Sprache "Humankapital" ist Unwort des Jahres

Der Begriff "Humankapital" ist zum Unwort des Jahres gewählt worden. "Begrüßungszentrum" und "Luftverschmutzungsrechte" kamen auf die Plätze zwei und drei. Zu den Favoriten hatten auch "Mitnahme-Mentalität" und "Konsumverweigerung" gezählt.


Arbeiter bei Porsche: "Humankapital" am Industriestandort
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Arbeiter bei Porsche: "Humankapital" am Industriestandort

Frankfurt/Main - Die bei der Frankfurter Goethe-Universität angesiedelte unabhängige Jury hat am Vormittag ihre Entscheidung für das Unwort des Jahres bekannt gegeben. Mit dem Begriff "Humankapital" sei ein Begriff aus der Wirtschaftssprache gewählt worden, der sich auch in nichtfachlichen Bereichen ausgebreitet habe, sagte ein Jury-Sprecher.

Die Bezeichnung degradiere nicht nur Arbeitskräfte in Betrieben, sondern mache den Menschen allgemein zu einer nur noch ökonomisch interessanten Größe, erklärte die Jury. So werde die primär ökonomische Bewertung aller Lebensbezüge gefördert, die auch die aktuelle Politik immer stärker beeinflusse.

Schon 1998 hatten die Experten den Ausdruck als Umschreibung für die Aufzucht von Kindern gerügt. Aktueller Anlass sei nun die Aufnahme des Begriffes in eine offizielle Erklärung der Europäischen Union gewesen.

Als "Humankapital" werden in der Wirtschaftssprache die geistigen Fähigkeiten und handwerklichen Fertigkeiten sowie das Wissen und das Wesen von Personen definiert, die durch Ausbildungs- und Weiterbildungsmaßnahmen oder Erfahrung erworben werden kann. In strukturschwachen Regionen spricht man daher wegen der starken Abwanderung insbesondere jüngerer Arbeitskräfte von einem Verlust von "Humankapital". Wegen seiner kalten Fusion von Wirtschaft und Menschlichkeit erinnert das Wort stark an das von der Jury zum "Unwort des Jahrhunderts" erkorene "Menschenmaterial", das erstmals 1854 bei Theodor Fontane vorkam und später von Karl Marx im "Kapital" verwendet wurde, um den Kapitalismus anzuprangern.

An die zweite Stelle wählte die Jury den Begriff "Begrüßungszentrum", womit Bundesinnenminister Otto Schily sein geplantes Auffanglager für afrikanische Flüchtlinge bezeichnet hatte. "Diese Wortbildung ist kongenial zu dem offiziellen Namen 'Ausreisezentrum' für Abschiebehaftanstalten", sagte Schlosser. An dritter Stelle kritisierte die Jury "Luftverschmutzungsrechte". Das Wort sei nicht nur ein ökologisches Unding, sondern trage auch dazu bei, so genannte Treibhausgasemissionen für unbedenklich zu halten, weil der Handel mit ihnen rechtlich geregelt werde.

Zu den Favoriten unter den 1218 verschiedenen Vorschlägen hatten auch "Konsumverweigerung", "Armutsgewöhnungszuschlag" und "Bestandsausländer" gehört. Gute Chancen hatte auch die "Mitnahme-Mentalität", die aus der von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) angestoßenen Debatte über den Sozialstaat bekannt ist. Chancenreich war zudem die im Zusammenhang mit dem Prozess gegen den Frankfurter Polizeivize Wolfgang Daschner geprägte Formulierung "Rettungsfolter".

Bei der Unwort-Suche geht es um Wörter und Formulierungen aus der öffentlichen Sprache, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen. Am häufigsten wurde "Ein-Euro-Job" und "Hartz IV" vorgeschlagen. Aber nicht die Häufigkeit eines Vorschlags entscheidet, sondern ein "besonders krasses Missverhältnis von Wort und bezeichneter Sache". Die Zahl der eingegangenen Vorschläge lag mit insgesamt 2157 etwas niedriger als im Vorjahr. Damals war der Begriff "Tätervolk" zum Unwort gekürt worden, zuvor waren es "Ich-AG" (2002) und "Gotteskrieger" (2001).

Der Jury gehören vier Sprachwissenschaftler als ständige Mitglieder an. Zusätzlich beteiligen sich jedes Jahr zwei Schriftsteller, Publizisten oder Journalisten an der Entscheidung. Diesmal waren es der Vizepräsident der Sächsischen Akademie der Künste, Friedrich Dieckmann, und der Schriftsteller Volker Braun.



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