Elisabeth Wehling

Sprechen über #MeToo Alle reden über Framing - so funktioniert es

Elisabeth Wehling
Von Elisabeth Wehling
Von Elisabeth Wehling
Welche Begriffe wir in der #MeToo-Debatte nutzen, bestimmt, wie viel Empathie wir den Opfern von Übergriffen entgegenbringen. Höchste Zeit, über unsere Sprache zu reden.
Demonstrantin 2016 in Köln

Demonstrantin 2016 in Köln

Foto: Oliver Berg/ dpa
Zur Person
Foto: privat

Elisabeth Wehling, Jahrgang 1981, promovierte in Linguistik. Sie arbeitet heute an der University of California, Berkeley. Ihr Schwerpunkt liegt auf politischer Werte-, Sprach- und Kognitionsforschung. Ihr Buch "Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht" erschien 2016.

Ein Jahr ist es her, dass die US-Schauspielerin Alyssa Milano twitterte: "Wenn Du sexuell belästigt oder angegriffen wurdest, antworte auf diesen Tweet mit 'ich auch'."

Noch am selben Tag erreichte die Debatte auch Deutschland - und wir diskutieren bis heute unter dem Eindruck von #MeToo über Alltagssexismus und sexuelle Gewalt. In dieser Debatte gibt es viele sprachliche Fallen - eine, die besonders gern übersehen wird und täglich zuschnappt, ist der Begriff "sexualisierte Gewalt".

Jedes Wort aktiviert einen Frame im Gehirn: einen Deutungsrahmen. Frames ermöglichen es dem Gehirn, Wörtern Sinn zu geben - indem sie unser gesammeltes Weltwissen, das, was wir in Zusammenhang mit einem Konzept erlebt und erfahren haben, aufrufen.

Ein Beispiel: Salz. Wenn Sie hier "Salz" lesen, dann aktiviert Ihr Gehirn nicht nur die Areale, die rein sprachlich dafür nötig sind, die Information "Salz" zu verarbeiten. Sondern alle neuronalen Schaltkreise. Den Geschmack. Die Farbe. Wie sich Salzkörner zwischen den Fingern anfühlen. Und einige sprachliche Assoziationen, die Sie problemlos benennen können, wie etwa "versalzene Suppe".

Ist ein Frame über Sprache aktiviert, prägt er unser Denken und Handeln. In Experimenten gelingt das besonders eindrücklich mit gehässiger Sprache: Spielt man Probanden über Kopfhörer die Wörter "schwul" oder "Schwuchtel" vor - nur für den Bruchteil einer Sekunde, so kurz, dass sie es unbewusst abspeichern, aber nicht bewusst verarbeiten -, dann wirkt sich das auf die Einstellungen aus: Probanden, die "schwul" gehört haben, sprechen sich danach stärker für den Schutz von Homosexuellen vor Diskriminierung aus als jene Probanden, die "Schwuchtel" gehört haben. In ihren Köpfen wurde ein anderer Frame aktiviert.

Neuronal völlig leer

Frames existieren aber nur insoweit, als unser Gehirn Erfahrungen und Erlebnisse zu einer Sache abgespeichert hat - die es dann wiederum aufrufen kann. Dazu gehören körperliche ("Salz!") und kulturell-sprachliche ("Schwuchtel!") Erfahrungen. Und das ist das große Problem mit dem Modebegriff "sexualisierte Gewalt". Denn dieser Begriff ist neuronal gesehen völlig leer. Wieso?

Problem Nummer eins: Das Adjektiv "sexualisiert" modifiziert das Substantiv "Gewalt". Im besten Fall bedeutet das, dass Gewalt "sexualisiert" wird, die ein Täter anderweitig nicht als sexuell empfindet. Semantisch etwas völlig anderes, als man sagen will, wenn man "sexualisierte Gewalt" sagt.

Viel bedenklicher ist noch: In diesem Frame gibt es keine gewaltsame Verletzung der sexuellen Unversehrtheit des Opfers. So, wie sich psychische Gewalt gegen die psychische Unversehrtheit richtet - und körperliche Gewalt gegen die körperliche Unversehrtheit. Kurzer Gegencheck: Wir sprechen auch nicht von "psychologisierter" oder von "verkörperlichter" Gewalt.

SPIEGEL TV zu #frauenland: Die Unbeugsamen - Deutschlands starke Frauen

SPIEGEL TV

Das zweite Problem mit dem Begriff ist sogar noch größer: Es gibt keinen Bezug zur alltäglichen Welterfahrung. Alles, was für uns in der Sexualität relevant und wichtig ist, speichern wir unter dem Adjektiv "sexuell" ab: sexuelle Freizügigkeit, sexuelle Befriedigung, sexuelle Selbstbestimmung, sexuelle Beziehungen - und so weiter.

Wenn wir also von "sexueller Gewalt" sprechen, dann hat unser Gehirn eine reelle Chance, die gelernten Assoziationen, Gefühle und Bedürfnisse der Sexualität als Referenz zu nutzen. Und damit nachzuempfinden, was es heißt oder heißen könnte, sexueller Gewalt ausgesetzt zu sein. Das Adjektiv "sexualisiert" hingegen spielt in unserem Alltag keine Rolle. Es ist nur lose bis gar nicht mit unserer Welterfahrung verflochten.

Reduzierte Empathie

Wie relevant diese direkte Welterfahrung aber für die moralische Bewertung und Empathie ist, zeigt die Kognitionsforschung - zum Beispiel folgende Studie, die Teilnehmer mit zwei Dilemmata konfrontiert: In Dilemma Nummer eins liegen fünf Menschen gefesselt auf einem Bahngleis. Ein Waggon rast heran und wird sie töten. Aber: Wenn man eine Weiche umstellt, kann man sie retten - stattdessen wird eine Person getötet, die unglücklicherweise auf dem Nachbargleis liegt. Die Teilnehmer entscheiden sich in der Regel für den Tausch. Nach dem Motto: "Ein Toter ist besser als fünf."

In Dilemma Nummer zwei liegen wieder fünf Menschen gefesselt auf einem Gleis, wieder rast ein Waggon auf sie zu. Die Rettung sieht aber anders aus: Man steht auf einer Brücke über dem Gleis und kann einen besonders großen und kräftigen Mann auf das Gleis stoßen - der dann stirbt, aber den Waggon dabei stoppen würde. Die Teilnehmer entscheiden sich in der Regel gegen diesen Tausch. Denn bei der Vorstellung, einen Menschen selbst in den sicheren Tod zu stoßen, kommt ihnen die Moral ins Gehege: Die Situation ist zu intim, zu nahe; die Empathie zu groß.

Es sei denn, das Experiment wird nicht in der Muttersprache der Teilnehmer durchgeführt. Sondern in einer Sprache, die sie zwar sprechen können - zu deren Begriffen sie aber weniger intime, direkte Erfahrungen abgespeichert haben als zu Begriffen in der Muttersprache. In diesem Fall sind die Probanden eher geneigt, den Mann auf das Gleis zu stoßen: Die abstraktere Sprache reduziert die Empathie.

Die "sexualisierte Gewalt" ist also nicht nur faktisch irreführend - weil sie nicht benennt, worum es geht. Sie nimmt unseren Gehirnen auch die Chance auf Empathie und moralische Entrüstung.