Star-Autorin Sibylle Berg Die Rächerin der Underdogs

Bei Klassentreffen ist meist alles so wie früher: Die Coolen sind noch immer die Coolen. Nicht so bei Sibylle Berg: In ihrem neuen Theaterstück "Die goldenen letzten Jahre" lässt sie den Ausgestoßenen und Unterdrückten Gerechtigkeit widerfahren. Das ist - ein Märchen.


Sibylle Berg wird oft, weil Journalisten ja auch gern voneinander abschreiben, als "Fachfrau fürs Zynische" und fürs "Fiese" bezeichnet. Dabei hat die 46-jährige Autorin ein großes Herz: Für Tiere (das bewies sie zum Beispiel in ihrem Stück "Helges Leben"), aber auch für manche Menschen.

In ihrem neuen Drama "Die goldenen letzten Jahre", das jetzt in Bonn von der jungen Regisseurin Schirin Khodadadian uraufgeführt wird, widmet sie sich den "Aussätzigen", die schon in der Schule von allen immer gedemütigt wurden. Schauplatz ist ein Klassentreffen, bei dem die gehbehinderte Bea, die unscheinbare Rita ("Ich weiß ja, dass ich aussehe wie Flüssigkeit"), der dicke Uwe und der autistische Paul wieder aufeinander treffen. Sie alle waren Loser und sollten es, den Regeln des Lebens zufolge, auch bleiben.

Aber nicht bei Sibylle Berg: Als Autorin ist sie die bessere Schicksalsgöttin und gönnt ihren vier Protagonisten im späteren Leben Geld und sogar Glück, während die bösen Unterdrücker aus der Schulzeit, ganz wie im Märchen, alle hart vom Leben bestraft werden. Dem Publikum gibt Berg eine Weisheit mit auf den Weg, wenn sie Bea sagen lässt: "Hätte ich früher gewusst, dass es mir irgendwann völlig egal sein wird, was andere von mir denken, hätte ich gewusst, dass es keine Normalität gibt, ich hätte mir Jahre des Ärgers erspart."

Vor das gute Ende hat Berg aber doch auch einige Fiesheiten und Absurditäten gesetzt. Bei der Star-Autorin (ihr Roman "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" war ein Bestseller) ist das immer auch ein Schutzpanzer, hinter dem sie ihre guten Absichten versteckt. So werden in Rückblenden haarklein die Attacken gegen die vier Außenseiter gezeigt, die sie in der Schule erdulden mussten, ein Bär läuft immer wieder mal durch die Szenen, und Berg macht sich auch lustig über die hilflosen Floskeln, die Menschen ihren Mitmenschen so zumuten. So wird Paul mit den Worten getröstet: "Du musst keine Angst vor dem Sterben haben. Es ist gemütlich wie ein Schlaf. Du bist ein netter Mensch. Ich bin sehr gerne bei dir. Ich werde dich nie verlassen!"

Bei Berg ist es ein Roboter, der diese Worte spricht.


Theaterstück Die goldenen letzten Jahre. Uraufführung am 18.2. im Theater Bonn (Werkstatt). Auch am 25.2., Tel. 0228/77 80 08.



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ofelas 14.02.2009
1. ersten werden die letzten sein
Eigentlich nicht, bei meinem 2 Klassentreffen 15 Jahre nach dem Abi war vieles anders. Einige der Coolen hatte zuviel Zeit mit Cool wirken verloren und waren beruftechnisch, wirtschlaftlich und sozial auf der Strecke geblieben, oder vielmehr weit hinter ihren angestrebten (im Abijahrgang propargierten) Zielen geblieben. 50,60, 70%, je nachdem wie weit man einen Kreis um den Ort unserer Schule zieht, sind "daheim" geblieben oder sofort nach dem Studium zurückgekehrt. Sicherlich gemütlich, da viel bekanntes (Freunde, Familie usw) halt einfach zu erreichen war, für mich aber zu langweilig vorerst, ohne eine Rückkehr auszuschliessen. Im Gegensatz dazu beim ersten Abitreffen nach knapp 8 Jahren, da waren die Coolen und andere noch im Balz und Brunz verhalten (mein Haus, mein Auto, meine Frau/Mann...), war es nach weiteren 7 Jahren entspannt. Einige hatten grosse Ziele etwas eingedämmt, andere die erste Ehe beendet, und diejenigen die nicht beim ersten Treffen schon wieder n der Kleinstadt waren, hatten zumeist entschieden auch woander zu bleiben. Was mich am meisten gefreut hat, einige die im Abijahrgang (gesamte Oberstufe) meist ein Mauerbluemchenleben aus Sicht der Coolen (natuerlich sich selbst dazu erkoren, aber oft von Beruf Tochter oder Sohn)dasein hatten, waren in der "Fremde" viel weiter gekommen. Menschlich alle, beruflich einige aber halt von der Persönlickeit für viel interessanter. Nach einige Gesprächen mit Bekannten aus anderen Abi-orten und -jahrgängen zeigte sich, ähnliche Erfahrungen wurden rundum gemacht.
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