TV-Skandalserie "Benefits Street" Armutsporno zur besten Sendezeit

Eine Reality-TV-Serie entzweit die Briten: "Benefits Street" spielt in einer Straße, deren Bewohner angeblich fast alle von Sozialhilfe leben - und den Sozialstaat missbrauchen. Geldnot und Diebstahl prägen den Alltag, und dann zieht auch noch eine zwölfköpfige Roma-Familie aus Rumänien ein.

Szene aus "Benefits Street": 18.000 Unterschriften für Absetzung des Formats

Szene aus "Benefits Street": 18.000 Unterschriften für Absetzung des Formats


Die neueste britische Skandalserie kommt gleich zur Sache. Erste Szene, James Turner Street in Birmingham: Eine Frau geht an den ungepflegten Reihenhäusern entlang und zeigt mit dem Finger auf eine Haustür nach der anderen. "Arbeitslos, arbeitslos, arbeitslos", sagt sie.

Angeblich leben 90 Prozent der Bewohner von "benefits" (Sozialleistungen), daher der Titel "Benefits Street". Man wolle das menschliche Miteinander am unteren Rand der Gesellschaft zeigen, hatte der Sender Channel 4 angekündigt.

Doch nach der Ausstrahlung der ersten Folge diese Woche erhob sich ein Proteststurm. Die Anwohner fühlten sich hintergangen: Sie hätten sich ein Jahr lang filmen lassen, im Glauben, an einer Dokumentation über den Gemeinschaftsgeist in Zeiten des Sparkurses mitzuwirken, sagte eine der Mitwirkenden. Die Fernsehleute hingegen wollten sie offenbar von Anfang an an den Pranger stellen.

Der Sender und die Medienaufsicht erhielten Hunderte Beschwerden von Zuschauern. Eine Online-Petition mit über 18.000 Unterschriften fordert die Absetzung des Formats, weil es Hass auf eine Bevölkerungsgruppe schüre.

Tatsächlich wurde in der ersten Folge der fünfteiligen Serie jedes Klischee bedient, um ein Bild von arbeitsfaulen, kriminellen Sozialschmarotzern zu zeichnen: In einer der meistkommentierten Szenen kleidet Ladendieb Danny eine Einkaufstüte von innen mit Alufolie aus, damit er mit seinen gestohlenen Jacken aus dem Kaufhaus spazieren kann, ohne Alarm auszulösen. Sein alkoholabhängiger Nachbar Fungi lobt ihn als "den besten Ladendieb, den ich kenne". Andere Nachbarn brüsten sich damit, wie sie sich Sozialleistungen erschummelt hätten. Mehrere der Darsteller sind vorbestraft, das Gefängnis am Ende der Straße sei für sie "wie ein zweites Zuhause", erklärt eine Stimme aus dem Off.

Und am Montag sind die Roma dran

Die Reaktionen im Internet fielen entsprechend aus: Twitter-Nutzer forderten, den "Abschaum" in der James Turner Street wahlweise zu verbrennen, zu erschießen oder zu "vergasen". Die Polizei erhielt empörte Anrufe, warum "diese Asozialen" nicht hinter Gittern säßen. Anwohner und Lokalpolitiker hingegen protestierten, die Serie verzerre die Wirklichkeit. Die meisten Menschen in der Straße arbeiteten und seien ehrlich, sagte der Bezirksrat Chaman Lal der Lokalzeitung "Birmingham Mail". Die Unterhausabgeordnete Shabana Mahmood kritisierte, es sei unfair, die Geschichten von sechs Menschen zu instrumentalisieren, um eine ganze Straße mit mehr als 200 Bewohnern zu diskreditieren.

Die Programmverantwortlichen juckt die Kritik nicht, der Sender ist stolz auf seine provokanten Serien. Und die Einschaltquote war hervorragend: 4,3 Millionen Zuschauer sahen die erste Folge, die erfolgreichste Sendung seit mehr als einem Jahr. Für Montagabend um 21 Uhr ist die "nächste schockierende Folge" angekündigt: Dann wird gezeigt, wie eine zwölfköpfige Roma-Familie aus Rumänien in die Straße einzieht, auf der Suche nach Altmetall Müllbeutel aufreißt und es zu Auseinandersetzungen mit den alteingesessenen Bewohnern kommt.

Die Serie befeuert so gleich zwei zentrale innenpolitische Debatten. Die liberalkonservative Regierung von Premier David Cameron macht seit Monaten Stimmung gegen Einwanderer, besonders aus Rumänien und Bulgarien. Und sie kündigt immer neue Kürzungen des Sozialstaats an. Kritiker werfen dem Sender daher vor, flankierend zur Regierungspolitik "Tory-Propaganda" zu verbreiten. Bei diesem "poverty porn" gehe es darum, Jagd auf extreme, nichtrepräsentative Fälle zu machen, sagte "Independent"-Kolumnist Owen Jones. Es sei nicht mehr als ein "visuelles Kotzfest", urteilte der "Guardian".

Andere verteidigten den Sender. "Wir können uns nicht vor der Wirklichkeit verstecken", schrieb der Gründer des Obdachlosenmagazins "Big Issue", John Bird, in der "Daily Mail". Die Serie werfe ein Schlaglicht auf die "zerstörerische Sozialstaatskultur", die keinen Ehrgeiz vom Einzelnen einfordere.

Die James Turner Street ist unterdessen zu einer Art Touristenattraktion geworden: Schaulustige fahren durch die Straße, posieren neben dem Straßenschild und laden ihre Fotos auf Internetportalen hoch.

insgesamt 68 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
thomas_gr 11.01.2014
1.
Was ist derUnterschied zu einigen reißerischen Artikeln hier im Spiegel?
paul.oberste-frielinghaus 11.01.2014
2. Rassismus
Die Pest und Dummheit des 21. Jahrhunderts.
killi 11.01.2014
3. Juristisch vorgehen
Bleibt abzuwarten bis die ersten Brandbomben in diesem Bezirk geschmissen werden. Den Sender müsste man wegen Unruhestiftung, missbrauch des Journalismus und Rufmord anzeigen.
Trainspotter 11.01.2014
4. ...
Von dem was mir meine englischen Freunde immer so erzählen entspricht das aber voll und ganz der Wahrheit.
Nonvaio01 11.01.2014
5. so ein bloedsinn
Zitat von sysopEine Reality-TV-Serie entzweit die Briten: "Benefits Street" spielt in einer Straße, deren Bewohner angeblich fast alle von Sozialhilfe leben - und den Sozialstaat missbrauchen. Geldnot und Diebstahl prägen den Alltag, und dann zieht auch noch eine zwölfköpfige Roma-Familie aus Rumänien ein. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sozialmissbrauch-briten-streiten-ueber-tv-serie-benefits-street-a-942943.html
Ich lebe in Iraldn und habe die folge gesehen, der schreiber hier wohl nicht. Es geht um den zusammenhalt, von der Frau die z.b. Fungi hilft, bei der Fungi sein Gld abgibt damit er es nicht ausgeben kann. Fungi kann weder lesen noch schreiben. Die meisten dort leben von 50 pfund die woche. Die familie die betrogen hat, der wurde fuer 3 monate alle leistungen gestrichen, nur 30 Pfund Kindergeld bekommt, wird niochts erwaehnt. Von den 2 Frauen die sich auf job anzeigen melden, wo nach Haushaltshilfen gefragt wird, beim anruf wird Sex gegen zahlung von 50 Pfund gefordert. Von dem 50 pence mann der versucht kleine mengen an waschpulver, eine rolle toiletten papaier..etc zu verkaufen um zumindest eine einhame zu haben. Von behoerden willkuer, wo die anwohner briefe bekommen und dazu aufgefordert werden sich an einer behoerde zu melden die soweit weg ist das die leute kaum dorthin kommen. Die folge zeigt wie es in der UK ist und nichts anderes. Wenn der Staat alles soweit kuerzt das die leute keine chance haben auch nur ansatzweise etwas zu machen. Fungi z.b. hat eine Mentale dissabilty die schon mit 6 Jahren bestaetigt wurde, aber keine hilfe bekommen hat, soetwas kommt eben dabei herraus. Mit Rassismuss hat das nichts zu tun, das ist realitaet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.