SPAM-Satiriker Sonneborn Gelage mit korrupten Georgiern

Wo ein halbvolles Glas eine tödliche Beleidigung bedeutet: SPIEGEL-ONLINE-Chefsatiriker Martin Sonneborn reiste mit Delegierten seiner PARTEI nach Georgien - und der Oppositionsführer empfing sie mit 60 Litern Wein. Lesen Sie exklusiv einen Auszug aus dem neuen PARTEI-Buch.

Im Februar 2007 reist Außenminister Steinmeier für zwei Tage zum Staatsbesuch nach Georgien.

Was Steinmeier kann, können wir schon lange. Ein paar Telefonate mit PARTEI-Mitglied Daniel W., der nach eigenen Angaben eine Art Au-pair-Vermittlung in Tiflis betreibt, dann sind wir auch schon mit Shalva Natelashvili verabredet, dem charismatischen Führer der traditionsreichen Georgian Labour Party, der größten georgischen Oppositionspartei. Eine Reise zu namhaften US-Kongressabgeordneten in Washington kürzlich hat Natelashvilis politische Instinkte geschärft, und so ist ihm der Begriff "Arbeit" im Namen unserer Partei Beleg genug dafür, dass wir politisch auf einer Wellenlänge liegen.

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Sonneborns PARTEI: "Baut die Mauer wieder auf!"

Foto: Die Partei

Die ersten zwanzig PARTEI-Freunde, die sich unvorsichtigerweise auf eine Anzeige in "Titanic" melden ("Komm mit auf Staatsbesuch!"), werden zwangsverpflichtet und in grauen C&A-Anzügen (49€) zum Abflugtermin nach Frankfurt bestellt. Weil das Auswärtige Amt eine Reisewarnung für den Kaukasus ausgegeben hat ("Raubüberfälle selbst auf belebten Straßen", "brutale Gewaltanwendung"), ruft Claus Ritter, Generalsekretär aus Baden-Württemberg und Besitzer einer gepflegten Punk-Frisur, im Amt an, um zu fragen, ob er mit einem Irokesen-Schnitt nach Georgien reisen könne. Das Auswärtige Amt fragt zurück: "Sind Sie von einem Spaßradio?"

Dienstag, 27.3.2007, Flughafen Frankfurt

Während wir auf das Flugzeug warten, feile ich an meiner "1. Tiflisser Rede". Da laut Reiseführer sämtliche georgischen Namen entweder auf "vili" enden - wie Kobiashvili, Natelashvili, Dschugaschvili - oder auf "adse" - wie Schewardnadse - soll sie mit den Worten beginnen: "Liebe versammelte georgische Atzes und Willis..." Danach vielleicht noch ein paar Höflichkeiten, ein paar Sätze zu Stalin, dem berühmtesten Sohn des Landes, und Schluss.

Mittwoch, 28.3.2007, Tiflis

Morgens um 2 Uhr empfängt uns Georgien am neu gebauten Flughafen von Tiflis nass, kalt und grau. Das Goethe-Institut hat uns einen Kleinbus organisiert, dessen aserbaidschanischer Fahrer genauso gut Russisch versteht wie wir. Über das Einschussloch in der Windschutzscheibe sprechen wir wenig ("Bumm?" - "Bumm!").

Nach einem Frühstück, das die Reich- und Fetthaltigkeit der georgischen Küche schon liebevoll andeutet, holt uns Daniel W. am Hotel ab. Laut stellt er sich als Europapolitischer Berater der Georgian Labour Party vor, leise fragt er dann, ob wir Frauen bräuchten, er könne da ab 10, 15 Euro was arrangieren. Zuerst arrangiert er aber mal was mit sechs oder sieben Taxen, die er für uns heranwinkt, und in fließendem Georgisch zum Hauptquartier der Arbeiter-Partei befiehlt. Das Unterfangen ist nicht ganz ungefährlich. Die Georgier fahren recht unerschrocken, in den Schlaglöchern können ganze Bergvölker Urlaub machen, und wenn ein Taxi zusammenbricht, steht man mit seinem Schulenglisch doch sehr allein auf weiter Flur. Nun, wer Ostpolitik macht, muss kleinere Risiken in Kauf nehmen, das wusste schon Brandtwilly!

Die Umarmung

Zwei georgische Fahnen hängen verhärmt vor dem Eingang der Partei-Zentrale, die Fensterläden sind geschlossen. Ein wenig ungläubig führen kleine quadratische Männer die vielköpfige deutsche Delegation durch die ungeheizten grauen Flure: zu Recht, Außenminister Steinmeier hatte schließlich eine wesentlich kleinere Entourage bei sich. Im Konferenzraum drängeln sich bereits zwei Kamerateams, vier Radioreporter und eine Reihe von Print-Journalisten. Aber bevor die Pressekonferenz beginnt, kommt es in Shalva Natelashvilis Büro noch zum offiziellen Treffen im kleinen Kreise.

"Die glauben, ihr hättet 30 Sitze im Bundestag"

Während W. mich über eine Betontreppe in den ersten Stock führt, raunt er mir zu: "Es hat ein Missverständnis gegeben, Shalva glaubt, ihr hättet schon 30 Sitze im Bundestag. Bitte sag nichts!"

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Sonneborns PARTEI: "Baut die Mauer wieder auf!"

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Viel Bedenkzeit bleibt mir nicht nach dieser überraschenden Ankündigung, denn eine Tür geht auf und wir stehen im karg möblierten Büro des Führers der größten Georgischen Oppositionspartei. Natelashvili, knapp 50, erhebt sich hinter seinem Schreibtisch. Er ist sorgfältiger frisiert als ich, trägt einen viel besseren Anzug und kann noch falscher lächeln. Er begrüßt uns so herzlich, wie es einer Partei mit 30 Sitzen im Deutschen Bundestag gebührt und freut sich, dass wir so zahlreich erschienen sind: "Ihr Außenminister hatte vier Männer in Anzügen mit. Sie haben 25 Männer in Anzügen mit. Das sind 21 Männer in Anzügen mehr!"

An einem runden Holztisch nehmen wir Platz und tasten uns in einem halbstündigen Gespräch erst einmal vorsichtig ab. Diplomatische Floskeln werden ausgetauscht ("Schön hier. Waren Sie schon mal in Deutschland?") und abfällige Bemerkungen über die Regierungschefs Georgiens ("Michail Saakashvili hat uns um mindestens 30 Prozent der Stimmen betrogen!") und Deutschlands ("Ein bisschen mehr Weiblichkeit wäre wünschenswert. Kennen Sie eigentlich unsere Kanzlerkandidatin Kristina?").

Schnell ist klar, dass die Chemie zwischen uns Populisten stimmt. Auf meine Bitte hin wird die öffentlichkeitswirksame Unterzeichnung irgendeines Abkommens vor den unten wartenden Journalisten beschlossen. Aus dem Stand heraus erarbeiten die Georgier einen Textvorschlag, dem beide Partei-Vorsitzenden ohne größere Diskussion zustimmen können. Wenn es doch bei allen Kyoto-Protokollen und EU-Verträgen so herzlich und einvernehmlich zuginge! (Das Abkommen ist in der Bilderstrecke dokumentiert. Anm. d. Red.)

Auch die anschließende Pressekonferenz wird ein voller Erfolg. Nachdem Natelashvili die Delegation vor den Kameras offiziell begrüßt hat, beschwört er die Verbundenheit unserer Länder und Parteien. Als er schließt, erhebe ich mich. In einer kurzen Rede bedanke ich mich für die freundliche Aufnahme und eröffne den sympathischen Gastgebern, dass wir uns nachdrücklich für die Aufnahme Georgiens in die EU einsetzen werden, sobald wir in Deutschland an der Macht sind. Als der Beifall verebbt, unterzeichnen Natelashvili und ich vor interessierten Kameras feierlich das Abkommen von Tiflis.

Unter weiteren Beifallsstürmen wechselt anschließend ein großer Porzellan-Bierkrug mit aufgebrachtem Brandenburger Tor vor den Augen der Weltöffentlichkeit den Besitzer. Den Bierkrug hatte ich vor der Abreise noch schnell in einem Berliner Touristen-Shop erstanden. Weil ich auf dem Flug im Reiseführer lesen musste, dass Georgier bei ihren Gelagen fast ausschließlich Wein zu sich nehmen, und jemanden des Biertrinkens zu verdächtigen fast eine Beleidigung darstellt, erkläre ich das ordinäre Trinkgefäß schnell zum Weinkrug. Die Ratlosigkeit in den Augen meines neuen Freundes weicht einem anerkennenden Leuchten, so massive halblitergroße Weingläser hat hier wohl nicht jeder! Spontan und kamerawirksam umarmen wir uns.

Als die erschütternden Bilder am Abend in den Nachrichten auf allen beiden Sendern des Landes ausgestrahlt werden, ist der propagandistische Erfolg des Treffens sichergestellt.

Sachdienlicher Hinweis des "Hamburger Abendblatt":

"Auch wenn man bei der Partei nie sicher sein kann, was Witz ist und was Wahrheit, war tatsächlich eine Delegation in Georgien. Und offenbar ist es ihr unter schamloser Ausnutzung der Sprachbarriere und der Unwissenheit über ihre satirische Ausrichtung gelungen, bei der Georgian Labour Party eingelassen zu werden. Fotos zeigen Sonneborn im Gespräch mit dem Vorsitzenden dieser Partei, Shalva Natelashvili. Nach dieser Sternstunde zelebrierte Sonneborn vor einem Ehrenmal in Anlehnung an Willy Brandt einen Kniefall. Frei nach dem Tucholsky-Motto: Satire darf alles!"

Mörderschnäpse im Kaukasus

"60 Liter Wein", habe man für uns bestellt, begrüßt uns Daniel W. am Eingang des Luxusrestaurant "Babylo", in das uns die Georgische Arbeiterpartei geladen hat. "60 Liter!", die müssten wir auf jeden Fall austrinken. Und wenn wir Frauen wollten, sollten wir nur Bescheid sagen: "Russinnen kosten etwa 40 Euro, pro Stück, kein Problem!" Wir versprechen uns bei Bedarf sofort zu melden. Während wir über eine Freitreppe nach oben geführt werden, rechne ich noch einmal nach. Bis zu neun Liter Wein trinkt der gemeine Georgier bei seinen Tischgesellschaften, warnt mein Reiseführer. Wieso hat man dann für uns nur so wenig eingeplant? Was hat denn das noch mit Gastfreundschaft zu tun?

Der Europapolitische Berater reißt mich aus meinen Gedanken und erklärt uns kurz die Spielregeln: Der Tamada beziehungsweise Tischherr sitzt am Kopfende und bringt zwischenzeitlich Trinksprüche aus, die immer in "Gaumarjos" enden, was soviel wie "Prost" bedeutet. Daraufhin müssen alle ihre vollen Weingläser austrinken, die dann sofort wieder gefüllt würden, für den nächsten Trinkspruch. Bei sehr großem Durst dürfe man aber auch zwischendurch trinken, beruhigt uns W., oder selbst Trinksprüche ausbringen. Angst, zu verdursten, bräuchten wir im übrigen nicht haben, Josef Shatberashvili, der Generalsekretär, sei ein sehr liberaler Tamada, der nicht lang schwafelt. Nicht auszutrinken allerdings sei eine tödliche Beleidigung.

Der große Saal im ersten Stock unterscheidet sich recht beeindruckend vom Rest des Landes: er ist bunt und prächtig geschmückt. Zwei lange Tafeln sind bereits üppig für uns gedeckt, die restlichen Tische sind mit reichen Georgiern besetzt, auf einer kleinen Bühne ist genug Platz für vier dickliche Herren, die in den nächsten acht Stunden - von erholsamen Pausen unterbrochen - Medleys beliebter europäischer Lieder aus den siebziger Jahren zum Besten geben. Sobald wir sitzen, beginnen die Kellner, Salate, Käse, Chatschapuri, Lamm-, Hähnchen- und Kalbfleisch in vielerlei Variationen aufzutragen. Und sie werden in den nächsten Stunden nicht müde, Platz für immer mehr und immer neue wunderbare Speisen zu schaffen.

"Wir möchten uns für den Bruch des Hitler-Stalin-Paktes entschuldigen"

Kaum haben an unserem Tisch alle Mitesser Platz genommen, sind alle Weingläser bis zum Rand gefüllt, steht Generalsekretär Shatberashvili auf, hebt sein Glas und bringt den ersten Trinkspruch aus, den Daniel W. uns mit volltönender Stimme übersetzt: "Ich freue mich sehr über den Besuch der deutschen Arbeiter-Partei. Dies ist ein historischer Augenblick in der Geschichte unserer Länder. Auf unsere Gäste, Gaumarjos!" Ein allgemeines "Gaumarjos"-Geschrei geht los, dann trinken wir unsere Gläser leer. Der leicht trübe, roséfarbene Wein, der sofort wieder nachgeschenkt wird, ist gar nicht schlecht.

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Sonneborns PARTEI: "Baut die Mauer wieder auf!"

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Wahlkampfleiter Georg Behrend zerstreut unsere Befürchtungen: "Der ist absolut harmlos, kann man ruhig trinken!" Das müssen wir auch schon wieder tun, denn Shatberashvili steht bereits wieder: "Ich kenne die deutsche Historie. Deutschland hat viel gekämpft. Oft gewonnen und auch ein paar Mal verloren. Aber immer gekämpft! Georgien ist genauso. Auf den Sieg, Gaumarjos!"

Eine Runde später ist die PARTEI gefordert. Also erhebe ich mich, knöpfe mein Jackett zu, nehme mein Glas in die Hand. Tom Hintner, der neben mir sitzt, flüstert: "Sag: In Georgien möchte ich nicht einmal tot über dem Zaun hängen!" Ich verkneife mir das Lachen, schließlich soll dies ein historischer Moment werden. "Ich bedanke mich für die wunderbare Gastfreundschaft, die unsere Völker weiter zusammenschweißen möge." Kurze Pause, die Aufmerksamkeit im Saal ist mir gewiss, im Bewusstsein meiner Mission hebe ich die Stimme. "Und ich denke, es ist jetzt an der Zeit, dass wir uns im Namen Deutschlands nach über 60 Jahren endlich für den Bruch des Hitler-Stalin-Paktes entschuldigen! Die Sache tut uns leid, es soll nicht wieder vorkommen! Gaumarjos!"

Einen Moment lang ist es sehr still im Saal. Leise hört man, wie meine Worte ins Georgische übersetzt werden. Atemlos erwarten wir die Antwort, die Daniel W. mit lauter Stimme übersetzt: "Ist egal, macht nichts! Gaumarjos!" Yep, das war's. Jubel brandet auf. Die Reise hat sich gelohnt! Über 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir endlich die Absolution zumindest für den Überfall auf Russland erhalten - eine außenpolitische Leistung, die vor der kläglichen Außenpolitik der etablierten Parteien um so leuchtender da steht!

Jetzt beginnt an der langen Tafel ein erstaunliches Gelage, das die 60 Liter Wein allmählich zur Neige gehen lässt; begleitet von erstaunlichen Preissteigerungen im Bereich Russinnen ("... nur 50 Euro, in Deutschland erfährt das auch niemand!") und zahllosen Trinksprüchen, unter denen lediglich ein weiterer Vorschlag Tom Hintners unberücksichtigt bleibt ("In Georgien möchte ich nicht einmal begraben sein! Gaumarjos!").

Auf einmal zaubert Tamada Shatberashvili, der schon geraume Zeit begeistert mit einer deutschen Fahne wedelt und "Kaiser Wilhelm, Bismarck, Kaiservili!" ruft, eine grüne Plastikflasche hervor, die sich offenbar bereits von innen aufzulösen beginnt, gießt eine klare Flüssigkeit auf einen Teller und demonstriert mit einem Zündholz, dass diese in der Lage ist, rückstandslos zu verbrennen. Dann geht er mit der Flasche herum und füllt den vermeintlich bedeutendsten Männern der deutschen Delegation - wichtig sind alle Gutgenährten und der Bundesvorsitzende - die Weingläser unnachgiebig und bis zum Rand. Die Reaktionen auf seinen Trinkspruch - "Wenn ich vor 20 Jahren hier eine deutsche Fahne geschwenkt hätte, wäre ich verhaftet worden! Gaumarjos!" - fallen tischweit schon recht undiszipliniert aus: "Jaaaaa! Verhaaaaaaffffftet! Niiiiiemals! Die PAAATEIIII!"

Brennbare durchsichtige Flüssigkeiten aus Flaschen ohne Etikett trinken? Hm, sicherlich eine gute Idee, wenn man Adenauer heißt und vorher ein paar Büchsen Ölsardinen geleert hat. Aber hier gibt es nicht einmal deutsche Kriegsgefangene, die ich mit nach Hause nehmen könnte. Ich blicke auf den Tamada, höre sein "Gaumarjos!", setze an, spüre einen stechenden Geruch in der Nase, und nehme vorsichtig einen Schluck. Ein scharfes Brennen erinnert an zu Schulzeiten absolvierte Experimente mit Strohrum. Sofort führe ich das Glas in einer einzigen fließenden Bewegung nach unten, und bete, dass niemand sieht, wie ich den Inhalt unter den Tisch kippe. Zwischen den glücklicherweise säurefesten Sohlen meiner Bergschuhe beginnt das Zeug widerspruchslos zu verdunsten. Mitten in die hektischen Überlegungen, wie ich den Rest dieser Flüssigkeit möglichst schnell wieder aus meinem Kopf herausbekomme, geht zum Glück das Licht aus: eine Gesangseinlage, ein alter Boney-M.-Titel rettet mich. Ich drehe mich um, verlasse mich darauf, dass alle Georgier zur Bühne schauen, und spucke das Zeug der Einfachheit halber an die Wand hinter mir. Heute, davon bin ich überzeugt, kann man an dieser Stelle nach draußen sehen.

Alle anderen trinken ihre Gläser leer. Mit verheerenden Folgen: Zehn Minuten später müssen wir die deutsche Kanzlerkandidatin vor den Zudringlichkeiten des Tamadas retten, unser Wahlkampfleiter kippt zur Seite und vom Stuhl, die übrigen Schnapstrinker schlafen friedlich, den Kopf auf der Brust. Wir betten sie bequem.

Dann bricht auch schon tosender Applaus los. Der vollkommen betrunkene Josef Shatberashvili - für seine deutschen Freunde bereits "Jupp" - steht auf seinem Stuhl und brüllt in den Saal, dass die deutsche Kanzlerkandidatin heute hier mit ihrer Arbeiterpartei zu Gast sei. Tosender Applaus bricht aus, die anwesenden georgischen Gäste erheben sich, um zu applaudieren: "Gaumarjos!"

Allmählich verlieren wir die Kontrolle über die Situation. Alle gehfähigen PARTEI-Mitglieder stürmen auf die Bühne und übernehmen die Mikrofone der Siebziger-Jahre-Entertainer. In einer improvisierten Ansprache muss ich wohl - der genaue Wortlaut lässt sich am nächsten Tag nicht mehr rekonstruieren - Sanktionen gegen Russland gefordert haben, bevor wir beginnen, die PARTEI-Hymne zu singen: "Die Partei, die Partei, die hat immer Recht..."

Spätestens damit aber erobern wir endgültig die Herzen der korrupten Oberschicht Georgiens. Stehende Ovationen, endloser Applaus und zahlreiche Umarmungen sind die Folge, W. röhrt: "Die lieben euch jetzt, die lieben euch alle!" Die 60 Liter Wein sind schon lange ausgetrunken, aber die Gastgeber lassen sich nicht lumpen und fahren weiter auf.

Wie wir vollzählig wieder ins Hotel Sakartvelo kommen, warum in einem der Damenzimmer morgens ein hochrangiges Hamburger PARTEI-Mitglied betrunken mit heruntergelassenen Hosen auf der Toilette schläft und nicht einmal erwacht, als im Nebenzimmer einem Wahlkampfleiter das komplette Waschbecken auf die Bodenkacheln kracht und nicht eben geräuscharm in 1000 Teile zersplittert, ist bis heute nicht restlos geklärt.


Martin Sonneborn: "Das PARTEI-Buch. Wie man in Deutschland eine Partei gründet und die Macht übernimmt", KiWi, 240 Seiten, 8,95 Euro

Martin Sonneborn liest aus seinem Buch am 24. Februar, Babylon Mitte, Berlin, Beginn: 20 Uhr

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