Springer Verlag "Bild"-Projekt in Frankreich abgesagt

Frankreich wird weiterhin ohne Boulevardzeitung nach "Bild"-Vorbild auskommen müssen. Der Axel-Springer-Verlag beschloss nach monatelanger Entwicklungsarbeit, das Projekt einzustellen. Der Grund: Zu wenige Verkaufsstellen.


Berlin - Zwar seien die Ergebnisse der Marktforschung zur Einführung einer überregionalen Tageszeitung nach "Bild"-Vorbild "ermutigend" gewesen, doch letztendlich habe der Springer Verlag aber "mehr Risiken als Chancen" gesehen. Ein entscheidender Grund sei gewesen, dass es für die geplante Zeitung weniger Verkaufsstellen als in Deutschland gegeben habe, sagte eine Firmensprecherin.

Springer-Gebäude in Hamburg: Expansion nach Frankreich abgesagt
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Das in Berlin ansässige Mutterhaus hatte sich nach Frankreich orientiert, nachdem es 2005 den Boulevardtitel "Fakt" in Polen eingeführt hatte, der laut Springer sehr erfolgreich läuft. Allein die Ankündigung, in den französischen Markt einsteigen zu wollen, hatte in Frankreich vor einigen Monaten für erhebliche Unruhe gesorgt. "Diese Abwandlung der deutschen "Bild" ist eine Kriegsmaschine, die allen Angst macht", kommentierte damals etwa das Gratisblatt "20 minutes".

Doch nun entschied sich der Verlag nach sorgfältiger Analyse aller vorliegender Daten und Marktfaktoren schlussendlich gegen die Einführung eines Boulevardtitels in Frankreich, wie Springer weiter mitteilte. Vor allem die vertrieblichen, logistischen und herstellungstechnischen Voraussetzungen wären für den Verlag nicht in "zufrieden stellender Weise" zu verwirklichen.

Der Verlag wolle seine Stellung auf dem französischen Medienmarkt trotzdem stärken; dazu werde er vor allem das Online-Portal AuFeminin ausbauen, den "europäischen Marktführer" bei Frauenportalen, erklärte Springer. Der deutsche Verlag ist in Frankreich mit seiner Tochterfirma PGP vertreten, die unter anderem die wöchentliche Frauenzeitschrift "Vie Pratique Madame" herausgibt.

Die Konkurrenz in Frankreich hatte bisher damit gerechnet, dass Springer im Herbst mit seinem geplanten Boulevardblatt auf den Markt kommen würde. Schon im November vergangenen Jahres hatte die Entwicklungsredaktion laut französischen Medienberichten eine so genannte Nullnummer vorgelegt.

Das Vorhaben hatte bei den ohnehin schon durch Gratisblätter massiv unter Druck stehenden Kaufzeitungen in Frankreich für Verdrängungsängste gesorgt: Während die Verlagsgruppe Amaury - mit dem auflagenstarken Flaggschiff "Le Parisien" beziehungsweise "Aujourd'hui en France" - ein intern "Kill Bild" genanntes Gegenvorhaben begann, dachte auch "Le Monde" über eine neue tägliche Kaufzeitung nach. In Deutschland lesen täglich rund zwölf Millionen Menschen die "Bild"; drei bis vier Millionen von ihnen kaufen das Blatt. In Frankreich ist Boulevard-Journalismus, wie ihn die "Bild" betreibt, bisher unbekannt.

hoc/AFP



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