Margarete Stokowski

Frauenkleidung Das Bedürfnis, nicht angegafft zu werden

"Talentiert und schön"? Die Berichterstattung über die Fußball-WM zeigt: Die Spielerinnen werden auch immer als Objekte bewertet. Das gilt übrigens für alle Frauen - und wird im Sommer besonders spürbar.
WM-Torschützin Giulia Gwinn: als Doppelagentin unterwegs

WM-Torschützin Giulia Gwinn: als Doppelagentin unterwegs

Foto: Stephane Mahe / REUTERS

Es ist wieder Sommer und damit die Jahreszeit, in der es am meisten auffällt, dass für die Körper von Frauen und Männern immer noch unterschiedliche Regeln gelten. Es ist außerdem Fußball-WM der Frauen. Oder, wie man unter Boulevard-Journalisten sagt: Geil, endlich wieder Zeit, um die Instagram-Accounts und Agenturfotos von Sportlerinnen zu durchwühlen, um möglichst viele Halbnacktfotos zu finden.

Deutschland hat gegen China gewonnen, das Tor zum 1:0 schoss Giulia Gwinn. Die Freude darüber brachte man bei der Münchener "tz" zum Ausdruck, indem man auf Gwinns Instagram-Account flott ein paar Bikini- und Dekolleté-Bilder zusammensuchte: "So sexy zeigt sich Siegtorschützin auf Instagram". "Bild.de" lässt sich nicht lumpen und erklärt, die "Hübscheste" habe das Tor geschossen. Bei "rp-online" freut man sich: "So sexy sind Deutschlands Fußball-Frauen", bei "TV Movie" sind sie "talentiert & schön" und "so sexy".

Über fußballspielende Frauen wird heute zwar etwas mehr berichtet als noch vor ein paar Jahren, allerdings ist der Fortschritt ziemlich überschaubar, wenn einigen Redaktionen nicht viel mehr dazu einfällt als "sexy und schön"-Fotoklickstrecken zusammenzustellen.

Vor allem junge Frauen sind immer noch als Doppelagentinnen unterwegs, sobald sie in die Öffentlichkeit treten: einmal in ihrer primären Mission - als Sportlerin oder was auch immer, und einmal in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als zu bewertendes Objekt. Das gilt für Prominente wie für unbekannte Frauen gleichermaßen. Sobald es warm wird, vervielfacht sich das Problem. Wenn das Wetter so ist, dass man gern möglichst wenig anziehen würde, muss man als Frau einen Kompromiss finden zwischen dem Bedürfnis, sich nicht nasszuschwitzen und dem Bedürfnis, nicht von Creeps auf der Straße angegafft und angequatscht zu werden.

Jetzt könnte man sagen: Klar, das müssen Männer auch, es ist nun mal so, dass Menschen sich was anziehen, wenn sie rausgehen. Traditionell bedeckt man dabei nun mal bestimmte Körperteile. Das stimmt. Allerdings gilt das für Frauen und Männer gleichermaßen, während für Frauen dazukommt, dass kurze Hosen, Röcke oder Ärmel oft von fremden (oder auch nicht fremden) Männern direkt als Angebot verstanden werden, durch Starren, Zungeschnalzen, Pfeifen oder Labern kommentiert zu werden. Wer diesen Sommer als junge Frau noch nicht vor dem Kleiderschrank stand und sich dachte "Nee, das zieh ich doch nicht an, gibt nur wieder Stress" oder "Ich würde so gern nichts unter dieses T-Shirt drunterziehen", werfe den ersten verschwitzten BH.

Anglotzen wie die letzten Lurche

Meine kleinen privaten Studien haben ergeben, dass man natürlich durchaus ohne BH unter dem T-Shirt rausgehen kann. Es gibt dann eben Männer, die starren, und mindestens doppelt so viele, wenn man als Frau eine dunkle Sonnenbrille trägt, weil sie denken, die Frau merkt das nicht. Schön, wenn Erwachsene sich kindliche Eigenschaften bewahren, aber wenn es ausgerechnet Distanzlosigkeit und mangelnde Impulskontrolle sind: nicht so schön.

Ich twitterte diese Beobachtung zum Thema BH-Losigkeit und Blicke von Fremden, und ein aufmerksamer Internetbenutzer stellte fest: "Das sind alte entwicklungsgeschichtliche Reflexe, die das Überleben der Menschheit sicherstellten. Die Mädels sollten sich erst Gedanken machen, wenn die Männer diese Reflexe ablegen." Achso! Im Grunde müssen "die Mädels" also den Männern dankbar sein, dass sie sich eigentlich nur um das Überleben unserer Art kümmern, wenn sie uns anglotzen wie die letzten Lurche. (Die Kombination "Männer und Mädels" statt "Männer und Frauen" übrigens: todsicherer Anzeiger für ekligen Sexismus, wenn es nicht gerade um männliche Erzieher und ihre Kindergartengruppe geht.)

Apropos Überleben der Menschheit. Die Schauspielerin und Moderatorin Nina Bott erzählte, dass sie neulich in Hamburg ein Café verlassen musste, weil sie ihr drei Wochen altes Baby stillte . Der Besitzer soll sie aufgefordert haben, zu gehen, sodass Bott ihrem Kind dann auf der Straße die Brust gab. Solche Fälle gibt es immer wieder, und immer wieder machen Medien dann Umfragen wie: "Stillen in der Öffentlichkeit - ja oder nein?" Was ist das für eine Frage? Die meisten Frauen bedecken beim Stillen ihre Brust und teilweise auch das Baby ohnehin so weit, das man fast nichts sieht. Eine Umfrage darüber, ob Männer im Park ihr Hemd ausziehen dürfen, habe ich noch nie gesehen. (Okay, in den Medien noch nicht. Auf linken Versammlungen schon.)

Einschreiten bei entwürdigendem Verhalten

Wann immer man kritisiert, dass nackte Körperteile von Frauen mehr sexualisiert werden als die von Männern, sagt irgendwer: Aber für Männer gibt es doch auch Regeln, und manchmal sogar härtere, zum Beispiel können Frauen im Sommer im Büro Röcke tragen und Männer müssen oft lange Hosen tragen. Ja, einerseits. Im Arbeitsleben. In der Freizeit ist es dafür oft umgekehrt: Kaum jemand beschwert sich, wenn ein Mann, der im Park oder am Wasser rumsitzt, sich obenrum frei macht. Eine Frau, die das tun würde, könnte sich sichersein, dass sie mindestens angestarrt, wahrscheinlich auch fotografiert wird.

Wobei man sich natürlich nicht ausziehen muss, um respektlos behandelt zu werden. Eine Freundin von mir lief neulich in Berlin die Straße lang. Sie trug eine weite Hose und eine Jacke, und hörte plötzlich, wie ein Mann vor ihr "Hey, lass das" rief, und hinter sie zeigte. Hinter meiner Freundin war ein Mann hergelaufen, der mit seinem Smartphone ihren Hintern gefilmt hatte, ohne dass sie es gemerkt hatte. Der Mann, der das gesehen hatte, hielt den Filmenden auf und zwang ihn, die Aufnahme zu löschen.

Ich würde ihm jetzt nicht direkt den Friedensnobelpreis verleihen, aber ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen - egal welchen Geschlechts - einschreiten, wenn sie entwürdigendes Verhalten beobachten. "Ich sehe so etwas aber nie" zählt als Entschuldigung nur für Blinde. Und damit zurück ins Freibad.