Sommerfilme in ARD und ZDF Gerupfter Vogel Jugend

Es geht doch! Man muss nur lange genug wach bleiben: In einer Reihe großartig gemachter Nachwuchsfilme präsentieren ARD und ZDF zu nächtlicher Stunde die prekäre Lebenswelt einer jungen Erwachsenengeneration, in der Liebe, Lust und Leidenschaft zerbröseln.

Von Nikolaus von Festenberg


Jungsein wird im deutschen Fernsehen erst ernst genommen, wenn sich das Massenpublikum schlafen gelegt hat und alle Volksmusikanten, Talk-Wichtigtuer und ältliche Serientanten endlich die Klappe halten. Dann lässt man sie heraus: die ratlosen jungen Liebesartisten, die zwischen gefräßigem Arbeitsmarkt und sinnentleerter Privatwelt Zerrissenen, die Unfreien in einer Lebensphase, in der angeblich Freiheit und Glück am größten sein sollen. Kurz: den gerupften Vogel Jugend.

Sollen ihn möglichst wenige sehen? Die späten Anfangszeiten der an diesem Montag startenden ARD-Reihe "Debüt im Ersten" und dem Mitte August folgenden ZDF-Pendant "Gefühlsecht - Junge deutsche Filme 2009" liefern keinen Beitrag zum Verständnis der Generationen.

Sie sind fernsehästhetisch eine Dummheit. Denn wer ins Bett flieht oder gehen muss, verschläft in diesem Sommer viel Vergnügen an glänzenden Schauspieler- und Regieleistungen, an Dialogen und an Kamerablicken, die aus Oberflächen den Tiefsinn einer Geschichte holen.

Vor allem aber verpasst man die Übersicht über die Baustellen, an denen die Jugend zu arbeiten hat. Die besten Filme zeigen die Schwierigkeiten junger Erotik. Die Liebe ist und bleibt eine verdammt komplizierte Sache. Zu sehen ist aber auch eine neue Milde gegenüber den Älteren. Der Krieg der Generationen ist abgeblasen. Die Alten sind nicht zu ändern, besser man versteht sie, was schwierig genug ist. Und noch eine Einsicht der klugen Jugendreihen: Das Job-Haben, vor allem aber auch das Job-Nichthaben sind prägender als Tradition, Sitte und Moral.

Solidarität der Geknechteten

Was sich hier aufbaut, ist eine Art Solidarität der Geknechteten. Bloß wovon sind Junge und Alte geknechtet? Vom bösen Kapitalismus? Von der Kompliziertheit der Welt? Oder von sich selbst, von der selbstverschuldeten Umständlichkeit?

Für letzteres spricht bei den Jungen die sentimentale Bilanz der Debütreihen. Kennenlernen, Flirten, Lieben, das ist vor allem eins: ein ständiger Kampf mit dem Minderwertigkeitskomplex. Und was für einem.

"Shoppen", der Auftakt zur ARD-Debütreihe an diesem Montagabend, zeigt das. Er sieht aus wie die Eröffnungsveranstaltung zum posterotischen Zeitalter - ein frostiger Kindergeburtstag mit Stühlchen-wechsel-Dich und lieben Kleinen, die die Dreißig überschritten haben.

Autor und Regisseur Ralf Westhoff, 39, hat vom Theater gute Schauspieler geholt und mit ihnen seine 18 Rollen besetzt. Neun Frauen, neun Männer, die alle fünf Minuten im Flirt-Test von Stuhl zu Stuhl weiterwechseln, und die eine Frage bleibt immer offen: Wo, bitte, geht's zur Liebe?

Das ist schon theoretisch schwer zu beantworten. Die gestressten Liebes-Hopper schaffen es auch praktisch nicht. Ein als derber Oberbayer gespielter Speed-Dater hat ja recht: "Wer heute Sex will, muss reden können." Aber der Film zeigt zugleich, wie schnell die flirtende Konversation zum Ende vom Trieb werden kann, wenn die Wortmünzen hin- und herfliegen.

Der Filmtitel spricht aus, was das Problem der testenden Stühlerücker ist: Liebe kann nicht als Kaufakt funktionieren. Man jobbt zwar in prekären Arbeitsverhältnissen, wo nur Geld und Zeit zählen; aber käufliche Bräute gibt es nur auf dem Schwarzmarkt oder in der Oper.

"Shoppen" besticht durch seine Selbstironie. Es gibt aber noch andere Wege zum Liebesunglück, weniger komische, wie sie Ben von Grafenstein (Regie) und Boris Dennulat (Buch) in "Blindflug" zeigen, einer nicht ganz unüblichen Dreiecksgeschichte: Überehrgeiziger Manager erpresst Frau mit Kinderwunsch und verliert sie beinahe an einen Zufallsrivalen.

Erklärter jugendlicher Wille

Was aber diesen Abschlussfilm der Ludwigsburger Filmhochschule über Standardkunst hebt, ist die Intelligenz der Bilder (Kamera: Tanja Häring): Da ist ein Liebes-Showdown im gläsernen Irrsinn eines modernen Flughafens zu sehen, inmitten von Spiegelungen, labyrinthischen Laufbändern und der sanften Unerbittlichkeit der Sicherheitssysteme. Die Kamera spricht den Fluch der Geschichte aus: Die liebenden Königskinder können zueinander nicht kommen, die modernen Räume sind viel zu tief, zu gläsern für das Zeigen von Gefühlen und intimen Geheimnissen.

Der Film des gelernten Mediengestalters Grafenstein, 34, hält das eventuell mitleidende Herz zurück und versteckt es hinter kühler Perfektion. Die Filmhochschulschmieden fördern natürlich solche Professionalität, aber es steckt wohl auch ein erklärter jugendlicher Wille dahinter, einer unperfekten Welt mit Perfektion zu begegnen.

Vielleicht deshalb ist das einst so bewunderte juvenile Filmrebellentum mit wirren Haaren, wirren Helden und wirrer Handlung aus diesen Nachwuchsfilmen verschwunden.

Pubertäres Auftrumpfen mit Herzenswallung gilt heute als Zeitverschwendung für die zum angepassten Dienen in einer undurchschaubaren Arbeitswelt bestimmte Generation. Gekämmt, die eigene Unsicherheit hinter einem Lächeln wohlversteckt, stehen die Protagonisten vor den Türen der Berufe. Die bleiben meist trotzdem verschlossen. Und wenn sie sich auftun, führen sie zu Jobs, für die man überqualifiziert ist.

Ihre selbstverliebte Jugendlichkeit hat die Arbeitswelt den Protagonisten jedenfalls ausgetrieben. Das Mitgefühl mit den Schwächen der Älteren wächst, die Grenzen zwischen den Generation werden passierbar. Das zeigt sich an älteren Schauspielern, die besonders gerne ins Land der Jungen durchgewinkt werden: Edgar Selge, 61, und Matthias Brandt, 47.

Selges herrlich zur Schau gestelltes Irresein, die Aura des ewig scheiternden Stehaufmännchens, gewinnt das Herz der Jüngeren. In "Reine Geschmackssache" wird die Coming-Out-Geschichte des homosexuellen Sohnes (Florian Bartholomäi) nicht gegen den von Selge gespielten Vater erzählt, sondern mit ihm.

Auf ganz neue Weise: Vaters filmisch groß ausgebreitetes Vertreterleben ist schwer genug, da verkleinern sich gleichsam automatisch die Bedenken gegen Homosexualität. Arbeit, vielmehr der Zwang in ihr, macht eben auch tolerant. Die Jungen verstehen das perfekt.

Matthias Brandt ist der andere Schauspieler, auf den sich die Sympathie der Nachwachsenden richtet. Niemand kann zurzeit die Fassungslosigkeit über eine entgleiste Welt so überzeugend ausdrücken wie der Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers. Ein Erschrockener, der meist alles herunterspielt, der sich keine depressiven Ekstasen leistet, obwohl ihm danach ist.

"Gegenüber" von Jan Bonny, 30, beweist die Faszination, die Brandt auf jüngere Filmemacher ausübt. Bonny schildert sexuelle Abhängigkeit in ihrer erniedrigendsten Form: Ausgerechnet ein Streifenpolizist (Brandt) lässt sich von seiner Frau (glänzend: Victoria Trautmannsdorff) brutal verprügeln.

Hinter männlicher Fassade steckt Erdulden von Gewalt, und mit dem Erdulden kennt sich die "Gegenüber"-Generation aus. Ihr gelingt es, zu verstehen und nicht zu verurteilen, ohne sich in den Sackgassen küchenpsychologischer Erklärungen zu verlieren. Die Welt ist verrückt, weil sie verrückt ist. Es kommt nicht zuerst darauf an, sie zu verändern, sondern sie zu beschreiben.

Auch ein reifer Schauspielerkönner wie August Zirner weiß das. Er verzichtete auf eine standesgemäße Gage, um bei André Erkaus Film "Selbstgespräche" dabei zu sein. Erkau, Jahrgang 1968, kommt vom Theater und und debütiert in der ZDF-Reihe "Gefühlsecht" als Regisseur und Autor mit einer bittersüßen Komödie über ein Callcenter, jene Plage-Einrichtung, die einem per Telefon Unerwünschtes aufschwatzen will. Der witzige Film passt zum Irrsinn einer Arbeitswelt, aus der aller Sinn verschwunden ist bis auf die Profitgier der Besitzer.

Am Horizont, so sagt die Leiterin des Kleinen Fernsehspiels im ZDF, Claudia Tronnier, taucht schon eine neue Welle auf. "Wir bekommen mehr Bücher, die von Horror und Einsamkeit handeln." Die jungen Angepassten suchen die nächste Ausfahrt ins Land der Phantasie. Vielleicht dürfen ja diese Stoffe zur Primetime gesendet werden. Da werden die Alten staunen.



insgesamt 2 Beiträge
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mac4ever, 06.07.2009
1. Sehens-Werte
Zitat von sysopEs geht doch! Man muss nur lange genug wachbleiben: In einer Reihe großartig gemachter Nachwuchsfilme präsentieren ARD und ZDF zu nächtlicher Stunde die prekäre Lebenswelt einer jungen Erwachsenengeneration, in der Liebe, Lust und Leidenschaft zerbröseln. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,634579,00.html
Es gilbt selten Gelegenheiten, zu bedauern, daß man kein TV hat: hier ist eine. Das TV erzieht einen zur Nachteule - ich habe es aufgegeben, als es noch keine PVRs gab. Vielleicht sollte ich mal über die Wiedereinführung nachdenken... Auch damals war es so, daß das Programm grundsätzlich erst ab 23 Uhr sehenswert war.
condera, 06.07.2009
2. Sendezeit
Schön das es sich mittlerweile bei den öffentlich rechtlichen eingespielt hat, dass die meisten guten Filme in der Woche mitternächtlich gesendet werden. Dafür bezahle ich doch gerne : (
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