Illustrator Christoph Niemann "Die Maschine im Kopf abzuschalten, ist ein Problem"

Er malt sogar während eines Marathonlaufs: Star-Illustrator Christoph Niemann fängt pausenlos den Alltag ein. Hier erzählt er vom Dasein als Nachrichtenjunkie.
Zur Person
Foto: Gene Glover

Christoph Niemann, 1970 in Waiblingen geboren, ist einer der gefragtesten Illustratoren überhaupt. Er arbeitet regelmäßig für die "New York Times", den "New Yorker" und das "Zeitmagazin", daneben macht er Kinderbücher oder Werbekampagnen. Nach elf Jahren in New York lebt er heute in Berlin, wo er nahe der Torstraße sein Studio hat. Jetzt widmet ihm das Wiener MAK einen Werküberblick.

SPIEGEL ONLINE: Herr Niemann, Sie bedienen viele unterschiedliche Medien und müssen oft schnell auf aktuelle Ereignisse reagieren: Haben Sie, wenn Sie an Ihre Deadlines denken, manchmal ein flaues Gefühl im Bauch?

Niemann: Das kenne ich vor allem aus meinen ersten fünf Berufsjahren. Damals habe ich viel für Tageszeitungen gearbeitet und konnte abends oft nicht einschlafen: Morgen ist Abgabe, und wo ist die Idee? Das war eine harte Schule. Aber mittlerweile weiß ich: Normale Aufträge bekomme ich auch müde und mit Schnupfen hin. Selbst wenn man mich nachts um halb vier weckt und ich zwei Stunden später zu irgendeinem Börsenproblem etwas liefern muss.

SPIEGEL ONLINE: Muss man dafür der Nachrichtenjunkie sein, als den Sie sich bezeichnen?

Niemann: Irgendwie schon. Ich informiere mich alle halbe Stunde. Online. Und viel über Twitter. Durch die Leute, denen ich folge, komme ich oft auf Dinge, die ich selber nicht sehen würde. Wenn ich journalistisch arbeite, etwa zum Thema Charleston, muss ich informiert sein, bevor ich den Job bekomme.

SPIEGEL ONLINE: So ein Werküberblick, wie er jetzt in Wien gezeigt wird, ist dagegen eine eher ruhige Sache. Sie haben aber doch wieder eine Herausforderung daraus gemacht?

Niemann: Ja. Schließlich bietet ein Museumsraum einen anderen Zugang an, als wenn meine Arbeiten in Magazinen oder auf Bildschirmen erscheinen. Also habe ich zwischen den Exponaten direkt auf die Wand gemalt. Beispielsweise habe ich in dem spitzen Winkel zweier Ausstellungswände einen Tisch gezeichnet, der aber nur aus einem bestimmten Winkel als solcher zu erkennen ist.

SPIEGEL ONLINE: Und womit ist dieser Tisch gedeckt?

Niemann: Er ist voll mit Kunstreferenzen: Ich gehe von dem berühmten Schädel auf Holbeins Gemälde "Die Gesandten" aus, den man nur schräg von der Seite sehen kann. Mit dem Apfel und der Pfeife zitiere ich Magritte, mit der Suppendose Warhol, Malewitsch mit dem schwarzen Quadrat, Dalí mit einer zerlaufenden Digitaluhr und Botticellis Venus zeige ich von hinten.

SPIEGEL ONLINE: Ein Verweis darauf, dass sich Ihre Arbeit mehr in Richtung freie Kunst bewegt?

Niemann: Ich mache heute mehr freie Arbeiten als früher. Aber meine Entwicklung würde ich eher so beschreiben: Es ging weg vom Einzelbild und hin zu längeren Erzählprozessen – wie etwa bei der Geschichte über das Brasilien vor der Fußballweltmeisterschaft 2014. Sie erzählte, wie die Niederlage 1950 im Maracanã noch immer die Nation bewegte. Außerdem mache ich heute viel mit Animation und viel Interaktives.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark beeinflusst die Technikentwicklung Ihre Arbeit?

Niemann: Extrem. Vor allem wird die Arbeit immer schneller. Für die App "Petting Zoo" hätte ich vor zehn Jahren wahrscheinlich 300.000 Euro und 50 Leute benötigt. Tatsächlich konnten wir sie zu dritt machen: ein Programmierer in New York, ein Musiker in Kapstadt und ich in Berlin. Und kommuniziert haben wir über Dropbox.

SPIEGEL ONLINE: Bei "Petting Zoo" kann der User auf sehr komische Weise Tierzeichnungen variieren. Gibt es bald "Petting Zoo 2"?

Niemann: Nein, das wäre mir zu langweilig. Aber ich entwickle gerade eine neue App, die noch dynamischer wird: Der Betrachter fährt gewissermaßen mit und begibt sich auf eine Reise. Das ist für mich auch philosophisch spannend: Wie viel will ein Betrachter überhaupt entscheiden? Dass stets etwas passiert, was der Rezipient gerade nicht will, das ist schließlich zentral für Film, Kunst und Literatur.

SPIEGEL ONLINE: Außer der ästhetischen Reflexion scheint Sie aber auch der körperliche Einsatz zu interessieren: Einmal haben Sie rennend für die "New York Times" vom New-York-Marathon berichtetet. Wie kam es dazu?

Niemann: Davor habe ich zeichnend live von der Venedig Biennale gebloggt. Ich bin ein Kontrollfreak, aber ich merkte dabei, wie spannend es ist, wenn man sich Unvorhersehbarem stellt. Das wollte ich toppen: durch einen absurden Stunt zwischen Sport, Kunst und Journalismus.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging das praktisch?

Niemann: Ich habe hier im Berliner Humboldthain nach einem professionellen Laufplan trainiert. Dazu habe ich eine Zeichentechnik geprobt, bei der ich mit dem kleinen Finger der zeichnenden Hand den Block stabilisiere. So bin ich dann beim New York Marathon angetreten: Ich bin gerannt und habe nachgedacht. Dann habe ich im Gehen gezeichnet, das Ergebnis getwittert, und dann bin ich weiter gerannt bis zum nächsten Einfall.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie es bis ins Ziel geschafft?

Niemann: Ja, aber es ging einiges schief. Am Anfang hatte ich Probleme, mit meinen Zeichensachen durch die Security zu kommen. Deshalb konnte ich nichts essen. Dann habe ich unterwegs auch noch den Bananenstand verpasst. Als ich dann dringend etwas zu essen brauchte, habe ich meine Leser zeichnend gebeten, mir Bananen an den Streckernrand zu bringen. Hat funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Genial. Aber auch wenn Sie nicht arbeiten, feuert Ihr innerer Einfallsgenerator wahrscheinlich immer weiter. Wie kommen Sie runter?

Niemann: Die Maschine im Kopf auszuschalten, das ist wirklich ein Problem. Abschalten funktioniert bei mir durch Überstimulation: Seit einem Jahr spiele ich Klavier. Dabei muss ich Noten lesen, sie umsetzen und hören, was ich spiele. Ich bin davon so komplett überfordert, dass ich über nichts mehr nachdenken kann.


Christoph Niemann. Unterm Strich. 1. Juli bis 11. Oktober im MAK, Wien.

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