Steinbrück und Guttenberg bei Anne Will Fast wie Plisch und Plum

Vergessen ist das öde Kanzlerduell der Vorwoche. Bei Anne Wills letzter Sendung vor der Wahl zeigten Wirtschaftsminister Guttenberg und Finanzminister Steinbrück, was ein wirkliches Streitgespräch ist - und dabei ergänzten sich die beiden trotz ihrer Differenzen prächtig.
Von Reinhard Mohr
Das war doch mal ein Duell: Die Minister Guttenberg und Steinbrück bei "Anne Will"

Das war doch mal ein Duell: Die Minister Guttenberg und Steinbrück bei "Anne Will"

Foto: NDR

Das war doch mal ein Duell. Die Sekundanten waren pünktlich erschienen, und am Ende legten die Kontrahenten, die man schön nebeneinander gesetzt hatte, sogar ein gewinnendes Lächeln auf. Da beide noch einen recht munteren Eindruck machten, darf man von einem leistungsgerechten 1:1 sprechen.

Am letzten Sonntagabend vor der Bundestagswahl trafen Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) und Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) bei Anne Will (Thema: "Die Rechnung, bitte! Wer muss bezahlen nach den Wahlen?") aufeinander, sekundiert nur von DGB-Chef Michael Sommer und BDI-Präsident Hans-Peter Keitel und - o Wunder -, es kam über längere Strecken tatsächlich zu einem direkten Wortgefecht, das von keiner Intervention der Moderatorin und keinem launigen Einspielfilmchen unterbrochen wurde. Danke dafür.

Der unmittelbare Effekt: Man konnte tatsächlich Unterschiede bemerken, so schwierig es mitunter sein mochte, dem Steuerfachgespräch in allen Details zu folgen. Der normale Zuschauer erhielt allerdings immer wieder eine Art Hörhilfe zum Mitdenken. "Gaga" nannte Steinbrück die Pläne von Union und FDP zu Steuersenkungen, "absoluten Quatsch": "Wir werden die Steuern nicht senken können!" Allein die neuen Schulden in Höhe von 100 Milliarden Euro und die erwarteten Steuermindereinnahmen von insgesamt 320 Milliarden machten dies unmöglich. Diese "normative Kraft des Faktischen" werde im Übrigen auch die Christdemokraten ereilen.

Und dann machte er noch jene Rechnung auf, die SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier am Sonntag zuvor beim angeblichen Duell mit Kanzlerin Angela Merkel präsentiert hatte: Sage und schreibe neun Prozent Wachstum, also chinesische Verhältnisse, bräuchte man, um eine Steuersenkung im Volumen von 50 Milliarden zu finanzieren. Anne Wills schüchterner Hinweis darauf, dass es da schon vor einer Woche Experten gegeben habe, die dies als Milchmädchenrechnung bezeichneten, da sie mehrere Faktoren einer synergetischen Wachstumsdynamik außer Acht lasse, überging Steinbrück.

Wasser in den Steuersenkungswein

Dafür griff Karl-Theodor zu Guttenberg zu dem losen Seil und hakte nach: "Wo bleibt bei Ihnen das Wachstum? Wo die Leistungsträger?" Gewiss, man müsse "vernünftige Entscheidungen" treffen, die FDP gehe da zu weit mit ihren Steuerversprechen, und selbstverständlich kenne auch er die Zahlen, aber es gehe eben vor allem um eine dynamische Betrachtungsweise, nicht um "innere Stagnation". Die "kalte Progression" bei den Steuerabgaben der mittleren Einkommensschicht etwa demotiviere die Leistungsträger, und eigentlich ist man sich hier auch parteiübergreifend einig. Doch Steinbrück goss gleich wieder Wasser in den Wein: Bis zu 30 Milliarden koste allein die Abschaffung der "kalten Progression", der schleichenden Steuererhöhung durch steigende Bruttolöhne.

Guttenbergs Konter, auch die SPD verspreche eine "Steuerentlastung", retournierte der Finanzminister mit dem Hinweis auf eine solide Gegenfinanzierung durch die Erhöhung des Einkommenssteuerspitzensatzes auf 47 Prozent, die kleine "Reichensteuer" der SPD. Unter Helmut Kohl habe der Höchstsatz mal 53 Prozent betragen. Die Republik habe dies auch nicht zusammenstürzen lassen. Freilich waren damals die Sozialabgaben niedriger als heute.

So ging es hin und her, aber trotz aller Untiefen in der Argumentation schälten sich die Positionen deutlich heraus: Steinbrück - "Ich bin der Depp" - betont vor allem die Imperative von Haushaltskonsolidierung, Schuldenrückführung und Sparen, während Guttenberg eher auf Stimulationselemente einer Wachstumsdynamik nach der Krise setzt, Prinzip Hoffnung eingeschlossen. Auch er sieht "ein hartes Jahr" auf dem Arbeitsmarkt, in dem "Stürme" drohen und "Verzicht" angesagt ist, aber er möchte den Stier gleichsam bei den Hörnern packen.

Steinbrück und sein Mona-Lisa-Lächeln

Skepsis versus Optimismus. Beide Kontrahenten hielten sich jedoch bedeckt, was genaue Zahlen betrifft. So kurz vor der Wahl will niemand die Leute mehr als unbedingt nötig verschrecken.

Auffallend allerdings, wie sehr die beiden sich auch ergänzten. Manch einem mag die Erinnerung an Karl Schiller und Franz-Josef Strauß gekommen sein, den SPD-Wirtschafts- und CSU-Finanzminister der Großen Koalition 1966 bis 1969. "Plisch und Plum" nannte man sie damals. Sie stritten und versöhnten sich, insgesamt mit Erfolg.

Denn selbstverständlich ist es die Aufgabe des Finanzministers, das Geld zusammenzuhalten, ebenso wie es die Pflicht des Wirtschaftsministers ist, die Wachstumsbedingungen der Wirtschaft zu verbessern. So hätte man sich dieses Duell auch bei einer routinemäßigen Kabinettssitzung im Kanzleramt vorstellen können, und jenseits der flotten Wahlkampfformulierungen - "Sie boxen in Watte, Herr Guttenberg! Alle mal aufstehen, wer hier im Studio mehr als 250.000 im Jahr verdient!" - war der gegenseitige Respekt nicht zu übersehen.

Mehr noch: Steinbrück, dessen Mona-Lisa-Lächeln seit Wochen anhält, hat für sich längst schon klar Schiff gemacht: Entweder gibt es nach dem kommenden Wahlsonntag eine schwarz-gelbe Koalition, dann ist er weg - oder die Große Koalition macht weiter: Dann kann er bleiben. Der Rest ist Gelassenheit, und so klingt es doch ein wenig nach wahlkämpferischer Pflichtübung, wenn Steinbrück das schwarz-gelbe Gespenst des "Kahlschlags" bemüht, bei dem der "markttheologische Teil der FDP" mit dem Wirtschaftsflügel der CDU gemeinsame Sache machen werde und das Land, so darf man vermuten, ins Unglück stürze.

Die Ampel korrigieren

Hier stieß Guttenberg sogleich zu: Warum strebe der SPD-Kanzlerkandidat dann selbst eine "Ampelkoalition" unter Beteiligung der "markttheologischen" FDP an? Gott bewahre, erwiderte Steinbrück. Die SPD wäre dann ja "das Korrektiv".

Die traditionsreiche Sozialdemokratische Partei Deutschlands als "Korrektiv" von Guido Westerwelle & Friends - besser kann man Lage und Selbstbewusstsein der SPD im Herbst 2009 nicht formulieren.

Apropos: 60 Prozent aller SPD-Wähler schätzen Karl-Theodor zu Guttenberg - so zitierte Anne Will eine aktuelle Umfrage. "Er sieht einfach besser aus", sagte Steinbrück lächelnd. Guttenberg strahlte. Also doch Plisch und Plum.

Die Sekundanten übrigens verbrachten einen ruhigen Abend.

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