Spielzeug-Neuheiten Hilfe, Barbie ist schwanger!

Auf der Spielwarenmesse in Nürnberg diskutieren Männer in Anzügen über die Innovation von Plüschmonstern. Zwar geht der Trend in diesem Jahr eher in Richtung altbewährter Ideen, ein paar Überraschungen gab es aber doch: das Siedler-Buch, das Schröder-Spiel und die Puppe mit dem dicken Bauch.

Von David Frogier de Ponlevoy


Mattel-Puppe Midge: Barbies schwangere Freundin
David Frogier de Ponlevoy

Mattel-Puppe Midge: Barbies schwangere Freundin

Ein Gerücht ging um auf der Spielwarenmesse. Barbie schwanger? Hat sie etwa doch endlich mit Ken...? Also vorbei an Spielen, Holzfiguren und buntem Plastik auf der Suche nach der Puppe in Umstandskleidern. Am Stand der Barbie-Firma Mattel die Entwarnung: Barbie ist so rank und schlank wie immer - den dicken Bauch trägt hingegen ihre neue Freundin: "Midge". Der Bauch ist übrigens abnehmbar und bietet genug Platz für das kleine Plastik-Baby. Dazu verkündet der beiliegende Prospekt in ernstem Ton: Die neue "Happy Family" sei "ein innovatives Spielkonzept" mit dem "in Rollenspielen Familiensituationen nachgespielt werden können." Hätten wir als Kinder doch nur geahnt, dass unsere frühen Vater-Mutter-Kind-Spiele "innovativ" sind - wir hätten Millionen verdienen können. Auf Nachfrage gibt Mattel zur Auskunft, dass Sex für Barbie natürlich tabu sei. In der Wohlfühl-Familie wird sie deshalb auf die Rolle der Kinderärztin reduziert.

Spielzeug ist ein knallhartes Geschäft

Es hat schon etwas Skurriles, Männer in Anzügen und Krawatten über Schaukelpferde und Plüschmonster diskutieren zu sehen und von "Innovationen" und "schwieriger Weltwirtschaftslage" reden zu hören. Zwischen den lächelnden Puppen und dem bunten Plastikkram wird schnell klar: Spielzeug ist ein knallhartes Geschäft und will ansprechend verkauft werden. Die Zahlen des vergangenen Jahres sind jedoch eher durchwachsen. Der Markt stagniert, bei Spielen und Puzzles brachen die Gewinne sogar um 11 Prozent ein; lediglich im Bereich Kinderspielzeug gab's noch Zuwachsraten. "Die Deutschen sparen - aber bei ihren Kindern sparen sie zum Glück zuletzt", erklären unisono die Vertreter der Spielzeugverlage.

Was früher Ritterburg hieß, ist jetzt "Helm's Klamm": "Herr der Ringe"-Spielwelt inklusive "Ringgeister"

Was früher Ritterburg hieß, ist jetzt "Helm's Klamm": "Herr der Ringe"-Spielwelt inklusive "Ringgeister"

Die Firmen reagieren mit einer verstärkten Hinwendung zum Traditionellen: Vom Markt verschwundene Marken wie "Mein Kleines Pony" und sogar der alte martialische Plastik-Muskelprotz "He-Man" werden 2003 in die Läden zurückkehren. Denn, so wissen die Marketing-Strategen: "Die Fans von damals sind die Väter von heute." So etwas fördert natürlich den Verkauf.

Auf der Suche nach neuen Käuferschichten ist auch der Kosmos-Verlag mit seinen "Siedlern von Catan". Nachdem man doch eigentlich annehmen könnte, dass bei drei Millionen verkauften Schachteln mit dem Catan-Logo (sechs Millionen wenn man alle Ergänzungsspiele mit einrechnet) jeder deutsche Haushalt gesättigt ist, kommt jetzt eine Neuauflage, in der die Holzteile durch detailreiche Plastikminiaturen ersetzt wurden. Die sollen vor allem jüngere Spieler ansprechen - damit auch in zehn Jahren noch jeder Deutsche fleißig "siedelt". Asl zusätzliche Absicherung gibt es noch ein "Kinder-Catan" für die Zielgruppe ab vier Jahren. Und schließlich erscheint im Herbst sogar noch ein historischer Roman zum Spiel von der Autorin Rebecca Gablé. Ungeahnte Möglichkeiten eröffnen sich da! Vielleicht anschließend wieder ein "Spiel zum Buch"? Oder gar ein "Film zum Buch" mit "Spiel zum Film"? Damit hat Kosmos ja bereits Erfahrung: Die Spiele rund um den "Herrn der Ringe" sind zum festen finanziellen Standbein des Verlags geworden.

Viele bunte Plastik-Kleinteile

Schröder-Bashing auf dem Brett: Gesellschaftsspiel "Pleitegeier"
David Frogier de Ponlevoy

Schröder-Bashing auf dem Brett: Gesellschaftsspiel "Pleitegeier"

Wirklich Innovatives, sprich Einfallsreiches, sucht man aber vergebens in der Spiele-Welt 2003. Ravensburger präsentiert mit großem Trara eine "einzigartige Spieldimension", nämlich ein Brettspiel mit eingebautem Computer, der auf die Züge der Spieler reagiert und das Geschehen steuert. Aber auch die Verbindung Computer und Brettspiel ist aber nicht wirklich neu. Auf der Suche nach dem großen Coup sind auch jedes Jahr die Spielzeugriesen Hasbro und Mattel. Für sie heißt das Wort vor allem: Eine Idee, die Kinder dazu bringt, von der Sammel-Leidenschaft gepackt zu werden. Die Hoffnungen ruhen dabei diesmal auf Namen wie "NakNak", "ProJaX" oder "Ello". Alle drei Produkte haben gemeinsam, dass sie aus vielen bunten Plastik-Kleinteilen bestehen, um die im Kinderzimmer oder auf dem Schulhof gewetteifert werden soll - und die in allen Varianten, Farben und Formen nachgekauft werden können.

"Spielzeug übt auf alle Altersgruppen eine besondere Faszination aus - und daran wird sich zum Glück nie etwas ändern", verkündete bei der Eröffnung der Messe Bundespräsident Johannes Rau. Leider konnte er auf Grund seines geprellten Knies nicht bis in die Halle der Modelleisenbahn laufen, und sich dort vom tiefen Wahrheitsgehalt seiner Worte überzeugen: Dort schlurfen faszinierte "Väter" mit Kameras und dicken Prospekten an den Glaskästen mit Zügen vorbei und starren gebannt auf die ratternden Züge. "Den hab ich noch nicht!", ruft einer, greift nach seiner Kamera und schießt schnell ein Foto.

Tanzende Schröder-Puppe: Stoiber und Rau den Rang abgelaufen
DDP

Tanzende Schröder-Puppe: Stoiber und Rau den Rang abgelaufen

Der heimliche Polit-Star der Messe war im übrigen nicht Präsident Rau und auch nicht das Besucher-Ehepaar Stoiber. Obwohl die "Nürnberger Zeitung", die zu Messe-Zeiten regelmäßig zur Spielzeitung mutiert und täglich vier Seiten lang über Spielzeug berichtet, ihren Lesern die sensationelle Mitteilung präsentieren konnte, dass Karin Stoiber "ihre Schildkröt-Puppe noch aus Kindertagen" besitzt. Nein, zum ultimativen Spielwaren-Guru wurde diesmal Gerhard Schröder - indem er selbst zum Spielzeug wurde. Neben diversen tanzenden Schröder-Puppen gab es den Bundeskanzler auch auf Spieleschachteln: "Pleitegeier" heißt das Spiel aus dem Verlag "Spiel und Spaß", dessen Ziel es ist, möglichst viel Geld zu raffen. Aber Vorsicht! Taucht eine Schröder-Karte auf, muss der Spieler mit dem meisten Geld blechen. Auch Ex-Bundeskanzler Kohl ist übrigens im Spiel versteckt: Sein karikiertes Konterfei prangt auf den Kärtchen mit der Aufschrift "Geld aus unbekannten Quellen".

"Mit Krieg hat die ganze Sache überhaupt nichts zu tun"

Wo die Politik präsent ist, fehlt auch der Krieg nicht. Ein wenig seltsam mutet es allerdings in diesen Tagen dann doch an, wenn eine kleine asiatische No-Name-Firma stolz die original nachgebildeten Plastik-Puppen der "G.I.-Home Defence" präsentiert. Die zweifelnde Nachfrage, ob sich solches Spielzeug zurzeit denn gut verkaufe, versteht der Verkäufer offensichtlich nicht: Lächelnd antwortet er, dass es in den USA in der Tat reißenden Absatz finden würde. Vielleicht ist ihm einfach nicht aufgefallen, dass die Messe in "Old Europe" stattfindet. Bei der deutschen US-Tochter von Hasbro wird man hingegen auffallend schnell durch die Abteilung mit den Kampfflugzeugen von "G.I. Joe" durchgeführt. Nein, der Verkauf in Deutschland laufe zur Zeit nicht so gut, heißt es. "Da achten schon die Eltern drauf."

Dschungel-Spiel "Squad Seven" am Jumbo-Stand: "Mit Krieg hat das nichts zu tun"
David Frogier de Ponlevoy

Dschungel-Spiel "Squad Seven" am Jumbo-Stand: "Mit Krieg hat das nichts zu tun"

Die Niederländer von Jumbo verstecken ihren armeefarbenen Messestand von "Squad Seven" dagegen nicht - im Gegenteil. Ein großer Dschungel-Jeep steht da, und zwischen der Urwald-Deko spielen vier Mädchen in Tarnkleidung ununterbrochen das neue Spiel, bei dem es vor allem darum geht, Karten auszulegen und dabei auf die Geräuschkulisse mit Urwaldstimmen zu achten. Die wird von Zeit zu Zeit von etwas unterbrochen, was so klingt, als habe jemand die Würstchen vom Imbissstand nebenan nicht vertragen. In Wirklichkeit bedeutet das "Uärrgh" aber, dass eben ein Mitglied der Dschungel-Mission einer Dschungel-Gefahr zum Opfer gefallen ist, woraufhin die Mitspielerin am Zug so schnell wie möglich aufspringen und mit der bereitliegenden Plastik-Pistole auf eine an der Wand hängende Karte schießen muss.

"Nein, mit Krieg hat die ganze Sache überhaupt nichts zu tun", heißt es bei Jumbo. Und unwillkürlich fällt einem Barbie ein, die nicht schwanger ist, denn Barbie und Sex, das passt einfach nicht zusammen, und man fragt sich, ob sich die ganze bunte Spielwarenwelt nicht vehement selbst betrügt. Am Ende ist der Besucher jedenfalls um einige Farbkataloge reicher und um einige Illusionen ärmer.



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