Ostdeutschlands Sozialstruktur Im Land der kleinen Leute

Der Soziologe Steffen Mau hat ein einfühlsames Buch über den Umbruch in der Plattensiedlung Lütten Klein geschrieben. Er sagt: Der Osten lässt sich nicht auf Stasi und Rechtsradikalismus reduzieren.
Von Volkan Ağar

SPIEGEL: Herr Mau, Sie beschäftigen sich beruflich mit der Geschichte der DDR, sind aber auch selbst im Rostocker Stadtteil Lütten Klein großgeworden, einer Plattenbausiedlung. Wie fällt Ihre Bilanz der Einheit aus?

Mau: Der Untergang der DDR war ein unglaublicher Gewinn für meine individuelle Entwicklung, weil ich die Möglichkeit hatte, mich neu und frei zu orientieren. Wenn es fünf oder zehn Jahre später passiert wäre, dann wäre es mir wahrscheinlich wie vielen anderen in der Generation vor mir ergangen, die das verpassten. In der DDR gab es ja keine freie Berufs- und Bildungswahl. Vermutlich wäre ich dann in meinem Schiffbaubetrieb als Elektronikfacharbeiter hängengeblieben oder hätte mich in die Reihe der Arbeitslosen eingereiht.

Zur Person

Steffen Mau wurde 1968 in Rostock geboren und wuchs im Neubauviertel Lütten Klein auf. Er studierte Soziologie und Politikwissenschaft in Berlin und Bristol. Er ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt Universität. Vor Kurzem ist sein Buch "Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft" erschienen.

SPIEGEL: In Ihrem Buch "Lütten Klein" beschreiben Sie das Leben im Osten vor und nach der Wende. Sie sagen, dass Sie weder dem Vergangenen nachtrauern noch die Wiedervereinigung glorifizieren wollen. Wie passt das zusammen?

Mau: Mir ging es um einen Blick, der sowohl die DDR einschließt, als auch die Nachwendegesellschaft. Ich wollte die DDR nicht auf Mauer, Unrechtsstaat und Staatssicherheit reduzieren, sondern mich auch mit Mentalitäten und Sozialstrukturen beschäftigen. Den starken Bruch, den wir im Politischen und auch im Wirtschaftlichen hatten, gab es bei den Mentalitäten nicht auf gleiche Weise.

Anzeige
Mau, Steffen

Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft

Verlag: Suhrkamp Verlag
Seitenzahl: 284
Für 22,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

01.12.2022 05.17 Uhr

Keine Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

SPIEGEL: Welche Kontinuitäten haben Sie entdeckt?

Mau: Die DDR war eine Gesellschaft mit einer nach unten gedrückten Sozialstruktur. Wenn man so will: ein am Arbeiterideal orientiertes Land. Eine Mentalität der kleinen Leute hat vorgeherrscht, Eigenwerte wie Bescheidenheit, Alltagspragmatismus oder Bodenständigkeit spielten eine große Rolle. Ich würde sagen: Die ostdeutsche Gesellschaft ist heute noch mehrheitlich eine der kleinen Leute. Das sieht man an den beruflichen Profilen, der Abwesenheit einer starken bürgerlichen Kultur, der schwachen Elitenbildung oder der Vermögensverteilung. Dazu kamen in der Nachwendezeit kulturelle Abwertungen und sozio-ökonomische Deklassierungen, die dann auf das eingewirkt haben, was die Gesellschaft ausmachte und diese stark verunsichert haben.

SPIEGEL: Aber rechtfertigen diese Verwerfungen alles? In Rostock-Lichtenhagen, dem Nachbarviertel von Lütten Klein, gab es 1992 rassistische Pogrome.

Mau: Was dort passiert ist, ist natürlich schockierend. Ich versuche mit meiner Perspektive zu erhellen, warum aus einem unbescholtenen Werktätigenviertel ein Ort rassistisch motivierter Übergriffe werden konnte. Man muss das auch aus der Binnenlogik dieser Viertel und der dortigen dramatischen Einschnitte verstehen. Das war eine homogene, konforme und auf Sicherheit ausgerichtete Gesellschaft, die plötzlich ins Rutschen kam. Es geht nicht darum, um Verständnis zu werben, sondern um das Verstehen. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied.

SPIEGEL: Sie sagen, Sie wollen nicht um Verständnis werben; Ihr Buch ist aber durchaus von einem einfühlsamen Ton durchzogen. Gibt es nicht auch Grenzen der Empathie?

Mau: Was Sie einfühlsam nennen, nenne ich: Die Leute ernst nehmen. Ich bin ein Soziologe, der sagt: Ich möchte das verstehen und erklären.

SPIEGEL: Die Frage ist für viele Menschen aber sehr praktisch, alltäglich: Soll man Verständnis für Nazis haben, wenn sie einen gerade in der U-Bahn bedrohen?

Mau: Natürlich nicht. Aber: Genauso wenig wie die DDR auf die Stasi reduzierbar ist, lässt sich Ostdeutschland auf den Rechtsradikalismus reduzieren. Man muss die Probleme klar benennen, aber eben auch sehen, warum die Leute den Rechten hinterherlaufen. Das ist Aufklärungsarbeit. Nebenbei ist der Osten viel mannigfaltiger und auch komplexer als einfache Betrachtungsweisen suggerieren. Für die Unwuchten gibt es keine einfachen Rezepte.

SPIEGEL: Wie sieht Ihre Lösung aus?

Mau: Man muss vielleicht auch auf die Neuerfindung der Demokratie in Ostdeutschland setzen. Eventuell sollte man auf Formen zurückgreifen, die in der Phase der Wende erprobt worden sind: runde Tische oder Bürgerräte, direkte Formen der Beteiligung. Die Menschen müssen Erfahrungen der politischen Selbstwirksamkeit machen können. Das muss aber von unten wachsen.

SPIEGEL: Der Musiker Felix Kummer aus Chemnitz beschreibt in seinem Lied "9010" die Nachwendezeit, rappt von einem Bekannten, der erst Nazi, dann Alkoholiker wurde. Biografische DDR-Aufarbeitung, wie auch Sie sie betreiben, scheint in Mode zu sein.

Mau: Ich merke an den Rückmeldungen, dass es einen unglaublichen Gesprächsbedarf gibt. Ein älteres Ehepaar aus Lütten Klein hat mir geschrieben: "Wir sitzen im Garten und lesen uns gegenseitig Ihr Buch vor. Wir erkennen vieles wieder und sehen vieles neu." Ich wollte den Menschen einen Zugang ermöglichen, der anders ist als der eines zahlenreichen Jahresberichts zum Stand der deutschen Einheit.

SPIEGEL: Was machen Sie am Tag der deutschen Einheit?

Mau: Ich werde schauen, was die Kinder machen wollen. Wenn das Wetter gut wird, machen wir eine Fahrradtour.

SPIEGEL: Sprechen Sie mit Ihren Kindern über die Bedeutung des Tages?

Mau: Ja, wir reden darüber. Im Buch gibt es auch eine Szene, in der ich meine alte Wohnung im Hochhaus in Lütten Klein besuche. Im Schlepptau hatte ich damals meine Söhne. Sie schauten aus dem Fenster meines damaligen Kinderzimmers und waren fasziniert von der Aussicht. Man kann von dort aus bis zur Ostsee schauen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.