Star-Fotograf D'Orazio "Kunst kann wie guter Sex sein"

Warhol benutzte Marilyn Monroe, er benutzt Pamela Anderson. Der New Yorker Star-Fotograf Sante D’Orazio sprach mit SPIEGEL ONLINE über seine provokante Ausstellung "Double Cross", die Anerkennung der Kunstwelt für die Modefotografie - und Topmodels als Kultur-Ikonen.


SPIEGEL ONLINE: Was bestimmt Ihr Leben mehr, Kunst oder Sex?

Fotograf D'Orazio: "Über Kunst darf man lachen. Von mir aus auch über mich"
DDP

Fotograf D'Orazio: "Über Kunst darf man lachen. Von mir aus auch über mich"

D'Orazio: Sex. Kunst kann das Leben nicht verändern, Sex schon. Wenn Kunst gelingt, kann sie allerdings wie guter Sex sein. Am liebsten ist es mir natürlich, wenn ich die beiden Elemente verbinden kann.

SPIEGEL ONLINE: So wie in Ihrer gerade im Düsseldorfer NRW-Forum eröffneten Ausstellung "Double Cross". Dort zeigen Sie zwei Werkgruppen: die Porträt-Serie "Priests", für die Sie berühmte Künstler wie Damien Hirst, Ed Ruscha oder Jeff Koons im Priestergewand fotografierten, und die Schnappschuss-Serie "Scratches", Aufnahmen von Models in sexy Posen, denen Sie auf den Negativen die Gesichter ausradiert haben.

D'Orazio: Keine Ahnung, ob ich hier Sex und Kunst verbinden konnte. Die Ausstellung ist für mich ein Experiment. Wenn ich zwei Werkgruppen zusammenbringe, entsteht automatisch eine dritte. Welche das ist, kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich arbeite rein intuitiv. Mir wird immer erst mit einigem Abstand klar, was ich eigentlich versucht habe auszudrücken. Bei "Double Cross" weiß ich nur: Es fühlt sich an wie nach Hause kommen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat beispielsweise das Porträt von Jeff Koons im Priestergewand, der sehnsuchtsvoll auf einen Schulhof blickt, mit "nach Hause kommen" zu tun?

D'Orazio: Ich stamme aus einer streng katholischen Familie. Zumindest meine Mutter war sehr religiös. Mein Vater hingegen machte sich aus dem Glauben nicht viel. Er tapezierte den Keller und die Garage unseres Hauses mit Nacktfotos irgendwelcher Mädchen. Dass diese Welten nicht zusammenpassen, begriff ich früh. Aber beide sind mir heute vertraut.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen mit Ihren teilweise brutal wirkenden Arbeiten nicht verstören?

D'Orazio: Natürlich sagt so ein Jeff-Koons-Porträt auch aus: Vor dem Menschen, der dich beschützt, musst du dich am meisten fürchten. Aber hören Sie auf, diese Bilder zu schwer und zu ernst zu nehmen. Lassen Sie sich doch von ihnen amüsieren. Gehen Sie durch die Ausstellung und lachen Sie. Über Kunst darf man lachen. Von mir aus auch über mich.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es mit Ihrer Modefotografie? Soll die auch amüsieren?

D'Orazio: Ich habe nie Modefotografie gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte? Sie gelten seit den achtziger Jahren als einer der berühmtesten Modefotografen der Welt. Sie haben den Kult um die Supermodels wie Naomi Campbell oder Christie Turlington geprägt, unzählige Werbekampagnen und Strecken für Modemagazine produziert.

D'Orazio: Weil ich diese Frauen sinnlicher und schöner aussehen lassen konnte als die meisten anderen, hatte ich schnell Erfolg. Vielleicht trugen die Frauen auf meinen Bildern Kleider berühmter Designer. Egal. Um Mode ging es mir dabei nie.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb haben Sie sich vor einigen Jahren aus der Branche zurückgezogen?

D'Orazio: Ich hatte keinen Respekt vor dem, was ich tat, und spürte nach beinahe jedem Auftrag eine furchtbare Leere in mir. Da trösteten mich auch die vielen Millionen Dollar nicht, die ich jedes Jahr verdiente. Heute hätte ich wieder große Lust auf das Geld. Aber dafür in die Modewelt zurückzukehren, ein "Vogue"-Cover nach dem anderen zu produzieren, kommt nicht in Frage. Mein Weg in die Kunstwelt war weit und hart. Dort, wo ich angekommen bin, will ich erst einmal bleiben und es zu etwas Ansehen bringen.

SPIEGEL ONLINE: Dabei interessiert sich jetzt gerade die Kunstszene besonders für Ihre frühen Arbeiten. Vergangene Woche brachte bei einer Christie's-Auktion eine Ihrer Pamela-Anderson-Fotografien 28.000 Dollar. Auch Porträts von Kate Moss oder Christie Turlington wurden schon zu vergleichbaren Summen versteigert.

D'Orazio: Verrückt, aber interessant, was da passiert. Wo doch die Modefotografie bis vor kurzem noch als glamouröser Underdog der Kunstwelt galt.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt sie nun zu solchem Ansehen?

D'Orazio: Ganz ehrlich: Ich glaube nicht, dass das etwas mit der künstlerischen Qualität meiner Fotografien oder der von Kollegen wie Steven Meisel oder Annie Leibowitz zu tun hat, deren Bilder ja sogar noch für deutlich höhere Preise gehandelt werden. Der Kunstszene, die jetzt so heiß ist auf diese Fotografien, geht es eigentlich nur um die Motive. Wen hast du fotografiert? Was hast du fotografiert? Sexy Kate, sexy Christie, sexy Pam? Das ist wichtig. Natürlich mussten erst einige Jahre vergehen, bis klar wurde, dass diese Frauen die Ikonen der Kultur unserer Zeit sind. Sie haben heute eine Symbolik. Die macht ihre Fotos zur Kunst. Ich sehe das als eine Fortsetzung der Kunst Andy Warhols. Er benutzte Marilyn, ich benutze Pam.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten den Hype um die Modefotografie für übertrieben?

D'Orazio: Wer bin ich, dass ich mir erlauben könnte, so etwas zu beurteilen. Mir scheint nur sicher, dass das Interesse für die Modefotografie noch hysterischer werden wird. Das renommierte New Yorker Centre of Photography hat 2009 gerade zum Jahr der Modefotografie erklärt. Immer mehr Galerien spezialisieren sich auf diese Art von Kunst. Arbeiten von Irving Penn, die noch vor zehn Jahren für 8000 Dollar zu haben waren, bringen bei Auktionen mittlerweile 350.000 Dollar. Ich denke, das spricht für sich.

Das Interview führte Verena Araghi


Sante D'Orazio: "Double Cross" - noch bis zum 22. Juni im NRW-Forum Düsseldorf



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