Spaß mit dem Papst Der kleine Mann mit dem lustigen Hut

Die katholische Kirche ist für die deutsche Gesellschaft eigentlich egal, der Besuch ihres Chefs grandios überbewertet. Trotzdem kann man mit dem Papst auch als Nicht-Katholik Spaß haben: bei einer klugen Rede, einer beflissenen Linken - und einem erfrischend durchschnittlichen Bundespräsidenten.

Benedikt XVI. in Deutschland: "Wir" waren nie Papst!
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Benedikt XVI. in Deutschland: "Wir" waren nie Papst!

Ein Debattenbeitrag von


Möge der Kelch schnell an uns vorübergehen, die Straßensperren und Motorradeskorten, die mediale Dauerbeschallung und permanente Expertenbefragung, möge der Papst baldmöglichst wieder in sein Flugzeug steigen und entschwinden in Richtung Rom. Geh mit Gott, aber geh!

Bestenfalls kann man die katholische Kirche als ein kulturelles Relikt bezeichnen, ihren Pomp möglicherweise ästhetisch goutieren, ihre guten Werke für sozial Benachteiligte wohlwollend zur Kenntnis nehmen, aber darüber hinaus möge sie bitte schweigen. Ihr gesellschaftlicher Einfluss ist in den letzten Jahrzehnten immer kleiner geworden, und das ist nur gut so.

Es gibt viele gute Gründe, die katholische Kirche abzulehnen, ihre überkommene Sexualmoral, den Mangel an Gleichberechtigung für Frauen und die zahlreichen jüngst aufgekommenen priesterlichen Missbrauchsfälle sind nur einige davon. Der Gewichtigste jedoch ist die Unerträglichkeit ihrer exponiertesten Anhänger.

Wenn man Journalisten dabei beobachten muss, wie sie den letzten Rest ihrer Distanz aufgeben und sich an den Papst heranschmeißen, wenn man im Fernsehen die Konvertitin Gabriele Kuby ertragen muss, die geradezu geifernd ihre ultrakonservativen Thesen in Talkshowrunden abfeuert, wenn Gloria von Thurn und Taxis trotz (oder vielleicht gerade wegen?) ihres unerträglichen Geplappers über den Abtreibungsmord und die "schnackselnden" Schwarzen den päpstlichen Gregorius-Orden verliehen bekommt, der sie dazu berechtigt, mit einem Pferd in den Petersdom einzureiten - dann möchte man aus Scham den Beruf wechseln, das TV-Gerät zum Fenster hinauswerfen und das Pferd erschießen.

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Benedikt im Bundestag: Scherze, Applaus - und eine Panne
Aber nicht im Ernst. Denn zum Glück ist dieses katholische Theater reichlich egal für das tägliche Leben, nur relevant für diejenigen, die sich ihm freiwillig unterwerfen, und davon gibt es immer weniger. Die Aufregung um den Papstbesuch in Deutschland ist so gesehen das Symptom einer gigantischen Überbewertung einer immer weiter ins Abseits geratenden Glaubensgruppierung.

Ganz besonders aufrecht: Hans-Christian Ströbele

So kann man als Nicht-Katholik mit einer gewissen Wurstigkeit staunend verfolgen, wie sich Papst-Befürworter und -Gegner ereifern. Falsch und maßlos übertrieben war schon die "Bild"-Schlagzeile zur Papst-Wahl, denn "wir" waren nie Papst, und ebenso wenig rufen zur Stunde relevante Massen nach der Kreuzigung des Herrn Ratzinger. Weder bestand für die Abgeordneten eine - auch nur moralische - Pflicht zum Besuch der Papst-Rede im Bundestag, wie es von konservativer Seite unterstellt wurde, noch war es wirklich nötig, sich wie Hans-Christian Ströbele von den Grünen als ganz besonders Aufrechter zu inszenieren und während des päpstlichen Auftritts demonstrativ den Plenarsaal zu verlassen.

Konsequenter und diskreter verhielten sich da diejenigen Parlamentarier aus der Opposition (vor allem der Linkspartei), die der Rede gleich ganz fernblieben. Sie haben allerdings etwas verpasst: Erstens ein durchaus amüsantes Schauspiel. Wer hätte zum Beispiel erwartet, dass ausgerechnet die Linke Petra Pau sich gar nicht oft genug vor dem Pontifex verbeugen konnte? Und das Bild der leeren Reihen der Linksfraktion, hinter denen die päpstliche Delegation sitzen durfte, Würdenträger mit lustigen Hüten, das hatte schon was.

Die Rede war nicht das Problem

Zweitens und vor allem haben die Ferngebliebenen und der Saalflüchter eine sehr gute Rede des Papstes versäumt, intellektueller und rhetorisch geschickter hat im Bundestag wohl schon seit Jahren niemand mehr gesprochen. Der alte Kirchenchef zog alle Register, brachte sein Publikum zum Lachen, kokettierte mit seinem Alter, lobte ausgerechnet die Grünen und war alles andere als plump missionarisch. Man muss in keiner Weise katholisch sein, um seinen Grundgedanken zu unterstützen: Es reicht nicht aus und ist sogar gefährlich, politische Entscheidungen allein auf naturwissenschaftliche Vernunft zu gründen. Wahre Vernunft muss ihre Wurzeln in einer Ethik haben, die sich gerade nicht aus Messwerten und Gewinn-Verlust-Rechnungen begründen lässt. Das ist wahr und richtig, und es wäre schön, wenn diese Worte im Parlament nachwirken würden.

Die Rede des Papstes im Deutschen Bundestag war also nicht das Problem. Problematisch war eher, was Ratzinger alles nicht gesagt hat: eben nichts zur Situation der Frauen, der Geschiedenen, der Homosexuellen in der katholischen Kirche. Nichts über den Missbrauch. Nichts über die rechtsradikale Piusbruderschaft. Nichts über Kondome als Schutz vor Aids und Überbevölkerung. Es war eine gefällige Rede, und was darin an Zündstoff verborgen lag, haben die Zuhörenden möglicherweise auch am Tag danach noch nicht ganz begriffen, so kunstvoll akademisch verpackt war die päpstliche Kritik an der aktuellen Politik.

Ebenso unerwartet wie die Art des Ratzinger-Auftrittes im Parlament war die Rolle, die Bundespräsident Christian Wulff am ersten Tag des Papst-Besuchs spielte - denn zum ersten Mal in seiner Amtszeit wirkte Wulff als angemessener Repräsentant des deutschen Volkes, als Durchschnittsdeutscher im besten Sinne. Bei der Begrüßung im Garten des Schlosses Bellevue formulierte er höflich und diplomatisch, dabei aber doch deutlich Kritik an der Reformunwilligkeit der katholischen Kirche. Bei der Rede des Papstes im Bundestag saß er staunend daneben, und aus seinem Gesichtsausdruck war der deutliche Wunsch abzulesen, wenigstens einmal im Leben auch so gut reden zu können wie der alte Mann am Pult. Und später dann, bei der Messe im Berliner Olympiastadion, musste Wulff, der geschiedene Katholik, bedröppelt am Rand sitzen bleiben, weil er als in Sünde Lebender von der Abendmahlsfeier ausgeschlossen war.

Von Gott an diese Stelle geschickt

Die katholischste Person, die dem Autor dieser Zeilen bekannt ist, war dem Massenspektakel übrigens ferngeblieben. Sie ist eine Erzieherin in einer staatlichen Kindertagesstätte in Kreuzberg, nur wenige hundert Meter entfernt von der päpstlichen Nuntiatur, wo Benedikt später nächtigen sollte. Ausgerechnet an diesem Abend waren hier Elternabende angesetzt, so lange musste jemand auf die Kinder aufpassen. Und weil das ihr Beruf ist und ihre Berufung, und weil sie, wie sie glaubt, von Gott an genau diese Stelle geschickt worden ist, um sich um Kinder zu kümmern, hat sie eben genau das getan. Und dafür auf den Live-Anblick des kleinen Mannes mit dem lustigen Hut verzichtet.

Sie wird sich niemals mit dem Pontifex fotografieren lassen können, wird in keiner Talkshow sitzen und käme nicht im Traum auf die Idee, andere Menschen mit ihren religiösen Ansichten zu belästigen. Wahrer Glaube hat das Brimborium, das um den Papst-Besuch gemacht wird, offenbar nicht nötig. Und das ist ein wahrer Segen.

Von Stefan Kuzmany erscheint im November 2011 das Buch "Das können Sie glauben! Die großen Religionen dieser Welt im Selbstversuch", Fischer-Taschenbuch, 256 Seiten, 9,99 Euro

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Seite 1
t.o`malley 23.09.2011
1. Welche Verbitterung...
Zitat von sysopDie katholische Kirche ist für die deutsche Gesellschaft eigentlich egal, der Besuch ihres Chefs grandios überbewertet. Trotzdem*kann man mit dem Papst auch als Nicht-Katholik Spaß haben: bei einer klugen Rede, einer beflissenen*Linken - und einem erfrischend durchschnittlichen Bundespräsidenten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,787990,00.html
Der Autor tut mir leid. Wer auf den freudigen Anlass so unendlich vieler Menschen im Lande mit einem solch pathologischen Ausmaß an Mißgunst, Häme, Spott und Verunglimpfung reagiert, muss ein sehr armer, verlassener und trauriger Mensch sein. Ich will nicht sagen, daß man einen solchen Hintergrund als typisch links bezeichnen sollte, allerdings sind derartige Verhaltensauffälligkeiten gehäuft in diesem Teil des Spektrums anzutreffen. Womöglich hilft es, diese depressiven Menschen einfach mal in den Arm zu nehmen, um die dunklen Wolken über ihren Gemütern zu vertreiben. Der Besuch des Heiligen Vaters ist eine Würdigung Deutschlands und ein Zeitabschnitt der höchsten Freude für die hiesige Christenheit. Ich bin übrigens Agnostiker.
081172 23.09.2011
2. Kein Titel
Hoffe, dem Herrn Kuzmany geht's jetzt wenigstens besser, nachdem er sich endlich mal so richtig auskotzen konnte. Er wird's zwar nicht gerne hören oder lesen, aber die katholische Kirche wird wahrscheinlich das meiste überdauern, woran er so glaubt - ein Blick in die lange Geschichte genügt.
toskana2 23.09.2011
3. heerrlich!
Zitat von sysopDie katholische Kirche ist für die deutsche Gesellschaft eigentlich egal, der Besuch ihres Chefs grandios überbewertet. Trotzdem*kann man mit dem Papst auch als Nicht-Katholik Spaß haben: bei einer klugen Rede, einer beflissenen*Linken - und einem erfrischend durchschnittlichen Bundespräsidenten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,787990,00.html
" Ein Bundespräsident, der "erfrischend durchschnitlich" sei! Heerrlich und zutreffend geschildert! Nicht minder zutreffend der Rüffel gegen Ströbele: "... ein besonders Aurechter, der sich inszeniert", Respekt vor der Brillanz des Sprachausdrucks, der obendrauf die Sache trifft! Danke Stefan!
steuerzahlerin 23.09.2011
4. ...
Ich als Nichtkatholikin frage nochmals nach: darf man als Geschiedener tatsächlich nicht am Abendmahl teilnehmen? da fällt mir doch Jesus ein der sagte: wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Und ist nicht der Papst der Vertreter Jesus Christus auf Erden? Ich glaube nicht, dass Jesus einem geschiedenen Menschen verbieten würde, am Abendmahl teilzunehmen. Mich wundert der Abfall der Menschen von den Kirchen daher nicht. Wenn man Menschen ausgrenzt aus einer kirchlichen Gemeinschaft, weil sie Sünder sind, gäbe es keine Gemeinden. Wir sind alle Sünder. Niemand ist ohne Sünde. Jeder auf seine Art und Weise. Und der Papst bzw. die kath. Kirche versündigt sich, wenn sie Menschen ausschließt, mit der Begründung, weil sie Sünder sind.
Koltschak 23.09.2011
5. "Es gibt viele gute Gründe, die katholische Kirche abzulehnen"
"Trotzdem*kann man mit dem Papst auch als Nicht-Katholik Spaß haben"....! Na geht doch. Aber ich möchte nur ein einziges Mal all die Linken, Grünen und SpOn-Journalisten so verbissen gegen den Islam und für die Grundwerte dieser Republik: Freiheit, Gleichheit, Toleranz einstehen sehen. Wenn ein Herr Gül sagt, Deutschland verletzt die Menschenrechte, weil es von Familienzusammenziehenden eine Grundkenntnis von einigen Worten deutsch verlangt. Wer hat diesen Mann(?) zurechtgewiesen? Papastbashing ist ja so angesagt und so einfach. Da passiert dann nix! Aber wenn ein türkischer MP dummes Zeug redet und versucht die deutsche Politk in eine Richtung zu drängen und Aussagen trifft, die unverschämt sind: SpoN schweigt und viel schlimmer, alle die, die zu meiner Zeit noch die Verteidiger von Freiheit und Demokratie waren, ebenso. "den Mangel an Gleichberechtigung für Frauen..." Jou, beim Papst hauen wir da gerne mal rein. Dass fünf mal mehr muslimische frauen in Deutschland "Selbstmord" begehen. Ach ist doch nur der Islam. Der Böse ist ausgemacht: "Habemus Bösum: Kardinalem Josef Ratzinger!" Wird von den Terrassen vieler Medien gerufen! Aber zum Glück kann man mit diesem wirklich Bösen wenigstens noch Spaß haben. Den kennt eine andere Religion nun wirklich nicht. Wer nicht über sich selbst lachen kann, ist arm dran. P.S.: Es ist schön, dass wenigstens beim Papstbashing nicht so viele Beiträge gelöscht und zensiert werden. Wie offen sind wir heute wieder! Einen schönen Tag noch!
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