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Salzburger Festspiele: Hollywood-Version des antiken Mythos

Foto: Jens Dietrich

Sophokles in Salzburg Tocotronic-Frontmann beschallt Theben

Sophokles für Eilige: Die Regisseurin Angela Richter bringt eine radikal reduzierte Version der Thebanischen Trilogie heraus. Mit von der Partie ist auch ein Popstar: Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow besorgt die Musik.

Angela Richter weiß um die Gefahr: Die Vorlage zu ihrer neuesten Inszenierung lässt sich auf dem Papier leicht und locker weglesen - und ist umso schwerer auf die Bühne zu bringen. "Man muss aufpassen, dass man da nicht drüber bügelt", sagt die Regisseurin, "ich muss dafür sorgen, dass die Sprache lebendig wird."

Für das Young Directors Project, den Nachwuchswettbewerb der Salzburger Festspiele, besorgt Richter am 11. August die deutschsprachige Erstaufführung von Jon Fosses "Tod in Theben". Der norwegische Dramatiker hat die Thebanische Trilogie des Sophokles, also die drei Tragödien "König Ödipus", "Ödipus auf Kolonos" und "Antigone", zu einem durchgehenden Drama verdichtet; den berühmten Plot mit den berühmten Protagonisten tastet er nicht an.

Kürzer, kompakter, komprimierter

Auch bei Fosse bringt Ödipus seinen Vater Laïos um und zeugt vier Kinder mit seiner Mutter Iokaste, ohne zu wissen, dass er sein Vater ist und sie seine Mutter; auch bei Fosse erkennt Ödipus seinen Fehler, sticht sich die Augen aus und verlässt Theben blind gen Kolonos, geleitet nur von seiner Tochter Antigone; auch bei Fosse verflucht Ödipus seine Söhne Eteokles und Polyneikes, so dass sie sich im Kampf um Thebens Thron gegenseitig töten; auch bei Fosse gesteht der neue König Kreon ausschließlich Eteokles eine Beerdigung zu, Antigone jedoch begräbt Polyneikes; auch bei Fosse lässt Kreon Antigone zur Strafe lebendig in ein Felsengrab sperren, obwohl sie die Verlobte seines Sohnes Haimon ist; auch bei Fosse erhängt sich Antigone und Haimon bringt sich um. Der wichtigste Unterschied, zumindest auf den ersten Blick: Fosse macht es kürzer, kompakter, komprimierter. Sophokles für Eilige.

"Fosse hat so etwas wie die Hollywood-Version des antiken Mythos geschrieben - und dennoch hat er ihn nicht verflacht", sagt Richter. "Seine Sprache ist sehr heutig, ohne modisch zu sein." Sehr heutig wird wohl auch die Musik sein, auf die Richter setzt: Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow hat schwere Gitarrenklänge komponiert, die den Raum erbeben lassen. "Mit ihnen muss ich sehr gezielt umgehen", sagt Richter.

Optisch setzt sie auf das minimalistische Bühnenbild, das schon vor etwa eineinhalb Jahren bei ihrem Maxim-Biller-Rezeptionsdrama "Der Fall Esra" Zuschauer wie Kritiker begeisterte: Die Schauspieler werden zwischen Hunderten Glühbirnen umherlaufen, die an Kabeln vom Schnürboden baumeln. Die Bühnenbildnerin Katrin Brack, ein Star der Szene, hatte ihr damals zwei Versionen angeboten, eine mit gelben und eine mit bunten Glühbirnen. Richter entschied sich für die gelben, "weil das Thema eh schon so boulevardesk war", nun greift sie zu den bunten. Zudem wird das Bühnenbild vergrößert, die Kabelstränge werden nicht mehr ganz so symmetrisch angeordnet - kleine Anpassungen an die neue Arbeit, mehr nicht. "Ich halte es für Verschwendung, dass Bühnenbilder so schnell verschrottet werden."

Nachwuchshoffnung mit 38 Jahren

Das Konzept klingt vielversprechend, auch wenn Richter dem Alter eigentlich entwachsen ist, in dem man sich Chancen auf einen Nachwuchspreis ausrechnen darf: Sie ist 38. In Salzburg jedoch, wo der von der Füllerfirma Montblanc gesponserte Wettbewerb den löschblatttrockenen Festspielen wenigstens den Anschein spritziger Frische geben soll, gehen die Uhren anders. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive.

Mit Richter wetteifern drei Regisseure aus drei Ländern um den Preis des Young Directors Project: der Schwede Jakop Ahlbom, der Belgier Claude Schmitz und der Franzose Sylvain Creuzevault. In der Jury sitzen die Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler, der Galerist Thaddaeus Ropac, die Journalistin Andrea Schurian, die "Buhlschaft"-Darstellerin Birgit Minichmayr und der alte Schauspielrecke Klaus Maria Brandauer. Was ein bisschen pikant ist, denn im Hauptprogramm der Festspiele inszeniert der alte Regierecke Peter Stein das Sophokles-Original "Ödipus auf Kolonos", mit eben jenem Brandauer in der Hauptrolle.

"Ich hoffe nicht, dass uns das zum Nachteil gereicht", sagt Richter und lacht. In Konkurrenz treten kann und will sie ohnehin nicht zur Arbeit der Altvorderen: "Peter Stein, das ist für mich jenseits von Gut und Böse."


Tod in Theben: Deutschsprachige Erstaufführung am 11. August, weitere Vorstellungen am 12., 13. und 14. August, Salzburger Festspiele , Kartenbüro +43-(0)662-8045-500. Im Dezember ist Richters Inszenierung auch in Hamburg auf Kampnagel zu sehen, im kommenden Jahr im Leipziger Centraltheater und im Berliner HAU.

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