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SPIEGEL-Leserkonferenz "Es gibt auch ein Dazwischen"

Wie viel Haltung erwarten Sie vom SPIEGEL und wie viel Neutralität? Welche Themen vermissen Sie? Das wollte die SPIEGEL-Redaktion von ihren Lesern wissen. Und lud deshalb zur Leserkonferenz nach Hamburg.

Am 24. Februar erschien im SPIEGEL unter der Überschrift "Die Wut der klugen Köpfe" ein Report, der die wachsende Entfremdung gebildeter Leser von den deutschen Medien beschrieb. Warum, so wollten wir wissen, sind die Zweifel an der journalistischen Redlichkeit so weit in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen? Was haben Medien dabei falsch gemacht, auch der SPIEGEL? (Hier können Sie den Report lesen.)

Zwei Leser kamen in dem Text ausführlich zu Wort: Artus Krohn-Grimberghe, Junior-Professor an der Universität Paderborn. Er findet es "widerlich, dass ich ständig belehrt werde, was ich zu denken habe". Und Hartmut Richter, der nach 26 Jahren aufgehört hat, den SPIEGEL regelmäßig zu lesen, unter anderem, weil er meint, dass die Redakteure von der Lebensrealität der Bürger zu weit entfernt und der Politik zu nahe seien.

Was die beiden berichteten, sprach offenbar vielen Lesern aus der Seele. Am Ende des Textes baten wir unsere Leser, uns zu schreiben: Was sie vom SPIEGEL, von SPIEGEL ONLINE und den deutschen Medien halten, was sie ärgert und was sie sich wünschen. Rund 2500 Leser haben geantwortet.

Über ihre Kritik und ihre Vorschläge diskutiert die Redaktion seitdem intern, doch dabei sollte es nicht bleiben. Um mit unseren Lesern ins Gespräch zu kommen und genauer zu ergründen, was sie vom SPIEGEL erwarten, lud die Redaktion am Freitag zur Leserkonferenz ins SPIEGEL-Haus in Hamburg. Die gut 200 Plätze für die Konferenz waren binnen weniger Tage vergeben.

In drei Workshops wurde über Themen diskutiert, die den Lesern besonders am Herzen lagen:

  • Die Nähe von Journalisten zum Berliner Politikbetrieb und die Frage, ob große Medien wie der SPIEGEL und andere die Lebensrealität der Menschen in Deutschland ausreichend in den Blick nehmen oder in einer großstädtischen, liberalen Blase leben.
  • Die Frage, wodurch sich Leser bevormundet fühlen - wie viel Haltung erwarten sie vom SPIEGEL und wie viel Neutralität?
  • Wir wollten wissen, welche Themen die Leser in der Berichterstattung vermissen, welcher sie überdrüssig sind.

Die Diskussionen kreisten um die großen Fragen unserer Zeit: Wie umgehen mit Donald Trump? Viele Leser empfinden die Berichterstattung über den US-Präsidenten als "ausufernd" . Zudem fehlten einer Leserin oftmals die Zusammenhänge: "Wenn man die kennt, ist die Wahl Trumps keine Überraschung."

Bei Russland und China wünschten sich die Leser mehr Einblicke in den Lebensalltag der Menschen, die Redakteure fokussierten sich zu stark auf außen- und sicherheitspolitische Aspekte. "Russland scheint nur aus Putin und den paar Oppositionellen zu bestehen, die man kennt", monierte eine Leserin. Aber was bewegt die Russen? Was tut sich in dem Land?

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SPIEGEL-Leserkonferenz: "Ich will wissen, was die Menschen denken"

Foto: Isabela Pacini

Grundsätzlich bemängelten einige Leser, der SPIEGEL kenne "nur Lieblingsfreunde und Lieblingsfeinde" - bei den Freunden werde vor allem das Gute gesehen, bei den Feinden das Schlechte.

Leser wünschten sich eine differenziertere Berichterstattung auch im Inland: "Ich habe den Eindruck, die Meinungen bewegen sich nur zwischen Pro Asyl auf der einen und Pegida auf der anderen Seite - aber es gibt auch ein Dazwischen", sagte ein Teilnehmer. Provinz werde zu häufig von oben herab betrachtet, die Perspektive sei oft zu großstädtisch geprägt.

Einige Leser regten an, nicht nur die Gegenwart zu beschreiben und zu analysieren, sondern mehr als bislang Antworten zu suchen auf die Frage: "Wie wollen wir morgen leben?"

Nach den intensiven und durchaus kontroversen Diskussionen stellten Redakteure und Leser die Ergebnisse vor.

Die Redaktion wird nun in den kommenden Wochen zusammenfassen, was die Leser ihr mit auf den Weg gegeben haben.

"Wir müssen nicht nur wissen, über wen wir schreiben, sondern auch für wen", sagte Barbara Hans, Chefredakteurin von SPIEGEL ONLINE.

SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer: "Das war nicht das Ende der Diskussion. Wir wollen den Dialog mit unseren Lesern fortführen."

Leser und Redakteure im Atrium des SPIEGEL-Gebäudes

Leser und Redakteure im Atrium des SPIEGEL-Gebäudes

Foto: Isabela Pacini
ih/bim
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