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25. Juli 2012, 11:39 Uhr

Sonnenbrillen-Design

Mal was Schönes fürs Auge

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Eine Sonnenbrille ist eine Sonnenbrille, unverbesserbar, perfekt. Denkt man. Doch der Sommerklassiker wird von Designern immer weiter veredelt. Alles Wichtige über die dunklen Gläser - hier bekommen Sie den Durchblick.

Manchmal möchte man ja den Sommer an sich ganz neu entwerfen. Bisschen mehr Sonne. Bisschen heißer. Bisschen mehr Platz am Strand. Bisschen mehr Urlaub wäre auch nett. Tja, geht aber leider nicht.

Und bei Sommerklassikern wie Sonnenbrillen, Liegestühlen oder Kühlboxen geht's auch nicht. Denn die sind im Gegensatz zum Sommer selbst ja perfekt. Form und Funktion, daran gibt es designmäßig nichts mehr zu rütteln. Sollte man meinen.

Doch es gibt Designer, die typischen Sommerteilen einen Relaunch verpasst haben - mit verblüffenden Details. Für ihre Ideen haben sie jede Menge wichtige Designpreise, Nominierungen und andere Auszeichnungen abgeräumt. In einer kleinen Serie stellen wir Ihnen fünf vor - und fangen mit der Sonnenbrille an, genauer: der Pilotenbrille. Sie meinen, den berühmten Beschatter kann und muss man nicht neu erfinden?

Sonnenbrillen haben keine Schattenseiten - oder?

Entweder man verlegt sie. Oder, schlimmer, nimmt versehentlich darauf Platz. Kennt doch jeder, dieses Gefühl. Huch, wo sitz ich denn drauf? Das wird doch nicht...? Doch, das war. Noch ärgerlicher, wenn das zur Unkenntlichkeit verbogene Gestell von Gucci oder Cartier war. Und besonders handlich sind die Dinger ja auch nicht: "Vor ein paar Jahren gab es eine Phase, da waren Sonnenbrillen so riesig, dass die Etuis fast die Größe von Handtaschen hatten", sagt die Schweizerin Sandra Kaufmann. Das war der Moment, in dem sie dachte: Muss besser gehen.

Wie sieht die Erleuchtung denn nun aus?

Eine Brille musste her, ultraflach und fast unkaputtbar. Eine, deren Bügel sich wie eine Haarspange flachklicken lassen. Klick. Und klack. Damit das funktioniert, mussten auch fast alle anderen Elemente neu entworfen werden: Schließblock, Scharnier, Nasenpads. Alles so flach wie möglich. Und die Gläser? Aus Nylon, biegsam wie ein Bambusrohr. Am Ende kam ein typisches Schweizer Produkt raus, findet Designerin Kaufmann: "Sehr funktionalistisch, aber trotzdem schön." Und der Name ihres Augenbeschatters? Strada del Sole. Die Autobahn Mailand-Neapel heißt so. Die "Sonnen-Autobahn" war die erste Nord-Süd-Verbindung Italiens, entstand zwischen Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre - und wurde zur Urlaubshauptstraße.

Jetzt mal konkret: Wie entwirft man so etwas?

Am Computer, klar. Das ist Millimeterarbeit - einzelne Linien müssen am Bildschirm einen Hauch verrückt werden. Kaufmann hat früher - natürlich, eine Schweizerin! - Uhren entworfen, ihr liegt diese Puzzelei. Aber um zu testen, ob eine Form passt, geht sie traditioneller vor. Sie druckt den Entwurf aus, schneidet das Brillenmodell aus - und probiert die Papierfassung vor dem Spiegel. Bis alles sitzt. So wird ihr Gesicht zur Norm. Und auch preiswürdig: Für ihre Entwürfe erhielt sie zum Beispiel zweimal den Red Dot Design Award und wurde sogar im technisch bekanntlich recht anspruchsvollen Japan ausgezeichnet.

Taugt so ein Stück echt für den Sommer?

Das Gewicht der Sonnenautobahn-Lünetten beträgt federleichte 20 Gramm - unter der Last stöhnt niemand. Und die unkaputtbaren Klick-Klack-Gestelle bringen die Idee einer Sonnenbrille auf den Punkt: sehr lässig. Der Preis dagegen ist schweißtreibend: 280 bis 320 Euro. Für das Geld gibt's bei den gängigen Modeketten gefühlt hundert Brillen, da muss man schon sehr viel kaputtsitzen.

Mag ja alles sein. Aber: Was war noch mal der Klassiker?

Die Ur-Fassung der Pilotenbrille ist die "Aviator" von Ray Ban, die bereits vor 75 Jahren auf den Markt kam. Eigentlich war sie nur für Armeepiloten gedacht, US-Generäle trugen sie auch während des Zweiten Weltkriegs. Die Coolness des verspiegelten Stücks war dann aber stärker. Man denke an Freddie Mercury, an Michael Jackson oder den Vietnamveteranen Walter "Die Welt des Schmerzes" Sobchak (John Goodman) im Film "The Big Lebowski" der Coen-Brüder. Selbst der bebrillte Ultraleichtflieger Tom Cruise in "Top Gun" konnte dem Image der Aviator nichts anhaben.

Und andere Vorbilder?

Für Kaufmann zum Beispiel der französische Designer Alain Mikli. Sein Markenzeichen: extra breite Bügel. Für ihn hat sie auch schon gearbeitet, ein "Brillengott", sagt sie. "Total krasser Typ, er passt sich niemandem an. Von ihm habe ich gelernt, Mut zu Neuem zu haben."

Breite Bügel, Spiegelgläser - kommt's darauf wirklich an?

Naja, kommt darauf an, wen sie fragen. "Ein Italiener würde wohl sagen: die Farbe, der Stil", sagt die Designerin in Sandra Kaufmann. Die Schweizerin in Sandra Kaufmann sagt allerdings: "Der Sonnenschutz ist das Wichtigste." Sehr vernünftig. Informieren Sie sich, etwa bei einem Optiker. Es gibt allein für die Tönung der Gläser vier Kategorien, die je nach Sonnenstärke (Gletscher, Strand, Baggersee im Ruhrpott und P1 in München?) und Lichtempfindlichkeit des Trägers unterschiedlich sinnvoll sind. "Italienische Kunden", erzählt Kaufmann, bevorzugten komplett schwarze und verspiegelte Gläser, damit das Accessoire zur Aura passe. Aber so sieht man auch schnell mal nichts mehr. Und dann ist da ja der UV-Schutz, der mit der Tönung nichts zu tun hat: die Kennzeichnung "UV 400" hilft, alle schädliche Strahlen werden herausgefiltert. Fehlt die Kennzeichnung, muss die Brille aber nicht zwangsläufig schlecht sein.

Was Sie noch nicht über Sonnenbrillen wussten:

Einer der ersten bekannten Sonnenbrillenträger war Kaiser Nero. Zumindest schreibt Plinius der Ältere im 37. Kapitel seiner "Naturalis historiae", dass Nero die Gladiatorenkämpfe durch Smaragde hindurch angeschaut hat. Also eine Art erste geschliffene Sonnenbrille. Der Kaiser galt zudem als kurzsichtig. Und die Inuit trugen Elfenbeinbrillen mit Schlitzen gegen das Gleißen des Schnees.

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