unsinn. Ich bin in der Schweiz zur Schule gegangen und habe später meinen Abschluss in der Türkei gemacht. Keine der Schulen hatte etwas mit Gülen zu tun. Trotzdem ist von "bewaffnetem Aufstand gegen die Regierung" und von "Straftaten zugunsten von Fetö" die Rede.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie die Gülen-Bewegung?

Akbay: Als Gülen noch ein Freund von Erdogan war, haben wir immer kritisch über die Aktivitäten dieser Organisation geschrieben. Wir haben immer vor diesem Netzwerk gewarnt, davor, dass es den Staat, das Militär, unterwandert und versucht, die Macht an sich zu reißen. Und später, als es zum Bruch zwischen Gülen und Erdogan gekommen war, haben wir kritisiert, dass diese Organisation nicht zur Rechenschaft gezogen wurde für ihre Aktivitäten. Wieso sollten wir jetzt Teil von Gülen sein?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Anschuldigungen, die Ihnen nun gemacht werden, geahnt?

Akbay: Ich wusste von einer geheimen Akte gegen "Sözcü". Aber ich habe die Vorwürfe nicht ernst genommen, denn ich weiß ja, dass wir uns nichts zu Schulden haben kommen lassen. Wir haben nichts Falsches getan, sondern nur unsere Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt haben Sie sich einer Festnahme entzogen, indem Sie nach England geflüchtet sind?

Akbay: Nein, ich war schon in London, als ich erfuhr, dass mein Haus in Istanbul durchsucht wird. Ich pendele regelmäßig zwischen beiden Städten.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie jetzt zurückkehren und die Angelegenheit klären?

Akbay: Ich traue der türkischen Justiz nicht mehr. Deshalb werde ich abwarten. Zwei Kollegen von "Sözcü" sind ja schon in Haft, seit vier Tagen. Und immer noch hat man sie nicht einmal angehört.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben am Tag nach den Festnahmen eine Zeitung mit leeren Seiten veröffentlich. Wie war die Resonanz?

Akbay: Die Ausgabe am Samstag hatte 20 weiße Seiten. Unser Motto ist ja: Wenn "Sözcü" schweigt, schweigt die Türkei. Es war ein Protest gegen das, was uns angetan wird. Wir haben an diesem Tag mehr als 350.000 Exemplare verkauft, das war ein Rekord. Und überhaupt ein Weltrekord für eine komplett leere Zeitung.

SPIEGEL ONLINE: Erdogan würde das wahrscheinlich als Zeichen für Pressefreiheit in der Türkei deuten.

Akbay: Pressefreiheit? Welche Pressefreiheit? Wir sind eine Zeitung, die die Werte der Republik, von Atatürk, hochhält. Diesen Weg wollen wir weiter gehen.

SPIEGEL ONLINE: "Sözcü" ist auch bekannt für seine nationalistischen Töne. Als der Bundestag 2016 eine Resolution zum Völkermord an den Armeniern verabschiedete, titelten Sie auf Deutsch: "Schämen Sie sich!". Darüber stand auf Türkisch: "Die Enkel Hitlers beschuldigen die Türkei des Völkermords", darunter ein Bild von Angela Merkel mit Hitler-Bärtchen und Nazi-Uniform. Das nennen Sie eine angemessene Auseinandersetzung mit dem Thema?

Akbay: Was dieses Thema angeht, sind wir einer Meinung mit der türkischen Regierung. Wir glauben nicht an einen Völkermord.

SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich? Und Korruptionsvorwürfe gegen die Familie Erdogan, ist das auch eine Glaubensfrage? Schreiben Sie darüber?

Akbay: Wir haben vor einigen Jahren darüber berichtet, als das Thema aufkam. Wir schreiben natürlich kritisch über die Regierung. Aber das heißt ja nicht, dass wir Teil der Gülen-Bewegung sind.

SPIEGEL ONLINE: Nun hat Erdogan im April das Referendum über sein Präsidialsystem knapp gewonnen. Wird das der Türkei nützen, weil er sein Ziel erreicht hat, oder wird es dem Land eher schaden, weil er nun so große Macht hat?

Akbay: Er ist seit Sonntag ja auch wieder offiziell Chef der Regierungspartei AKP. Wir müssen abwarten, was die Zukunft bringt.

SPIEGEL ONLINE: Deniz Yücel, Korrespondent der deutschen Tageszeitung "Die Welt" in Istanbul, ist seit 100 Tagen in türkischer Untersuchungshaft. Was raten Sie der deutschen Politik zu tun, um ihm zu helfen?

Akbay: Ich weiß nicht, wie man das lösen soll. Erdogan hat die Richtung vorgegeben, indem er gesagt hat, das sei ein "Agent" und Spion" und er habe "Terrorpropaganda" verbreitet. Ich habe, wie gesagt, kein Vertrauen mehr in die türkische Justiz. Ich glaube nicht, dass es da eine unabhängige Entscheidung geben wird.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
chiefseattle 24.05.2017
1. Erdogan freut sich
..., wenn die Journalisten endlich sein Land verlassen und in Europa Asyl suchen.
123egal 24.05.2017
2. @Randgruppe X
Sie schreiben einen Kommentar in einem Forum unter einem Pseudonym, können es nicht mit irgendwelchen Fakten belegen und meinen, dass irgendwer was auf Ihrer Meinung gibt? -Machen Sie doch mal was Positives, als nur ihren Unmut kund zu tun!
peter-11 24.05.2017
3. Überall Gülenanhänger
schon eine Phobie. Ich frage mich, wie bei den anhaltenden Verhaftungswellen die Verwaltungen etc. auf Dauer noch halbwegs funktionieren? Diese Mitarbeiter können ja kaum durch die Schreihälse auf der Straße ersetzt werden. Ich bin echt mal auf diese und auch die wirtschaftlichen Auswirkungen gespannt. Aber, dann sind natürlich Gülen und das Ausland schuld. Diese Leier dürfte auf Dauer aber kaum funktionieren.
paula_f 24.05.2017
4. die Zeichen der Zeit hat der Autor noch verinnerlicht
jahrelange passive Unterstützung von Erdogan in ganz Europa insbesondere bei uns führte zu diesem jetzigen Sachverhalt. Für rationale Argumente ist Erdogan nicht zugänglich, Kommentare wie obiger führen zu nichts. Es gibt einfach keinen Rechtsstaat mehr in der Türkei - mit Hilfe der Deutschtürken seit dem Referendum ist es endgültig vorbei. Weitere fatale Fehler folgen gerade, Erdogan bekommt eine ganze Panzerfabrik - bezahlt durch Steuergelder aus Europa - das Geld für Flüchtlinge und EU Subventionen wird in Panzer gesteckt. Bald wird es eine Markt geben für neue türkische Guillotinen mit Schneiden in Halbmondform, den haben wir schon verpasst.
m.gu 24.05.2017
5.
Die Folge sind Verfolgung, Inhaftierung, Folter, Verstümmelung oder die Tötung. Das barbarische und unmenschliche System hat bereits über 50 000 Kritiker der Erdogan Politik inhaftiert. Die Regierenden der EU, ausgenommen in Österreich, schauen zu und lassen den Diktator Erdogan gewähren. Es bewahrheitet sich, siehe Quelle: "Die Türkei ist kein Rechtsstaat mehr." Zusätzlich wurden 1 000de Kurden in den letzten Monaten, vor allem Zivilisten, regelrecht in den Kurdengebieten massakriert, siehe Quelle: "Menschenrechtsverletzungen: UNO wirft Türkei Verbrechen an Kurden vor." Zeugenaussagen, Bilder und Videoaufnahmen belegen diese Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
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