Steinbrück bei Beckmann Zahlen wie Bomben

Beschwörer der Normalität: Peer Steinbrück parlierte bei "Beckmann" entspannt über die gigantischen Summen, die der Staat in die Wirtschaft zu pumpen erwägt. Doch was Souveränität signalisieren sollte, unterstrich nur den Ernst der Lage.

Von , Frankfurt am Main


Wenn Peer Steinbrück jemals derart poetisch über Zahlen nachgedacht haben sollte, ist das vermutlich verdammt lange her. Denn neben dem Bundesfinanzminister sitzt das Zahlengenie Daniel Tammet und sagt, Zahlen hätten in seiner Vorstellung Farben und Formen. Die Elf etwa sei "glänzend und freundlich", sagt der inselbegabte Autist. "Die 89 erinnert mich an fallenden Schnee."

Finanzminister Steinbrück bei "Beckmann": "Es gibt keine objektive Grenze"
NDR

Finanzminister Steinbrück bei "Beckmann": "Es gibt keine objektive Grenze"

Tammet hat ein paar der Formen, die ihm bei seinen unglaublichen Rechenkunststücken durch den Kopf sausen, für Reinhold Beckmann und seine Gäste auf einen Flipchart gemalt. Steinbrück gibt sich beeindruckt. Dabei dürfte der SPD-Politiker sich höchstens von einer der Kritzeleien angesprochen fühlen. Der neben der Zahl 53. Sie sieht ein bisschen aus wie eine Bombe.

Peer Steinbrück wirkt im Gegensatz zu Tammet inzwischen immer weniger sicher im Umgang mit Zahlen. Er ist der erste Gast bei Beckmann. Und natürlich geht es um die marode Wirtschaft, um die wankenden Firmen und Banken, in die der Staat Unsummen gesteckt hat oder noch stecken soll. Steinbrück ist offen. "Es gibt keine objektive Grenze", sagt er.

Der Bund steht kurz vor einem Paradigmenwechsel. Der Autobauer Opel benötigt Milliardenhilfe. Springt der Staat ein, wäre es die erste große Stützungsaktion für ein Unternehmen außerhalb der Bankenbranche. Bald schon könnten weitere verzweifelte Manager in Berlin um Unterstützung bitten.

Doch Steinbrück ist zu Beckmann gekommen, um Souveränität zu demonstrieren. Er warnt vor Übertreibungen und "journalistischen Kopfgeburten", immer wieder. Und er hat Glück: Bei seinem demonstrativen Beschwören der Normalität eilt ihm als zweiter Gast bald Commerzbank-Chef Martin Blessing zu Hilfe; ein Banker, der mit seinem schmalen Gesicht, dem freundlichen Blick und den runden Brillengläsern eher nach Uni-Dozent aussieht.

Doch man muss nur genau genug hinhören, um zu merken, dass die einzige Normalität der beiden Finanzkrisen-Kämpfer die Beständigkeit des Ausnahmezustands geworden ist.

Staatshilfen erst "am Ende der Treppe"

Steinbrück stellt mit dem ihm eigenen Eifer fleißig Bedingungen für eventuelle Staatshilfen. Diese gebe es nicht "automatisch". Das hört sich ein bisschen so an, als wolle Steinbrück diese Feststellung noch ein paar mal mit gefalteten Händen vorbringen. Bevor er dann doch nachgibt, und Staatsgelder abnickt - weil alles andere ja unberechenbare Folgen haben könnte.

Beispiel Opel: Die Geschäftsführung hat gerade Vorschläge für eine Loslösung vom Mutterkonzern General Motors gemacht. Steinbrück sagt, ein tragfähiges Geschäftskonzept könne er bisher "nicht erkennen". Dann warnt er vor einer möglichen "Deindustrialisierung" des Landes, sollte Opel in die Pleite rutschen. Eine Gefahr, die man kaum eingehen könne.

Oder Schaeffler: Der Autozulieferer hat sich mit der auf Pump finanzierten Übernahme von Continental verhoben, die Lage ist dramatisch. Steinbrück sagt, die Frage eventueller Staatshilfen stelle sich erst "am Ende der Treppe". Zunächst müsse geklärt werden, ob Continental nicht einfach wieder herausgelöst werden könne.

Keine Frage: Steinbrück spricht souverän - aber er spricht über seine Hilflosigkeit. Zum Beispiel als es etwa um die sogenannten Cross-Border-Leasing-Geschäfte vieler Kommunen geht. Anfang der Neunziger vermieteten Gemeinden Müllverbrennungsanlagen oder Abwasserkanäle an US-Investoren und mieteten sie sofort wieder zurück. Die US-Partner nutzten einen Steuervorteil, die Gewinne wurden geteilt. Problem dabei: Oft sicherte der US-Versicherer AIG die hanebüchenen Deals ab. Doch AIG strauchelt. Fällt das Unternehmen aus, müssen die Kommunen andere Sicherheiten vorweisen.

Die Kommunen seien damals "heftig gewarnt" worden, betont Steinbrück, und zwar sehr heftig. Hilfe seitens der Förderbank KfW will er trotzdem "nicht völlig ausschließen". Auch das Engagement bei der Hypo Real Estate, in die bereits 125 Milliarden Euro gesteckt wurden, sei unumgänglich. Eine Pleite "können wir uns nicht leisten".

Das Problem ist nur: Krisenmanagement kann sich der Staat eigentlich auch nicht mehr leisten.

Denn wenn immer mehr Geld in den Kreislauf gepumpt werde, drohe irgendwann Inflation, gesteht der Finanzminister ein. "Das ist ein sehr wichtiges Thema." Der sonst oft recht temperamentvolle Politiker sagt das mit gespenstischer Ruhe. Als wäre er abgestumpft durch die vielen Male, die er jetzt seine Haushaltsrechnung umschmeißen und neue Milliardensummen hereinrechnen musste.

Gewaltige Probleme binnen Sekunden kleingeredet

Ähnlich abgeklärt wirkt Commerzbank-Chef Blessing. "Nur weil's mal regnet, kann man nicht auf den Platz gehen und sagen, ich spiele heute nicht", sagt er. Vor ein paar Monaten, als die Commerzbank die Dresdner-Bank-Übernahme bekannt gab, galt Blessing als "neuer Supermann der deutschen Finanzwelt", wie Beckmann sagt. Mittlerweile hat sein Konzern den Staat zweimal um Hilfe gebeten, über 18 Milliarden Euro Bundeshilfe fließen jetzt in das Geldinstitut, dafür steigt der Staat zu 25 Prozent bei der Bank ein.

Blessing und Steinbrück wollen im Doppel zeigen, dass Beamte und Banker sich eigentlich ganz gut ergänzen. Steinbrück motzt, man solle doch die Diskussion um die vermeintliche "Staatsbank" endlich "runterzurren". Blessing sagt freundlich, die Sperrminorität des Staates komme ja nur bei sehr wichtigen Entscheidungen zum Tragen.

Und dann nutzt der Commerzbank-Chef genüsslich den größten Vorteil des Fernsehens: Gewaltige Probleme binnen Sekunden kleinreden zu können.

Beckmann erwähnt die hohen Risiken, die noch in den Büchern der Commerzbank-Tochter Eurohypo lagern. Manche Experten sprechen von einer zweistelligen Milliardensumme. Und Blessing sagt einfach, in der Krise steige das Risiko von Krediten immer. Das sei der Kern des Bankengeschäfts.

Zum Schluss gibt allerdings auch Blessing zu, er würde gern so gut rechnen können wie Zahlengenie Tammet. Aber möglicherweise würde auch ein Zahlengenie an den Rechnungen verzweifeln, die Blessing und Steinbrück derzeit aufmachen müssen. Und selbst, wenn nicht: Menschen, mit Begabungen wie Tammet gibt es laut Beckmann nur 50 weltweit.



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