Sprachkritik "Alternativlos" ist das Unwort des Jahres

"Sparpaket", "Brückentechnologie" oder "Steuersünder" waren in der engeren Auswahl der Jury - am Ende aber schieden die Alternativen aus: "Alternativlos" wurde zum Unwort des Jahres 2010 gekürt, insbesondere wegen Angela Merkels Verwendung zur Begründung der Griechenlandhilfe.
Merkel mit dem griechischen Ministerpräsident Papandreou: Hilfe wirklich "alternativlos"?

Merkel mit dem griechischen Ministerpräsident Papandreou: Hilfe wirklich "alternativlos"?

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Frankfurt/Hamburg - Schon im August 2009 kritisierte der Politologe Herfried Münkler im SPIEGEL-Interview die Kommunikation der Bundesregierung: "Dauernd heißt es, irgendetwas sei 'alternativlos'", merkte der Wissenschaftler an: "Das ist mir zu technokratisch, und außerdem glaube ich es auch nicht." Doch Angela Merkel nahm sich die Kritik nicht zu Herzen und bezeichnete im März 2010 die finanzielle Hilfe für Griechenland erneut als "alternativlos".

Dies hat der Kanzlerin nun den Ruf eingebracht, Verbreiterin des Unworts des Jahres 2010 zu sein. Dazu wurde "alternativlos" von einer Jury von Sprachkritikern gekürt. "Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe", sagte der Sprecher der Unwort-Jury, Horst Dieter Schlosser, am Dienstag in Frankfurt. "Behauptungen dieser Art sind 2010 zu oft aufgestellt worden, sie drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken."

Mit dem Begriff "alternativlos" waren auch die Gesundheitsreform, das Bahnprojekt Stuttgart 21 und andere politische Entscheidungen gerechtfertigt worden. "Das ist das "Basta" der Merkel-Regierung", sagt der emeritierte Literatur-Professor Schlosser. Hessens Ex-Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hatte mit dem Begriff "alternativlos" unter anderem den umstrittenen Ausbau des Frankfurter Flughafens begründet. Er verteidigte damit aber auch Merkels moderierenden Führungsstil gegen Kritik aus den eigenen Reihen.

Neben "alternativlos" hatten auch "Steuersünder" und "Schwarzsparer" als Begriffe für Bürger, die ihre Konten im Ausland vor dem Staat verstecken, zur engeren Auswahl gezählt. Auch die "Brückentechnologie" für die Atomkraft und das "Sparpaket" der Bundesregierung waren unter den Vorschlägen. Deren Zahl blieb beim 20. Unwort jedoch unter dem langjährigen Durchschnitt von 1.700 Einsendungen.

Zu den früheren Unwörtern des Jahres zählten " betriebsratverseucht", " notleidende Banken", " Herdprämie", " freiwillige Ausreise" und " Entlassungsproduktivität".

Zeitgleich wählten Makler, Wertpapierhändler und Analysten an der Börse Düsseldorf zum zehnten Mal ein Börsenunwort des Jahres. Für 2010 kürten sie "Euro-Rettungsschirm" - richtiger wäre gewesen, von einer Notkreditlinie auf Zeit für bis über die Ohren verschuldete Staaten zu sprechen, sagten die Börsianer am Dienstag in Düsseldorf.

Zum Wort des Jahres 2010 war bereits im Dezember der Begriff "Wutbürger" gewählt worden.

feb/dpa