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Sowjet-Architektur: Wohnzellen und Roboterfassaden

Foto: Frédéric Chaubin

Sonderbare Sowjet-Architektur Komm in die Wabe, Genosse!

Brutaler Beton und architektonische Extravaganz: Der Franzose Frédéric Chaubin hat die Bauexperimente der späten Sowjetunion fotografiert. Sein Bildband "Cosmic Communist Constructions Photographed" zeigt den Sozialismus jenseits von Plattenbauten.

"Druschba" heißt auf Russisch "Freundschaft", und so lag es nahe, dass die Sowjetunion ein geplantes Erholungsheim am Schwarzen Meer so nannte. Doch im US-Pentagon dachte man keineswegs an Freundschaft, als man die Baustelle bemerkte. Denn für das Gebäude an der Südküste der Krim wurde eigens Stahl aus der Tschechoslowakei angeliefert. Kolossale Stützpfeiler für eine kreisrunde Basis? Angeblich hat das amerikanische Verteidigungsministerium auf eine Raketenabschussbasis getippt.

Kein Wunder. Dass zivile Architektur im realen Sozialismus so gewagte Formen wählt, konnte man sich Mitte der achtziger Jahre nicht vorstellen. Seit Stalin die frühe konstruktiv-experimentelle Phase der sowjetischen Architektur abgewürgt hatte, war diese vom "Zuckerbäckerstil" des sozialistischen Klassizismus geprägt. Später waren nach dem Motto "besser, billiger und schneller" vor allem riesige, schmucklose Wohnblöcke hochgezogen worden. Kapriziösere Bauten wurden mit dem Standardargument "Materialmangel" abgeschmettert.

Da konnte durchaus der Verdacht aufkommen, dass es sich bei dem Betongiganten von Jalta um ein politisch besonders relevantes Projekt handeln musste. Und doch entstand 1986 am Schwarzmeerstrand nichts weiter als das Freizeitheim "Druschba": Der zylindrische, futuristisch gestylte Bau des Architekten Igor Wasilewski umschloss in der Mitte Kino, Tanzsaal, Café und Pool, während die Wohnzellen außen wabenförmig zur Sonne und zum Wasser hin ausgerichtet waren.

Stilpluralismus im eintönigen Ostblock

Der Fotoband "Cosmic Communist Constructions Photographed" versammelt 90 solche verrückt-phantastische Bauten. Ihren Entwurf würde man vielleicht Brasilien oder Indien zutrauen, aber nicht der biederen Sowjetunion. Und auch Frédéric Chaubin, der Fotograf dieser architektonischen Extravaganzen, hat sein Thema erst nach und nach entdeckt.

Der Chefredakteur des französischen Magazins "Citizen K" war 2003 für ein Interview mit dem früheren sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse nach Tiflis gekommen. Eher zufällig fotografierte er damals zwei riesige, sonderbare Gebäude. Monate später stieß er in Litauen auf das Sanatorium Druskininkai mit seinen wellen- und bänderförmigen Betonverläufen. Da begann er langsam die Konturen eines fotografischen Projekts zu entwerfen, das ihn in den kommenden fünf Jahren in die entlegensten Winkel des ehemaligen Ostblocks führen sollte: zu all den Überraschungen, die so gar nicht zur eintönigen Sowjet-Architektur passen. Und doch sind sie in den Jahren zwischen der auslaufenden Breschnew-Ära und dem Ende der UdSSR entstanden.

Chaubin flog ins kasachische Almaty, ins tadschikische Duschanbe, reiste ins armenische Jerewan, nach Jalta, Vilnius und Tallinn. Die Objekte seiner Sehnsucht verschlugen ihn vor allem an die Ränder. Dorthin, wo die vereinheitlichende Zentralmacht zuerst schwächelte - so lautet Chaubins These über die Umstände, welche die spätsowjetische Experimental-Architektur ermöglichten.

Und er schoss Bilder von sonderbaren, phantastischen, spektakulären Bauten. Etwa vom Ministerium für Straßenbau in Tiflis, dessen zweigeschossige Gebäuderiegel gitterartig übereinander gestapelt sind, als solle das Aufeinandertreffen mehrerer Autobahnen simuliert werden. Zustande kam dieser verblüffende Bau vermutlich nur, weil der leitende Architekt George Tschachawa als Minister für Straßenbau auch Bauherr war.

Formexperimente für Funktionärsresidenzen

Chaubin stöberte auch die aufwendig gebauten Politiker-Sommerresidenzen auf, die sich in den Nadelwäldern an der Ostseeküste versteckten: auf einer litauischen Lichtung am Meer etwa die Villa mit Privatstrand für Breschnew, der dort allerdings nie ins Wasser stieg, weil er die milderen Lüfte Sotschis vorzog. Oder die Villa Andropov in Estland, deren Kinosaal ein rotholzverschaltes, fast minimalistisches Formexperiment ist.

Und der Franzose beleuchtet mit seiner Kamera einen Bereich, in dem gestalterischer Überschwang und romantisches Sentiment offenbar erwünscht waren: Fest- und Gedenksäle, also profane Stätten für Hochzeiten und Beerdigungen. Die sollten als Orte nichtsakraler Erbauung so etwas wie wärmende Eingebundenheit suggerieren.

Zur Abweichung von der baulichen Monokultur trug auch eine zunehmende Regionalisierung bei. In Estland wurde die kühle Eleganz der skandinavischen Architektur aufgegriffen. Das Lenin-Museum im usbekischen Taschkent zitiert islamische Motive. Und der Konzertpalast im tadschikischen Duschanbe zeichnet mit einer brutalen Betonarchitektur die Konturen einer Jurte nach.

Tausend Fragen tun sich auf. Wie werden die Gebäude heute genutzt oder erhalten? Wie erarbeiteten sich die Architekten ihre Freiräume? Woher bezogen sie ihre Anregungen? All das streift Chaubins einleitender Essay nur. Und wenn es darum geht, warum der späten Sowjetunion trotz der verordneten baulichen Monotonie ein solcher Stilpluralismus unterlaufen ist, wird er ein wenig blumig. Er bemerkt ein "großes Taumeln in jener Epoche" und vermutet, es habe "sich die sowjetische Reuse am Ende des Weges geöffnet, als wären zwischen den erschlafften Maschen des Netzes gewaltige Freiräume entstanden".

Mit seinen von melancholischem Mehltau überhauchten Aufnahmen aber rückt Chaubin die baulichen Kapricen der ausgehenden Sowjetunion zu einer Stadt voller architektonischer Verheißungen zusammen und macht sie als Phänomen überhaupt erst wahrnehmbar. Eine architekturhistorische Differenzierung könnte beginnen.


Frédéric Chaubin: Cosmic Communist Constructions Photographed. Taschen: 312 Seiten, 39,99 €. Die Fotos Chaubins zeigt das ZKM in Karlsruhe vom 29. Januar bis zum 27. März.

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