Staatshilfen für US-Zeitungen "Mittel der Verzweiflung"
Einsamer Gewinner: Das "Wall Street Journal" hat als einzige der führenden US-Zeitungen an Auflage gewonnen
Foto: SCOTT OLSON/ AFPJedes Jahr, wenn die neuen Studierenden an der School of Journalism der Columbia University eintreffen, müssen sie sich als erstes im "World Room" versammeln. In dem historischen Saal am Broadway, benannt nach der Zeitung "New York World" des Schulgründers Joseph Pulitzer, werden auch die Pulitzerpreise verliehen. Zur Begrüßung tritt dann der Dekan vor die Neuankömmlinge und hält gerne eine strenge, doch aufmunternde Rede über die Zukunft der Profession und das hehre Erbe der Eleven. Ein "pep talk", wie es heißt, der die Studenten auf ihren demokratischen Auftrag vorbereiten soll.
Da fragt man sich, was Schuldekan Nicholas Lemann seinen Zöglingen wohl dieser Tage mit auf den Weg gibt - in denen die US-Medienbranche doch in der schwersten Krise ihrer Geschichte steckt. Sollte er ihnen nicht lieber empfehlen, sich einen anderen Job zu suchen?
Die neuesten Auflagenzahlen für US-Zeitungen, am Montag bekanntgegeben, waren miserabler denn je, von April bis September fielen sie um durchschnittlich 10,6 Prozent. Im Halbjahr zuvor waren es noch 7,1 Prozent gewesen.
Am schlimmsten traf es den von Schließung bedrohten "San Francisco Chronicle", dessen Auflage um fast 26 Prozent auf nun 251.782 Exemplare kollabierte. Am besten hielt sich das "Wall Street Journal", das als einziges der 25 Top-Blätter zulegte - wiewohl nur 0,6 Prozent - und damit den langjährigen Spitzenreiter "USA Today", der 17 Prozent einbüßte, abhängte.
Abfindungsangebote an 100 Redakteure
Lemann lacht. "Ich versichere ihnen, dass der Journalismus nicht verschwinden wird, sich aber gerade auf ziemlich fundamentale Weise neu erfindet", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Aus der Sicht eines Studenten, der ein Vollzeitreporter werden will und einen Einstiegsjob sucht, stehen die Dinge im Augenblick gar nicht mal so schlecht."
Darüber kann man streiten. Denn nicht nur die Auflagen stürzen ab. Der Verlag der "New York Times", zu dem auch der defizitäre "Boston Globe" gehört, meldete vorige Woche erneut einen Quartalsverlust, diesmal 35,6 Millionen Dollar, vor allem dank eines Umsatzeinbruchs im Anzeigengeschäft (fast 30 Prozent). Obwohl das nicht ganz so schlecht war wie erwartet, schickte die "Gray Lady" Abfindungsangebote an 100 Redakteure, um insgesamt 150 Verlagsstellen abzubauen.
Die 25 auflagenstärksten Zeitungen der USA
| Name | Auflage 2009* | Veränderung zu 2008* | |
|---|---|---|---|
| 1. | Wall Street Journal | 2.024.269 | +0.61% |
| 2. | USA Today | 1.900.116 | -17.15% |
| 3. | New York Times | 927.851 | -7.28% |
| 4. | Los Angeles Times | 657.467 | -11.05% |
| 5. | Washington Post | 582.844 | -6.40% |
| 6. | Daily News (NY) | 544.167 | -13.98% |
| 7. | New York Post | 508.042 | -18.77% |
| 8. | Chicago Tribune | 465.892 | -9.72% |
| 9. | Houston Chronicle | 384.419 | -14.24% |
| 10. | Philadelphia Inquirer | 361.480 | k.A. |
| 11. | Newsday | 357.124 | -5.40% |
| 12. | Denver Post | 340.949 | k.A. |
| 13. | Arizona Republic | 316.874 | -12.30% |
| 14. | Star Tribune (Minneapolis) | 304.543 | -5.53% |
| 15. | Chicago Sun-Times | 275.641 | -11.98% |
| 16. | Plain Dealer (Cleveland) | 271.180 | -11.24% |
| 17. | Detroit Free Press | 269.729 | -9.56% |
| 18. | Boston Globe | 264.105 | -18.48% |
| 19. | Dallas Morning News | 263.810 | -22.16% |
| 20. | Seattle Times | 263.588 | k.A. |
| 21. | San Francisco Chronicle | 251.782 | -25.82% |
| 22. | Oregonian | 249.163 | -12.06% |
| 23. | Star-Ledger (Newark) | 246.006 | -22.22% |
| 24. | San Diego Union-Tribune | 242.705 | -10.05% |
| 25. | St. Petersburg Times | 240.147 | -10.70% |
*April bis September
Überall wird gestrichen. Branchenweit, so Expertenschätzungen, ist die Zahl der US-Redakteursstellen dieses Jahr auf rund 40.000 gefallen, den niedrigsten Stand seit 1971. Das sind keine guten Aussichten für Berufsanfänger.
Ist Amerikas legendärer Journalismus am Ende? Das fragt sich auch eine Studie der Columbia School of Journalism, verfasst von Professor Michael Schudson und Leonard Downie, dem früheren Chefredakteur der "Washington Post". Das Geschäftsmodell der Zeitungen sei gescheitert, schreiben sie in "The Reconstruction of American Journalism", der umfassendsten Bestandsaufnahme der Branche seit Jahrzehnten. Der Journalismus schlittere nun in eine Phase der "chaotischen Rekonstruktion", eine historische "Transformation" vollziehe sich. Tristes Fazit: "Die Ära der vorherrschenden Zeitungen geht zu Ende."
"Das sind Mittel der Verzweiflung"
Der Report präsentiert einige kontroverse Vorschläge, um kritischen - sprich teuren - Journalismus ("accountability journalism") zu retten. Etwa stärkeres Engagement von gemeinnützigen Stiftungen und Universitäten oder die Bildung von Recherchekooperativen. Der schlagzeilenträchtigste und umstrittenste Vorschlag aber: Geldspritzen aus Washington.
"Wir empfehlen weder ein staatliches Hilfsprogramm für Zeitungen noch direkte Subventionen, die viele europäische Regierungen Zeitungen geben", versichert Downie zwar, die Proteste vorwegnehmend. Aber andere Formen der Hilfe seien wohl denkbar - zum Beispiel Steuererleichterungen oder die Abzweigung von Gebühren, die die US-Kommunikationsbehörde FCC kassiere, in einen Hilfsfonds für Zeitungen.
Eine spektakuläre Idee, die aber sofort auf Widerstand stieß - aus der eigenen Branche. Allen voran Medienkritiker, Blogger und Journalismusprofessor Jeff Jarvis, der bei der festlichen Vorstellung der Studie von seinem Polstersitz aufsprang und die Ergebnisse laut anzweifelte: "Das sind Mittel der Verzweiflung."
"Es herrscht keine Krise", beharrt Jarvis in seinem Blog "buzzmachine". Die "kollektive Verantwortung", die der Bericht der US-Gesellschaft für den Erhalt der Print-Branche abfordere, sei nichts anderes als "verstaatlichter Journalismus" - ein Reizwort in diesen Zeiten, da die Gegner von Präsident Barack Obama täglich gegen die "Verstaatlichung" der US-Wirtschaft wettern.
Firewall gegen Einmischung der Sponsoren
Andere haben sich der Kritik angeschlossen. Wenn US-Staaten wie Kalifornien jetzt schon pleite seien, fragt Medienblogger Drew Grant, wo sollten dann noch öffentliche Gelder für Journalismus herkommen? Selbst Howard Kurtz, der Medienkritiker der "Washington Post", spricht warnend vom "Ruch der politischen Agenden".
Schulleiter Lemann teilt die Bedenken nicht: Es gebe viele Beispiele staatlich gesponsorter Aktivitäten, die "ziemlich erfolgreich" seien, nicht zuletzt in der Forschung. Hauptsache, es gebe einen "Firewall" vor der Einmischung der Sponsoren. "Seit Jahren funktioniert das ja auch mit Inserenten. Wir haben uns dran gewöhnt."
Lemanns Journalismus-Schule jedenfalls scheint unter der Krise nicht zu leiden und der Enthusiasmus der Berufseinsteiger offenbar auch nicht. 207 Master-Studierende scharten sich diesmal zu Semesterbeginn im "World Room" - 43 mehr als im vergangenen Jahr.