SPIEGEL-Live-Gespräch Plaudern über Gott und die Welt

GroKo-Ärger, Merkels Nachfolge und der Umgang mit der AfD: Beim SPIEGEL-Live-Gespräch im Spiegelsaal diskutierten Christiane Hoffmann, Jan Fleischhauer und Harald Schmidt - und das sehr unterhaltsam.

Jan Fleischauer (l.) und Harald Schmidt
Gordon Welters

Jan Fleischauer (l.) und Harald Schmidt

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Es ging nur um die ganz großen Sachen: Zerbricht die Koalition, wer beerbt Angela Merkel und warum trägt Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen so eine unvorteilhafte Goldbrille? Ein älterer Herr jongliert sein Bierglas in der einen Hand und seine Kleinbildkamera in der anderen. Er macht hunderte Bilder, vor allem von einer Person auf der Bühne: Harald Schmidt.

Der Show-Gigant und SPIEGEL-Videokolumnist, angereist im gewohnten Bühnenoutfit mit Krawatte ("Damit provoziert man ja heute schon") und Falke-Kniestrümpfen ("In Wien gekauft"), versucht seine Rolle gleich zu Beginn festzulegen: "Inhaltlich ist das nicht so mein Ding, ich komme ja eher von der Oberfläche her." Dass das nur eine oberflächliche Beschreibung seiner politischen Analysefähigkeiten ist, zeigt er anderthalb Stunden lang pointenreich.

Und so trägt der SPIEGEL-Live-Abend im - Vorsicht, kein Wortspiel sondern der Name des Veranstaltungsortes - Spiegelsaal in Berlin-Mitte durchaus auch zur Erhellung bei. Schmidt gibt nebenbei einen Einblick in die Qualitäten eines echten Unterhalters. Aktives Zuhören heißt für ihn nicht nur nicken sondern vor allem auch nicht die erstbeste Gesprächspause dafür zu nutzen, eigene Gedanken rauszuschleudern - er redet nur dann, wenn er gefragt wird.

Platzen der Jamaika-Koalition im Fokus

Zunächst macht sich das Experten-Trio, unter der Moderation von SPIEGEL-TV-Journalistin Christina Pohl, an einen kleinen Rückblick und kümmert sich dabei vor allem um das Platzen der Jamaika-Koalition. Für Christiane Hoffmann, SPIEGEL-Hauptstadtbüroleiterin, hatte die Absage von Christian Lindner "Game of Thrones"-Qualitäten.Jan Fleischhauer, der auf der Bühne erstaunlicherweise links außen sitzt, bekennt sich in Sachen Lindner als befangen. "Ich bin der einzige SPIEGEL-Redakteur der offen bekannt hat, FDP zu wählen", sagt er. Durch die ausverkauften Sitzreihen brandet Lachen.

Schnell kommt er auf das Hier und Jetzt und damit zu den Problemen zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer. Fleischhauer analysiert nüchtern: "Die haben eben ein verkorkstes Verhältnis, die beiden." An eine Paartherapie glaubt er nicht und zitiert passenderweise sein Buch über die eigene Scheidung: "Alles ist besser als noch ein Tag mit dir."

Für die mögliche Entlassung von "Terroristen-Jäger" ("Bild") Maaßen hat Harald Schmidt eine ziemlich simple Erklärung: "Das passt jetzt gerade rein". Es gehe nicht ums Video, es gehe nicht um Sachfragen. Dann stellt er die Frage: Interessiert die Debatte um Maaßen die Wähler? Kennen die ihn überhaupt? "Gehen Sie mal raus und fragen die Leute: Wer ist Maaßen? Die werden sagen: Das ist der Kleine von Natalia Wörner." Brillenträger Schmidt bekennt, er stelle sich stets eine Frage, wenn er Maaßen in den Medien sehe: "Was ist das für eine Brille? Die ist doch zu klein." Der Optiker traue sich wohl nicht zu widersprechen. "Sonst ist er weg."

Moderatorin Christina Pohl fragt in die Runde: Wie mit der AfD umgehen? SPIEGEL-Politikjournalistin Hoffmann erlebt "große Ratlosigkeit" im politischen Berlin. "Ich verstehe, dass man Zeit und Überlegung braucht um herauszufinden, was der richtige Umgang ist", sagt sie.

Fleischhauer erzählt die Anekdote, wie er auf Alice Weidel bei einer Talkshow traf. Eingeladen war neben den beiden auch Bundesjustizminister Heiko Maas. Weidel habe ein abschließbares Zimmer verlangt, um ihre Tasche zu schützen. Schließlich sei der Justizminister da.

Gefühle schlagen noch jede Statistik

"In der Politik sind Emotionen Fakten", zitiert Schmidt den verstorbenen CDU-Politiker Heiner Geißler. Man könne schwer argumentieren, dass sich die Kriminalitätsstatistik verbessere. "Wenn die Leute das Gefühl haben, ab 18 Uhr haben sie in der S-Bahn eine Knarre am Kopf, kommt man dagegen mit keiner Statistik an." Es stürzten den ganzen Tag Ängste auf die Wähler ein: "Jobangst, Familienprobleme, Internet, werde ich nächste Woche von einem Roboter ersetzt?". Das kanalisiere sich in einem diffusen Gefühl.

Schmidt beobachte, dass die Menschen unverhohlener ihre wahre Meinung sagen würden. Früher hätten sie das noch mit dem Satz "Ich bin kein Nazi, aber…" eingeleitet. Das ließen sie heute oft weg. "Ich habe mir schon mal überlegt, ob ich mir mal den Scherz erlaube zu sagen, 'Ich bin zwar Nazi, aber…". Die Pointe sitzt.

Ernster wird es, als es um die Zukunft von Angela Merkel geht. Dass ausgerechnet ein so langweiliger Satz wie "Wir schaffen das" zu Merkels Signet geworden ist, findet Fleischhauer passend. Schmidt bewundert jeden Menschen, der sich das Berufspolitikertum antut. "Allein die Begegnung mit dem Wähler. Das muss man alles wollen."

Plädoyer für Amtszeitbegrenzung

Doch wer folgt auf Merkel? Christiane Hoffmann geht davon, dass die Bundeskanzlerin nicht direkt vor der Ablösung steht, doch die Tendenz sei klar. "Die große Koalition steht im Zeichen zweier Menschen, die verpasst haben zu gehen. Sowohl Merkel als auch Seehofer spüren das und ringen damit." Sie komme mehr und mehr zu der Erkenntnis, dass es eine Amtszeitbegrenzung geben müsse.

Das System, sagt Harald Schmidt, sei so stark, dass quasi jeder ins Amt reinwachsen könne. Insofern sei der Kopf fast egal. Jan Fleischhauer meint: "Ich glaube, dass der Traum von Angela Merkel ist, länger zu regieren, als Helmut Kohl." Das würde heißen, dass sie mindestens noch drei Amtsjahre durchhalten müsste.

Als ein Oberstleutnant aus dem Publikum fragt, welche Rolle "meine Chefin Ursula von der Leyen" zukünftig spielen könnte, drehte Schmidt den Spieß um und befragte den Gast. Die letzte Frage an den wohl bekanntesten deutschen Conferencier: Warum würde er nicht "wie Dieter Bohlen" bei Instagram oder anderen sozialen Selbstdarstellungsmedien sein?

Schmidt antwortet schnell. Im ländlichen Raum käme die Sache mit SPIEGEL+ besser an - er könne sich dort nun als SPIEGEL-Journalist bezeichnen. "Die drei- bis vierstündigen Monologe auf Familienfeiern beginne ich jetzt mit dem Satz 'Ich als SPIEGEL-Reporter'." Er sei bei keinem sozialen Netzwerk vertreten. "Da trete ich in Konkurrenz zu Uschi und Muschi, die Pudel föhnen und vier Millionen Follower haben. Das ist wie ein DAX-Vorstand, der ohne Krawatte auftritt und glaubt, er habe das Silicon Valley kapiert."



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