Steinmeier bei Illner Der Kandidat kann auch kurzweilig

Dröge wie ein Ministerialbeamter? Der SPD-Parteitag scheint Frank-Walter Steinmeier neue Lebensgeister eingehaucht zu haben. Bei Maybrit Illner gab er sich geradezu witzig - auch wenn es nicht jede Pointe ins Fernsehen schaffte.

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Talkshows haben es oft an sich, dass der Zuschauer das Schönste nicht sieht. Entweder weil die Kameras noch nicht laufen oder bereits wieder abgeschaltet sind. So war es auch am Donnerstagabend bei Maybrit Illner. Es begann mit der Aufklärung des Publikums im Saal. Dies sei jetzt eine Aufzeichnung, so Illner. Normalerweise sende man ja live, da ist es spät am Abend. Jetzt aber sei es ja erst 14.30 Uhr.

Kanzlerkandidat Steinmeier: Neue Souveränität
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Kanzlerkandidat Steinmeier: Neue Souveränität

"Deshalb haben wir hier überall hübsche schwarze Gardinen vor den Fenstern, um den Abend zu simulieren", erklärte Illner in ihrer für sie typischen "Ist das nicht alles putzig"-Attitüde. Weil es dann aber wieder ganz schön dunkel wäre, gäbe es viele schöne Scheinwerfer, die man hoch- und runterfahren könne.

"So ist das beim Fernsehen, und das funktioniert auch alles", sagte Frau Illner, die offenbar davon ausgeht, dass ihr Publikum zu Hause noch Schwarzweißapparate hat und sich vor Faszination kaum auf den Sitzen halten kann. "Und wenn es nicht funktioniert, dann sagen Sie zu Hause, Sie waren bei Sat.1".

Illner hatte sich den SPD-Politiker und Außenminister Frank-Walter Steinmeier eingeladen, um ihn einem ausgiebigen "Kanzlerkandidaten-Test" zu unterziehen. Steinmeier war zuvor schon solo bei Anne Will, Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann.

Da durfte Frau Illner als Testerin freilich nicht fehlen. So ganz traute sie dabei wohl ihren eigenen Fähigkeiten nicht, eine ganze Stunde mit ihm allein durchzustehen. Solo gastierte Steinmeier bei ihr nur die ersten 30 Minuten, dann wurde er vom IG-Metall-Chef Berthold Huber und vom Wirtschafts-Megaphon Hans-Olaf Henkel flankiert. Zu wach waren offenbar die Erinnerungen in der Illner-Redaktion an die vorangegangen Fernsehauftritte des SPD-Kandidaten.

"Wollen Sie mich unterwegs abwerfen?"

Bei Kerner hatte er allenfalls das dröge Format eines Bürgermeister-Bewerbers, nett drapiert neben seiner Frau Ehefrau Elke Büdenbender. Irgendwann wusste selbst Kerner nicht mehr weiter und ließ ihn einen Citroën 2CV reparieren, statt ihn weiter zu befragen. Bei Beckmann war Steinmeier mal komplett geistesabwesend, mal dauerten seine Antworten mäandernde drei bis vier Minuten lang.

Anders bei Illner. Seine für seine Verhältnisse fulminante Parteitagsrede vor knapp zwei Wochen muss ihm offensichtlich neue Lebensgeister eingehaucht haben. Sogar zu netten Scherzen war er aufgelegt. Auf die Frage von Henkel, wo er denn am Abend hinfliege, entgegnete Steinmeier: "Genua, zum G-8-Treffen." "Ach", so der frühere Wirtschaftsboss und bekennende Sozen-Hasser, "ich fliege nachher nach Neapel." "Jetzt bieten Sie mir sicher gleich an, Sie könnten mich mitnehmen und unterwegs abwerfen?", so Steinmeier. Leider waren auch bei diesem Gag die Kameras noch ausgeschaltet.

Doch auch als sie schließlich liefen, erinnerte kaum noch etwas an das Ministerialbeamten-Image, das der Außenminister lange mit sich herum trug. Zu Beginn zankten sich Illner und er, ob man nun zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan "Krieg" sagen dürfe oder nicht. Dann widersprach er vehement dem Eindruck, die Kanzlerin sei die Frau der klaren Worte, er dagegen nur der Ober-Diplomat, der seine Worte abwäge.

Ob gegenüber Putin oder der chinesischen Führung; er betreibe Menschenrechtspolitik nicht für den "einmaligen Augenblick", sondern kontinuierlich hinter den Kulissen. Auch wenn es inhaltlich nichts anderes war als das, was er immer auf solche Fragen sagt, wirkte es überzeugender. Vielleicht auch weil sich Steinmeier auf die fernsehtaugliche Länge von 1:30 Minuten kaprizierte und nicht bei jeder Antwort noch von Krethi und Plethi zu berichten wusste.

Natürlich kam auch Illner nicht an der Frage vorbei, "ob man, bei einem SPD-Wahlergebnis von 20 Prozent wie bei der Europawahl, überhaupt noch Wahlkampf machen" muss. Ein Paartherapeut durfte im "Ist das nicht alles putzig"-Einspielfilmchen bierernst das zerrüttete Verhältnis zwischen der SPD und ihren Wählern analysieren und im Publikum das frühere Juso und jetzige Linkspartei-Mitglied Luigi Wolf erklären, warum er die SPD nicht mehr wählen könne (völkerrechtswidriger Krieg, unter ihrer Führung sei Deutschland zum Waffenexporteur Nummer eins geworden, Hartz IV als Armut per Gesetz ...).

Steinmeier entgegnete nur trocken, so ganz riesig könne die Wählerwanderung von der SPD zur Linkspartei ja nicht sein, "sonst wäre Luigi Wolf heute nicht schon zum dritten Mal in Ihrer Sendung". Leider bekam der Zuschauer am Bildschirm auch diese Pointe nicht mit, da sie rausgeschnitten wurde.

Wo Steinmeier früher häufig angestrengt wirkte, reagierte er bei Illner souverän. Als die Moderatorin ihm vorrechnete, dass das Risiko der Armut in Deutschland zwischen 1999 und 2007 von rund 12 Prozent auf rund 16 Prozent kletterte ("Keine schöne Bilanz für eine SPD-Kanzlerschaft"), sagte Steinmeier: "Es hat keine SPD-Gesetzgebung zur Verursachung von Kinderarmut in Deutschland gegeben."

Das mag eine Platitude sein, aber die Replik wirkte in ihrer Schlichtheit. Niedrige Löhne würden schließlich nicht von der SPD bezahlt, sondern von den Unternehmen. Menschen würden nicht von der SPD in die Arbeitslosigkeit entlassen, sondern von den Unternehmen. Die Krise habe nicht die SPD verursacht, sondern die Banken, die "dann kohortenweise zu uns kamen, weil sie mit ihrem Latein am Ende waren", so Steinmeier.

Am Ende stellte sich heraus, dass Illner auf die beiden Zusatzgäste gut hätte verzichten können. Sie hatten kaum Wortbeiträge, und die Sendung wirkte trotzdem kurzweilig. Huber kam sich vor "wie die Petersilie zur Garnierung, aber das ist schon in Ordnung". Gerne hätte er sich in der Sendung etwas mehr mit Henkel gefetzt, der kürzlich im "SZ-Magazin" verkündete, er sei in den Talkshows so etwas wie der "Verkünder der Vernunft".

Als Henkel schließlich nach der Sendung auf den Gewerkschaftsboss zuging, um sich wie häufig nach solchen Auftritten mit ihm zu verbrüdern, wandte sich Huber ab, zeigte auf die Uhr und sagte: "Sie müssen doch sicher gleich zum Flieger nach Neapel." Leider war auch in diesem Moment die Kamera schon abgeschaltet.



insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
RRudi 26.06.2009
1. Wahlkampfhilfe für drögen Kandidaten
Ist doch schön, dass sich Spiegel und Spiegel online immer wieder offen zu einer politischen Richtung bekennen. Wozu sollten Medien auch neutral sein?
Kulturkontor, 26.06.2009
2. MJ ist mir lieber
Zitat von sysopDröge wie ein Ministerialbeamter? Der SPD-Parteitag scheint Frank-Walter Steinmeier neue Lebensgeister eingehaucht zu haben. Bei Maybrit Illner gab er sich geradezu witzig - auch wenn es nicht jede Pointe ins Fernsehen schaffte. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,632685,00.html
Wenn ich die Wahl hätte zwischen Michael Jackson und Herrn Steinmeier, dann würde ich mich für Jackson entscheiden. Wer würde das nicht? Dann käm mal ein bißchen Schwung in die Bude.
frubi 26.06.2009
3. .
Zitat von sysopDröge wie ein Ministerialbeamter? Der SPD-Parteitag scheint Frank-Walter Steinmeier neue Lebensgeister eingehaucht zu haben. Bei Maybrit Illner gab er sich geradezu witzig - auch wenn es nicht jede Pointe ins Fernsehen schaffte. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,632685,00.html
Ich frage mich immer wenn Politiker reden, wieso es sich so anhört als würden denen ein Mann im Ohr als vorsagen. Da ich noch nicht um 22:15 schlafen wollte habe ich mich auf Vox mit der X-ten Wiederholung von Alien 4 begnügt. Obwohl der Unterschied zwischen Politiker und sabbernden, menschenfressenden Aliens nicht besonders groß ist, war mir die Fiktion lieber als die Realität.
sol7 26.06.2009
4. PR-Artikel
Jetzt fragt sich nur: Wieviel hat der Schreiber für diesen SPD-PR-Artikel bekommen? Sehr ärgerlich, so etwas in Spiegel Online zu lesen.
rempfi, 26.06.2009
5. Es war wie üblich
die Talkmasterin war nicht in der Lage oder Willens die Lüge von den angeblich geschaffenen Arbeitsplätzen mit Fakten so zu belegen, daß FWS rot geworden wäre. Auch wird wie üblich nur ansatzweise kritisiert, Häuptling Weisshaar, die billige Schröder-Kopie, die entscheidend an H4 mitgewirkt hat, darf jeden Bullshit von sich geben, auch dem Retter der dt. Wirtschaft Olaf Henkel gibt keiner Paroli, selbst Huber hockt da und schaut nur zu. Man könnte fast denken wir leben in einer Mediendiktatur, in der nur noch das zählt was "oben" empfunden wird, Hauptsache mein Geldbeutel stimmt, und die Shareholder erhalten ihre Kohle. Ich stelle jedes mal fest, es ist Zeitverschwendung sich solchen Lobby-Talksendungen noch zu widmen. Frau Illner sollte entweder ihren Job quittieren, oder Journalismus betreiben und sich nicht mit Bullshit abspeisen lassen.
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