Sibylle Berg

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Hallo, guten Tag, ich bin der Humor

Freiheit kommt mit dem Lachen: Wer die Albernheit allen Seins erst einmal erkannt hat, der findet das Leben nur noch komisch. Das Leben ist ein Spaß.

Hartnäckig hält sich der seltsame Neunzigerjahre-Begriff der Spaßgesellschaft. Wer hat dieses Wort nur erfunden, und was wäre das Gegenteil? Trauergesellschaft? Unter Spaßgesellschaft versteht man verschwommen: Junge Menschen, denen jeder Ernst abgeht. Die Partyyy machen. Mit mehreren Ypsilons. Spaß erzeugt das nur bedingt.

Erinnern Sie sich, liebe Opernbesucher, erinnern Sie sich ans Sehr-jung-Sein? Erinnern Sie sich nicht nur an die wenigen Momente im Sommer, im Bad, nachts, über den Zaun geklettert, sondern denken Sie an das Ausgeliefertsein, den kleinen Verstand, das große Wollen, das riesige Nicht-wissen-Wie. Der Liebeskummer war das Ende des Lebens, die Angst vor dem Erwachsensein riesig und das Leben unendlich.

Leider. Denn Unendlichkeit birgt keinen Trost. Es macht nur das Leiden ewig. Immer wartete man als junger Mensch. Darauf, dass die Liebe kommt, die Einsicht oder der versprochene Spaß. Der kommt selten. Wie Glück in kleinen Dosen, ab und zu. Unerwartet. Und dann ist er wieder weg. Aber wie alle Serotoninfluten im Hirn, will man mehr davon. Und säuft, und hat Sex, aber Spaß macht es auch nur bedingt.

Denn auf den Rausch folgt wieder das Ratlossein. Irgendwann, meist über Nacht, wird man älter und erkennt. Man erkennt Das-sich-wichtig-Nehmen, das Zentrum-der-Welt-Sein, das Streben nach Macht und Ruhm, die Selbstoptimierung und die Verbesserung des Status als das was es ist: Quatsch. Eine Fehlleistung des menschlichen Gehirns, für die Evolution wichtig, für den einzelnen Humbug. Da sitzt man in seiner Optimierung und zählt die Geburtstage, bis alles vorbei ist, und die Sinnlosigkeit weht durch die geöffneten bodentiefen Fenster, der Damast bläht sich. Und das war es also, fragt man sich, wenn man gescheit ist.

Spaß kann einen retten

Das war also, was möglich ist. Ein bisschen Damast und ein Auto vor dem Schuppen, Schuppen in den Haaren. Und der Körper. Vergiss den Körper, er ist nicht wichtig. Alle bejaulen den Verfall des Fleisches, aber was doch wirklich zählt im Älterwerden, ist der Verfall der Hoffnung. Auf Wunder wartet man nicht mehr, auf Liebe oder Glück, oder dass man als einzige nicht älter wird, unsterblich ist, darauf wartet man nicht mehr, und wenn das passiert, ist die Krise da, von der man angenommen hatte, sie erwischt nur die anderen, wie auch der Tod nur Fremde holt.

Die Krise dauert unendlich an. Sie besteht aus Seufzen, Wiederholung und: Oh, ist schon wieder Herbst? Sie besteht aus Freunden, die sterben, und jungen Menschen, die in der Tram aufstehen, sie besteht aus Weinenwollen oder Schreien, weil man die Sterblichkeit verstanden hat, aber nicht sterblich sein will, weil es doch gerade erst angefangen hat, Spaß zu machen.

Spaß. Der kann einen retten. Die große Freiheit Humor. Die mit Glück eines morgens neben dem Bett steht. Hallo, guten Tag, ich bin der Humor, jetzt schauen Sie sich nur einmal die anderen an. Wie sie rennen, die Backenknochen mahlend, wie sie sich stoßen, sich aus dem Fenster werfen, wenn der Aktienkurs flöten ist. Sind sie nicht drollig? Die anderen? Wenn man die Albernheit des Seins erkannt hat, wenn alles egal scheint, kann man sich, die physiologische Disposition vorausgesetzt, auch einfach dafür entscheiden, alles sehr, sehr komisch zu finden. Das Leben ist ein Spaß. Solange bis das nächste Stadium einsetzt: das Sterben. Aber dazu ein anderes Mal.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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