Star-Fotograf Hoepker Intim, hautnah, immer spontan

Ein Sonnenbad am 11. September. Die Faust von Muhammad Ali. Weltstars hautnah. Die Fotos von Thomas Hoepker sind berühmt - weil er magische Momente festhält. Jetzt wird er, einer der letzten Reportagefotografen alter Schule, in zwei Ausstellungen geehrt.
Von Heiko Klaas und Heiko Klaas

Eine Aufnahme von 1997: Muhammad Ali, der berühmteste Schwergewichtsboxer der Welt, sitzt mit geschlossenen Augen im Fond einer Limousine. Der an Parkinson leidende Ali, einst charismatische Symbolfigur des schwarzen Selbstbewusstseins, umklammert ein Fotoalbum von Thomas Hoepker. Aufgeschlagen ist eine Seite mit einer Schwarz-Weiß-Fotografie, die den Helden im Jahre 1966 zeigt: der junge Ali mit schwarzer Hose, bloßem Oberkörper und blitzenden Augen beim Sprung vom Geländer einer Brücke, die den Chicago River überspannt. Hinter ihm ist die Skyline der Metropole am Lake Michigan zu sehen. Solche Traumfotos von Prominenten gelingen nur in ganz besonderen Momenten, und eigentlich nur dann, wenn sich zwischen dem Fotografen und seinem Gegenüber eine spezielle Beziehung entwickelt hat: gegenseitiges Vertrauen, Sympathie, vielleicht aufkeimende Freundschaft.

Thomas Hoepker, Jahrgang 1936, der Fotojournalist aus Deutschland, war 1966 im Auftrag des "Stern" für mehrere Wochen nach Chicago gereist, um die neue Kultfigur des Boxsports mit der Kamera zu begleiten. Besonders in den Südstaaten der USA herrschte damals noch ein Klima der Rassentrennung. Und Cassius Clay, der sich Muhammad Ali nannte, ballte die Faust wohl auch als Zeichen gegen Unterdrückung und Ausgrenzung seiner farbigen Landsleute.

Thomas Hoepker ließ sich ganz auf den Star ein. Auch wenn der Verabredungen nicht immer einhielt und mitunter sehr kapriziös war. Mit seinem ausgeprägten Hang zur Pose und Selbstdarstellung bot Ali dem deutschen Fotografen immer wieder Gelegenheiten für hautnahe, ungewöhnliche, fast schon intime Fotos.

Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe wird der seit fast 30 Jahren in New York lebende Thomas Hoepker jetzt mit einer großen Retrospektive geehrt. Gezeigt werden Bilder aus den Jahren 1955 bis 2005. Parallel dazu zeigt auch die Hamburger Galerie Robert Morat ausgewählte Arbeiten. Der Fotojournalist, der in den sechziger Jahren unter glänzenden Bedingungen für verschiedene Magazine auf der ganzen Welt unterwegs war, verkörpert den Prototyp des Fotoreporters. Mit einem Auftrag in der Tasche, einem gut ausgestatteten Spesenkonto und jeder Menge Zeit ging er seiner Arbeit nach. Genügend Spielraum für freies Arbeiten hatte er damals in den goldenen Zeiten des Reportagejournalismus sowieso. Auf allen Fotoreisen entstanden deshalb immer auch eigene Arbeiten am Rande, "Randbilder", wie Hoepker sie nennt.

Unbekümmertheit im Angesicht der Katastrophe

Eine Fotografie, deren Brisanz fast schon unheimlich ist, entstand am 11. September 2001. Einen Tag zuvor fand in New York das Treffen der weltberühmten Fotoagentur Magnum statt, deren Präsident Hoepker von 2003-2006 war. Am Morgen des 11. September wird Hoepker zu Hause in der Upper East Side angerufen und erfährt vom brennenden World Trade Center.

Er nimmt das Auto und fährt über die Queensboro Bridge Richtung Brooklyn. Gegenüber sieht er schon die Rauchsäule über der Südspitze Manhattans, das Radio meldet bis zu 20.000 Tote. In einem kleinen Park am Ufer auf der Brooklyner Seite des East River sieht er fünf junge Leute sitzen, die sich vollkommen entspannt in der Morgensonne unterhalten. Normalität im Angesicht des Terrors. Thomas Hoepker stoppt den Wagen und drückt kurz entschlossen auf den Auslöser.

Eine geradezu paradoxe Szenerie: Freizeitvergnügen und Unbekümmertheit nur wenige Kilometer entfernt vom gerade in sich zusammenstürzenden World Trade Center. Für den Fotografen war diese Aufnahme zunächst nicht relevant: "Es war zu abseitig und zweideutig", erzählt er heute. Aber natürlich führt sie zu der Frage: Was ist die Wirklichkeit vom 11. September? Nach seiner Veröffentlichung löste das inzwischen berühmte Foto Polemiken in den USA aus. Hoepker sah sich den Angriffen der politischen Rechten ausgesetzt, die das Bild als Verharmlosung des Terrors brandmarkte. Doch er weiß sich zu wehren. "Dieses Bild ist im Niemandsland der Realitäten. Es schillert, und jeder sieht darin etwas anderes."

Klapperdürre Weihnachtsgänse

Die Politik, die unbekannte Welt hinter den Dingen und die Realität des Alltags mitsamt ihren kleinen Nebensächlichkeiten haben Hoepker schon immer interessiert. In den siebziger Jahren hatte er die Gelegenheit, zusammen mit seiner damaligen Frau, der Journalistin Eva Windmöller, in Ost-Berlin zu leben und zu fotografieren. Seine Rolle war offiziell klar geregelt: Laut Visum firmierte er als "technisches Hilfspersonal" der "Stern"-Korrepondentin. Mit der Kamera erkundete er das andere, unbekannte Deutschland. Hoepker fotografierte triste Plattenbausiedlungen, Kundgebungen mit unfreiwillig komisch wirkenden Funktionären, den unvermeidlichen Trabi und Plakate von Erich Honecker vor uniformen, grauen Wohnblocks.

Er besuchte aber auch die Dissidenten Wolf Biermann und Robert Havemann, fotografierte den fidelen Schriftsteller Stefan Heym vor einem sozialistischen Wandgemälde oder die Altkommunistin Anna Seghers vor ihrem übervollen Bücherregal. Eine besonders prägnante Aufnahme von 1975 zeigt den stolzen Besitzer eines privaten Ladens. Der Kaufmann hält eine klapperdürre Weihnachtsgans in die Kamera. In der DDR galt das gute Tier zu Weihnachten als Rarität. Typisch Hoepker eigentlich: Selbst ein so ernstes Thema wie die ständigen Versorgungsengpässe in der DDR packt er in eine Aufnahme voller Humor und Empathie.

Heute, so berichtet Hoepker, ist es gerade in der Prominentenfotografie üblich, dass der Star bei einem knapp bemessenen Halbstundentermin fertig gestylt dem Fotografen vorgeführt wird. "Da beneide ich die Kollegen nicht, die das heute machen müssen", sagt Hoepker und fährt fort: "Wenn in den USA Bush einen Fototermin anbietet, stimmt vorher ein Farbkoordinator die Krawatte des Präsidenten mit der Tischdekoration ab. Und selbst der angereichte Säugling wird vorher gecastet."

Thomas Hoepker war technisch immer auf der Höhe der Zeit. Schon Ende der sechziger Jahre begann er mit der Farbfotografie, und seit vier Jahren vertraut er fast nur noch der digitalen Technik. Seit einigen Jahren produziert er zusammen mit seiner jetzigen Frau Christine Kruchen Dokumentarfilme, die auf ihren gemeinsamen Reisen entstehen. Die Ausrottung der Maya-Kultur in Guatemala ist eines der Themen, die Thomas Hoepker, den Humanisten mit der Kamera, seit Jahren beschäftigen. Nichts auf den Aufnahmen von Hoepker wirkt geschönt, auch wenn die Wahrheit manchmal hart und grausam ist. "Ich bin und war immer ein Verfechter der spontanen, realistischen Reportagefotografie", sagt er. "Ich fotografiere, was da ist."


Thomas Hoepker: Photographien 1955-2005. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG)  , bis 18. März 2007. Parallel dazu zeigt die Hamburger Galerie Robert Morat  bis 14. März 2007 ausgesuchte Arbeiten.

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